Die Politik des Für-blöd-Haltens

9. März 2010, 19:18

Die offizielle Politik drückt sich vor der klaren Benennung katastrophaler Zustände - Sie glaubt, mit Schmäh durchzukommen

Derzeit dominiert bei uns das Sich-blöd-stellen, beziehungsweise andere für blöd halten. Einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

Der Rechnungshof erklärt den Assistenzseinsatz des Bundesheeres - schwer bewaffnete junge Männer kontrollieren im Grenzland Kellerfenster und Autotüren - zu einer immens teuren (zwischen 12 und 30 Millionen Euro) und so gut wie sinnlosen Maßnahme. Die Regierung, vom Kanzler abwärts, will diese Geld-und Ressourcenverschwendung trotzdem beibehalten, denn sie "erhöhe das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung". Krasser kann man die populistische Scheinpolitik unserer Regierung gar nicht darstellen. Um die Summen könnte man 270 Polizeibeamte anstellen, aber die Regierung stellt sich blöd und hält die Bevölkerung für blöd.

Ein verwandtes Thema ist die Diskussion um Erstaufnahmezentren für Asylwerber. Der gesunde Menschenverstand und die Meinung von Experten sagt einem, dass es organisatorisch besser, sozialverträglicher und humaner wäre, dutzende kleinere Zentren einzurichten statt große Lager, wo schon die beabsichtigte Architektur an die Dreißigerjahre erinnert. Die Innenministerin gibt zu, dass sie solche Großlager eh schon am anus mundi errichten, dann aber noch eine Ausgangssperre draufpacken will, damit die spärliche ortsansässige Bevölkerung nicht den Anblick von spazieren gehenden Asylanten ertragen muss.

Auch das wieder reine Augenauswischerei-Politik: Statt das Problem anzupacken und ordentlich zu managen, versucht man die Asylwerber aus dem Blickfeld zu drücken.

Der Obmann der Pensionsversicherungsanstalt erklärt, dass die Einnahmen aus den Pensionsbeiträgen nicht reichen , um die von der Regierung beschlossene Pensionserhöhung um 1,5 Prozent zu decken und dass daher aus Steuergeldern der Staatszuschuss erhöht werden muss. Er schlägt vor, nachzudenken, ob die Pensionserhöhungen immer an die Inflation gekoppelt werden sollen. Die Chefs der Seniorenverbände, Khol (schwarz) und Blecha (rot), ehemalige hohe Politiker, schreien Zeter und Mordio. Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, komme überhaupt nicht in Frage, so lautet (in Übersetzung), ihre Reaktion. Der Gedanke, vielleicht eine Zielabwägung zu machen - soll der Staat eher in den Ausbau des Pensionssystems investieren anstatt in Zukunftsprojekte - kommt ihnen nicht einmal im Traum.

Schließlich noch eine schlichte Frage: In welchem Zustand befindet sich ein Gemeinwesen, dass im Jahre 2010 eine extrem rechte Kandidatin erstens von einer ziemlich großen Parlamentspartei in die Bundespräsidentenwahl geschickt wird, zweitens erst dazu gezwungen werden muss, sich wenig überzeugend vom Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu distanzieren?

In Wirklichkeit ein demokratiepolitischer Super-GAU. Aber die offizielle Politik drückt sich um eine klare Benennung dieses Zustandes. Wie sonst ja auch. Die jetzige Politikergeneration glaubt, mit Schmäh durchzukommen, gestützt durch Inserate in den Krawallzeitungen. (Hans Rauscher/DER STANDARD-Printausgabe, 10.3.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 176
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tt7
00
17.3.2010, 12:00
treffend formuliert

und es hört nicht auf: Verwaltungsreform, Mißbrauch der Haklerregelung, Nichtrauchergesetz, ignorieren der Kyotoziele .... und eine minderbemittelte (FPÖ) oder zahnlose (grün) Opposition.

skip it
00
11.3.2010, 14:39
wieso muessen eigentlich erst auslaendische journalisten kommen,...

...kommen, um SOLCHE buecher zu schreiben?

http://www.amazon.de/Ach-Austr... 592&sr=8-1

eine PFLICHTlektuere fuer alle tatsaechlich diese republik liebenden.

ps: die dame kann gleich mit einem fortsetzungsband beginnen (hypo kaernten, noe-gelder, rosenkranz...).

A Voice
01
11.3.2010, 11:18
Da könnte man noch endlos

fortsetzen - Bankgeheimnis: nutzt nur Steuerhinterziehern,
Steuerverteilung: nutzt nicht den Leistungsträgern (die, die was hackeln)
Bildungssystem: weit hinter dem Stand der Wissenschaft
es geht noch endlos weiter...

Immer dasselbe: komplette Verantwortungslosigkeit, bzw fehlendes Verantwortungsbewusstsein :-( Partei, oder noch enger, die persönlichen Freunderln statt Staat (alle)

Gij bent'm
02
10.3.2010, 18:51
politik in austria

hat für mich immer den einschlag des extrem provinziellen. nicht nur kärnten, sondern die ganze republik.
aber das ist nicht verwunderlich. die politischen kasten sind in allen ländern verhältnismässig klein und in einem kleinen land besonders. das fällt mächtig auf.

immerhin ist ganz österreich ungefähr so gross wie zentral-london.

ein land wie ein dorf.
politik wie auf'm dorf.

ö4
01
10.3.2010, 16:47
Genau! Sich-blöd-stellen und alle für blöd erklären, die einen Missstand ansprechen

Den Abwälz-Vorgang kenne ich nur zu gut von stinkfaulen männlichen Chefs und Arbeitskollegen, die sich um alles drückten und mir zuschoben was sie nicht tun wollen. Etwas NICHT zu lernen und NICHT zu können zahlt sich immer aus und schützt vor stressiger Arbeit. Dafür bekamen sie auch wesentlich mehr bezahlt.

Dazu passt der Spruch: "5 Minuten blöd stellen ist besser als 5 Stunden arbeiten." Wagt man es, die daraus resultierende Misswirtschaft zu kritisieren oder kommt man durch die Mehrfacharbeit gar in Stress, muss man natürlich desavoiert und für blöd erklärt werden.

Hat sich in Österreich die Nazi-Tradition so eingebürgert niemals selbst für eigene Fehler haften zu müssen? Es muss immer ein Sündenbock her, der alles ausbaden darf.

A Voice
00
12.3.2010, 09:33
Diese Tradition

ist viel älter - das war schon unter k.k. beste Tradition und stammt wahrscheinlich aus Altägypten (wenn man sich ein bisschen in damaligen Schriftrollen umliest)

Kein Fehler machen ist wichtiger als was zu leisten - das ist Punkt 1
und Punkt 2 ist eben, alle anderen schuld sein zu lassen, wenn doch Fehler passieren.

Die Aufhebung des Fehlers, bzw die Lösung des Problems ist dabei völlig nebensächlich.

Räuber Hotzenplotz wäre heute Bankster
09
10.3.2010, 16:37
Diesmal voll ins Schwarze, Herr Rauscher!

"mit Schmäh..." Klingt lustig, ist es aber gar nicht.
Der bla*de Krapfenkanzler Pröll z.B. grinst immer quietschvergnügt wie der Fünfer aus'm Kaisermühlen-Blues,
während die NS-Rappelköpfe Renaissance feiern, die Bereiche Soziales, Arbeitsmarkt, Pädagogik, Gesundheit, Verwaltung kurz vorm Kollabieren sind, die Aufklärung von Kriminalität an einem historischen Tiefststand angekommen ist, aber unsere Justiz in Pröll-Manier zu einer fröhlichen Mega-Spatzenjagd auf Tierschützer bläst und damit wertvollste Personal- und Budgetressourcen verschwendet.

Wir sind anscheinend echt dümmer als die Statisten im letzten Bundesheer-Video.

skip it
00
11.3.2010, 14:35
und da soll was weitergeh'n in diesem land?...

...wenn alle so parteiblind und durchs leben tappen wie sie?

zum schoenstgefoehnten laechler seit grasser, dem herrn bundeskanzler faymann, faellt ihnen gar nix ein?

SO wird des nix.

und der strache reibt sich die braunen handerln.

ivoryhunters
01
10.3.2010, 15:31
lieber herr rauscher

ich bin zwar fast nie ihrer meinung.
aber hier stimmts.
ALLES ist besser als das, was diese regierung macht.

entweder ist es wirklich die angst vor der nächsten wahl (aber leider gibts immer eine nächste)
oder
unsere politiker sind wirklich nur am sogenannten futtertrog interessiert
oder
sie sind einfach nur grenzenlos inkompetent.

denn dass man mit sinnvollen maßnahmen wahlen verliert, stimmt einfach nicht. nicht einmal in österreich.

wir sind unglaublich reform und beratungsresistent. ich glaube ehrlich gesagt schon länger nicht mehr an unsere lernfähigkeit.

Renzo Pasolini
11
10.3.2010, 15:16
Und die Mehrheit der dummen Wiener glaubt sicher,

dass "Heute" gratis ist!

Walter Reisinger
00
17.3.2010, 13:53

weil der sozialismus "Öko-voodoo-Zauber" mit viel
irrelevanten Zahlenschlamm"
statt Faktenbasierter Wirtschaftswissenschaft
auch bereits unimäßig installiert hat...
nicht nur als "akademisches"propagandainstrument
ja..die selbstsuggestion wird von den initiatoren bereits selbst geglaubt..

tramezzino
00
10.3.2010, 17:00

für den leser schon...

Boetius
00
10.3.2010, 16:56
Sorry, aber Sie sind nicht sonderlich integrationswillig!

Ubaldini
02
10.3.2010, 15:11

Das politische System hat sich einbetoniert, in Österreich besonders fest. In den etablierten Parteien wird negative Selektion betrieben. Dummheit und ein Hang zur Korruption sind unabdingbare Aufstiegsvoraussetzungen.

Neue Parteien zum Erfolg zu bringen ist fast unmöglich. Andere Korrektiva gibt es kaum weil fast alles vom Parteienfilz überwuchert ist.

Was die Fürblödhalter nicht verstehen ist dass solche unreformierbaren Systeme entweder irgendwann zerbröseln oder mit Gewalt zerbrochen werden (1789 und 1989 sind Beispiele). Und oft kommt nichts besseres nach.

princeps legibus solutus
04
10.3.2010, 15:11
ausgezeichneter kommentar

politik besteht in der realität im prinzip nur mehr aus durschsetzung von partikularinteressen ohne auch nur irgendwie auf rational begründete erfordernisse zur verbesserung des allgemeinwohls rücksicht zu nehmen. in erster linie resultiert das wohl aus feigheit, es wird den umfragen hinterhergewurstelt - sind die maßnahmen auch noch so dämlich, anstatt selbst konzepte vorzulegen und dafür um mehrheiten zu kämpfen.

ganz unschuldig sind aber auch die seriösen medien nicht. auch sie verlieren sich in der regel in detaills, anstatt dass sie nicht rational begründbare maßnahmen generell bekämpfen.

die folge aus dem ganzen ist, dass die jungen aufgrund ihrer geringen zahl, immer das nachsehen haben

misanthropie
01
10.3.2010, 14:30
Oh your god

ein gutes kommentar vom rauscher!

Der Waehlerwille
 
00
10.3.2010, 17:39
Das Teller ist schmutzig!

Aufreger
03
10.3.2010, 14:15
Rauscher hat recht; am meisten regt mich auf das der Durchschnittsösterreicher in unserer Demokratur nichts dagegen unternehmen kann...

unser System ist so aufgebaut das möglichst wenig verändert werden kann, es gibt jede Menge institutionalisierte Lobbys (Kammern, Bünde, Gewerkschaften) die eine staatmännische Politik de facto unmöglich machen.

kriemhilt
01
10.3.2010, 16:11

Unmöglich nicht, aber es würde Politiker/innen bedürfen, die ausnahmsweise mal das Gemeinwohl wieder ins Zentrum ihrer politischen Aktivitäten rücken und dafür bereit sind, wenn nötig auch unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen. Und solche Politiker/innen sind in diesem Land scheinbar äußerste Mangelware.

locken
00
10.3.2010, 17:34
Unsere Politiker vertreten nur mehr sich selbst !!

Frau Eisbär
05
10.3.2010, 13:47

Und damit die Bevölkerung weiterhin blö* bleibt, dafür sorgt unser Bildungssystem! Und die ÖVP sorgt dafür, dass das so bleibt. Und die Kronenzeitung.

snufkin
01
10.3.2010, 14:41

Genau das ist das Problem!

Wir sollten alle dafür kämpfen, dass Bildung verbessert und so viele Leute wie möglich Zugang zu guter Bildung haben und diese auch suchen.

Die Bevölkerung verblödet zunehmends, und irgendwann - hm.. leider bereits jetzt - werden wir von den Verblödeten regiert, denen die Verbesserung des Bildungssystems nichts mehr bedeutet, da sie ja selbst keinerlei Bezug zum Wert eines geschärften Geistes haben. Die Leute mit Grips bekommen langsam Seltenheitswert.

Es gilt, irgendwie aus dieser geistigen Abwärtsspirale auszubrechen ...

pardon!
04
10.3.2010, 13:03

naja, zum "für-blöd-halten" gehört aber auch, dass sich jemand für blöd halten lässt. ich bezweifle stark, dass die etablierten parteien überhaupt noch ausreichend publikum für ihr fürblödhalterei finden. dass dann rabauken und irrlichter ein potenzial von 30% und mehr ansprechen, darf nicht verwundern.

die restlichen 70% lassen sich nicht für blöd verkaufen, die haben nur mehr angst vor einem neuen führer, und die lässt sie von den zwei übeln das mit sicherheit geringere wählen, auch wenn sie geradezu in die arme der rechtsaußenfraktion getrieben werden.

das volk hat aber ansonsten schon sehr oft mit instinkt und intelligenz gewählt. daher wird frau rosenkranz einstellig bleiben und dann hoffentlich wieder abtauchen.

LadyDoolittle
00
10.3.2010, 16:02
"naja, zum "für-blöd-halten" gehört aber auch, dass sich jemand für blöd halten lässt."

"Die restlichen 70% lassen sich nicht für blöd verkaufen."

Und wie sieht das aus??? Stimmvieh alle vier, ab jetzt 5 Jahre. Mit Wahlversprechen, die nie eingehalten werden?

Welches Ergebnis haben die letzten Wahlen gebracht. Zweimal stellten die Nichtgewinner den Kanzler - mit rechts außen. Gusenbauer wurde - nach meiner Meinung ungerechtfertigt - zerfleischt. Ist Faymann besser???

Ich warne allerdings davor, eine Demo zu planen und Gleichgesinnte zu mobilisieren. Dann wendet der Staat nämlich den § 278 a an. Terroristische Vereinigung.

Wir werden uns beim Regieren doch nicht stören lassen.

Unsere Chance für einen Tag kommt wieder - in vier Jahren.

pardon!
01
10.3.2010, 21:32

faymann ist mitnichten besser, er ist für die roten dinosaurier leichter beherrsch- und manipulierbar als gusenbauer, dem man manchmal fehlendes fingerspitzengefühl, sicher aber nicht fehlenden intellekt vorwerfen konnte. faymann, und so nebenbei pröll auch, sind. ich versuche es höflich, nicht gerade selbstbestimmte personen, die jedoch dem irrtum unterliegen, zu glauben, dass sie das wären.

was wir dafür können, erschließt sich zumindets mir leider nicht.

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