Mark Terkessidis

Partizipation ist machbar, Herr Nachbar

09. März 2010 17:02
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    Foto: apa

    Essayist Mark Terkessidis über die Chancen des Miteinanders.

Der deutsche Publizist und Essayist plädiert für die Chancen der "Interkultur"

Wien - Man muss seine fleischlichen Begierden nicht zwangsläufig am Döner-Stand befriedigen, um zu wissen: Migration - der Zuzug in europäische Stadträume - ist kein abzuwendendes Übel, sondern eine Tatsache. Der Publizist Mark Terkessidis plädiert in seinem soeben erschienenen Großessay Interkultur (Edition Suhrkamp 2589) folgerichtig für neue Standards der Gerechtigkeit. Seine Handlungsaufforderung lautet: Machen wir das Beste daraus! Das demokratiepolitische Besteck, das er für den Umbau unserer Gesellschaft als notwendig erachtet, wird von ihm begrifflich auf Hochglanz poliert.

Terkessidis (43), ein gebürtiger Kölner mit griechischen Wurzeln, lässt keinen Zweifel daran, dass unsere Gemeinwesen bereits seit längerem Einwanderungsgesellschaften sind. Insofern kommt jeder Abwehrreflex zu spät. Städtenamen wie "Düsseldorf" , "Berlin" oder eben auch "Wien" fungieren heute als Label: Die Metropolen sind Transit-Orte geworden, hinter deren unsichtbaren Mauern das Miteinander und die "Vielheit" nach Maßgabe labiler Mischungsverhältnisse stets aufs Neue organisiert werden müssen.

Wie aber bringt man es zuwege, Migranten am institutionellen Leben ihrer Siedlungsplätze zu beteiligen? Terkessidis schafft den Begriff des "Multikulturalismus" einfach ab: aus Nützlichkeitserwägungen.

Stadtteilfeste mit Falafel-Verkostungen gehören nach dieser Logik zu einem schlechten, weil überholten Begriff von Folklore. Migranten stehen unaufhörlich in der Bringschuld: Sie sollen nachweisen, dass sie sich erfolgreich assimilieren. Bewertet wird ihre Integrationsbereitschaft; doch immer weniger scheint klar, an welcher "vorgängigen" Kultur sie sich - abgesehen vom notwendigen Spracherwerb - zu orientieren hätten.

Auf das förmliche Eingeständnis, eine "Einwanderungsgesellschaft" zu sein, und auf die entsprechenden Modifikationen des Staatsangehörigkeitsrechts folgen zumeist Praktiken der Abwehr. Terkessidis übt Institutionenkritik. Er tut dies aber radikal, indem er den kompletten Umbau aller Einrichtungen fordert: Partizipation ist machbar, Herr Nachbar!

Verabschiedet werden müssen Normorientierungen, die den neuen Mitbürgern die "Hinwendung" zu den "Gastgebern" abverlangen. Migranten gehören nicht umerzogen, sondern nach Kräften gefördert. Eine Vielzahl von Konfliktfällen im Alltagsleben resultiere aus rassistischen Praktiken, die das, was sie vorgeblich abschaffen, erst hervorbringen.

"Interkultur" meint in diesem Zusammenhang die Idee umfassender Barrierefreiheit. Wurden die sogenannten Gastarbeiter in den 1950er-, 1960er-Jahren willkommen geheißen, um sie sogleich in das unterste Lohnsegment der Arbeitsgesellschaft zu stecken, soll die Entwicklung von "Diversity" als Leitidee heute möglichst gesamtgesellschaftlich auf die Agenda gesetzt werden: in Betrieben und Bildungsinstituten, in Behörden und allen öffentlichen Einrichtungen.

Die Migranten sollen also helfen, unsere Lebenswelt umzugestalten - immerhin handelt es sich auch um die ihre. Die Folgerungen für den subventionierten Kulturbetrieb liegen auf der Hand: Echte Teilhabe am kulturellen Artikulationsvermögen muss demokratisch organisiert werden. Terkessidis schreckt keineswegs davor zurück, die Quote als Mittel der Zugangsförderung anzusehen: Für diese spreche, dass sie überprüfbare Ergebnisse zeitigt.

Längst haben Städte wie München ihren Vergabepraktiken interkulturelle Richtlinien zugrunde gelegt. Von den Migranten könne man lernen, so Terkessidis, was es heißt, zwar noch nicht "hier" , aber auch nicht mehr "dort" zu sein. Solange das migrantische Leben nicht bloß als Rohstoff für die Hochkultur ausgebeutet werde, so lange könne man von ihm eine "Poetik der kulturellen Einbeziehung" lernen. Die Zukunft wird bunt sein. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausagbe, 10.03.2010)

zwutschgi
17.03.2010 09:50
danke!

danke, lieber mark terkessidis, für ihre genauen beobachtungen und den hervorragenden essay - ENDLICH!

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