Kolumbien wählt am Sonntag ein neues Parlament, die Partei von Präsident Uribe rechnet mit schweren Verlusten
Bogotá/Puebla - Eigentlich wollten die sechs ehemaligen "politischen Geiseln" der linksextremen Farc nichts mehr von Politik wissen. Dennoch treten sie kommenden Sonntag als Kandidaten bei den kolumbianischen Parlamentswahlen für die Liberale Partei an. "Ich will mich dafür einsetzen, dass Praktiken wie Korruption und Stimmenkauf endlich ein Ende haben" , begründete Luis Eladio Peréz seine Entscheidung.
Die Liberalen hoffen, dass ihnen das Prestige der Entführten Zugewinne bringt. Sowohl sie als auch die Konservative Partei stecken in einer schweren Krise. Die vergangenen acht Jahre standen im Zeichen von Álvaro Uribe, der 2002 als unabhängiger Kandidat angetreten war und Präsident wurde. Nach seinem Sieg gründete er eine eigene Partei, die bei den darauffolgenden Parlamentswahlen die Mehrheit errang. Doch Uribe darf im Mai nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Mit dem Ende seiner Präsidentschaft droht sein rechtsgerichtetes Parteienbündnis "Partei der U" zu kollabieren. Die Opposition glaubt nun an einen Machtwechsel bei den Parlamentswahlen.
Der Urnengang ist auch ein Vorzeichen für die Präsidentenwahl Ende Mai. Uribes designierter Nachfolger, Juan Manuel Santos, geht zwar mit einem Vorsprung ins Rennen. Doch die Partei der U steht nicht geschlossen hinter ihm. Zudem sind zahlreiche ihrer Politiker wegen Korruption diskreditiert, oder sitzen wegen Verbindungen zu rechten Paramilitärs in Haft. Dies dürfte der Partei an den Urnen zusetzen.
Drogengeld
Anders als bei bisherigen Wahlgängen spielte die Farc in diesem Jahr kaum eine Rolle. "Die Guerilla ist durch Uribes Politik in der Defensive. Diese Wahlen dürften die friedlichsten und freiesten der vergangenen 20 Jahre werden" , sagte Militärexperte Alfredo Rangel. Die Gefahr der Infiltration der Kampagnen mit Drogengeldern bestehe allerdings weiterhin.
Eine Flut an unabhängigen Kandidaten und kleinen Parteien macht klare Mehrheiten im nächsten Kongress unwahrscheinlich - eine Herausforderung für den nächsten Präsidenten. Der linke Polo Democrático, bisher drittstärkste Kraft im Parlament, ist zwischen einem pro-chavistischen Flügel und einem moderaten, sozialdemokratischen Lager zerstritten. Die Konservativen und Liberalen unterscheiden sich programmatisch kaum. Manche Kandidaten setzen daher auf Spezialeffekte. Die konservative Kandidatin Maria Fernanda Valencia will etwa für ein Magazin nackt posieren, sollte sie gewählt werden. Ob das die Kolumbianer Sonntag zur Wahl motivieren kann, ist jedoch mehr als fraglich. (Sandra Weiss/DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2010)