Prior: "Ich traue mittlerweile jedem alles zu"

9. März 2010, 19:19
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Bruno Becker, der Erzabt des Salzburger Stiftes St. Peter, habe Vergehen anderer Kirchenmänner an einem damals Zwölfjährigen aufklären wollen und sei so zum Täter geworden, erklärt der Prior des Stiftes - Der Verdächtige trat am Dienstag zurück

Nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe gegen den Erzabt des Stiftes St. Peter tritt die katholische Kirche in Salzburg zumindest teilweise die Flucht nach vorne an: Er bitte mögliche weitere Opfer eindringlich, sich zu melden, erklärte Prior Korbinian Birnbacher bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz von Stift und Erzdiözese. Dass es weitere Fälle sexuellen Missbrauches gebe, hält Birnbacher für möglich: "Ich traue mittlerweile jedem alles zu."

Aus eigenem Antrieb werde man aber nicht recherchieren, so Birnbacher, der als Prior der Stellvertreter des mit den Missbrauchsvorwürfen konfrontierten Erzabtes Bruno Becker (64) ist. Man könne die heutigen Adressen der ehemaligen Zöglinge des inzwischen aufgelassenen Klosterinternats nicht mehr auffinden. Diese wären aus Gründen des Datenschutzes vernichtet worden.

Mit der Information der Öffentlichkeit hatte man es in St. Peter jedenfalls nicht besonders eilig. Das heute 53-jährige Missbrauchsopfer wandte sich bereits im November an die Ombudsstelle der Erzdiözese Wien. Bereits vergangenen Dezember hat Becker dem Mann eine Summe von 5000 Euro als Entschädigung angeboten. Aber frühestens am 17. März, nachdem ein Konvent aller 22 Ordensmitglieder abgehalten worden sei, wollte Birnbacher die Öffentlichkeit informieren. "Der Druck der Öffentlichkeit ist zu groß geworden", gestand Birnbacher am Dienstag ein.

Kontakt mit der Staatsanwaltschaft haben die Kirchenmänner bisher nicht aufgenommen: "Ich wollte keinen Schnellschuss", so der Prior. Die Justiz selbst war von dem Fall aber bereits informiert, nachdem bereits im September eine Anzeige gegen Abt Becker eingegangen war. Das Verfahren sei aber eingestellt worden, da das Opfer nicht aussagen wolle, so eine Sprecherin der Salzburger Staatsanwaltschaft.

Missbrauch durch Patres

Nach den Angaben von Birnbacher, der sich auf eine "sehr fordernde Auseinandersetzung" mit Becker beruft, ist der sexuelle Übergriff an dem damals Zwölfjährigen im Zusammenhang mit anderen Missbrauchsfälle zu sehen: Becker, vor rund vier Jahrzehnten Priesterseminarist, habe von sexuellen Vergehen zweier Ordensbrüder an dem Buben erfahren und wollte diese aufklären. Bei der Aussprache mit dem Opfer sei er dann selber zum Täter geworden, so die Darstellung des Priors. Becker sei nicht der Einzige, der sich an dem Minderjährigen vergangen hatte. Dieser wäre vor rund 40 Jahren wiederholt durch zwei ehemalige Pater missbraucht worden.

Einer der beiden wurde am Landesgericht Salzburg 2008 wegen sexuellen Kindesmissbrauchs an minderjährigen Marokkanern verurteilt. Das Verfahren gegen den zweiten Mann ist laut Staatsanwaltschaft eingestellt worden, da er keinen Wohnsitz in Österreich hatte. Für das Vergehen seines Abtes, für das es keine Toleranz geben könne, hat Birnbacher eine Erklärung: Dieser sei als Zehnjähriger selbst von einer nichtkirchlichen Vertrauensperson sexuell missbraucht worden.

Auf Bitte von Abtpräses Christian Haidinger, dem nächsthöheren Oberen des Benediktinerordens in Österreich, nahm der beschuldigte Abt am Dienstag am turnusmäßigen Treffen der Benediktiner-Äbte Österreichs in Gut Aich / St. Gilgen teil. "Abt Bruno hat uns noch einmal alles genau erzählt und versichert, dass es nur diesen einen Übergriff gegeben hätte", erzählt der Abtpräses dem Standard. Dessen Rücktrittsgesuch habe er angenommen. Haidinger: "Er wollte es so." Vonseiten der Ordensleitung wollte man diesen Rücktritt offensichtlich nicht. Haidinger: "Es hätte eingehende Gespräche gegeben. Aber aus unserer christlichen Sicht könnte man doch wirklich sagen, wir glauben an Barmherzigkeit - es war nur der eine Fall. Aber ich stehe nicht an, mich offiziell für die Benediktiner in Österreich zu entschuldigen." (Thomas Neuhold, Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 10.3.2010)

  • Im Strafrecht können sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige verjähren. Die psychischen Folgen des Missbrauchs durch Vertrauenspersonen begleiten die Opfer freilich oft ein Leben lang.
    foto: matthias cremer

    Im Strafrecht können sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige verjähren. Die psychischen Folgen des Missbrauchs durch Vertrauenspersonen begleiten die Opfer freilich oft ein Leben lang.

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