Der "Leibhaftige" war ordentlich gekleidet

9. März 2010, 16:48
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Die Stasi bespitzelte den Schriftsteller 28 Jahre lang - und mehrte seinen Ruhm

"Angefallen wegen Provokation." Mit dieser knappen, in feinsäuberlicher Handschrift vermerkten Erklärung beginnt am 18.August 1961 die Stasi-Akte über Günter Grass. Sein erstes Vergehen in den Augen der DDR-Staatssicherheit: Fünf Tage zuvor war die Berliner Mauer errichtet worden und der spätere Literaturnobelpreisträger hatte in einen flammenden Protestbrief an den Deutschen Schriftstellerverband der DDR Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht mit einem KZ-Aufseher verglichen.

Es wurde eine lange Beziehung auf ungleicher Augenhöhe. 28 Jahre lang, bis zum Wendejahr 1989, bespitzelte die Stasi Grass und dokumentierte dies auf rund 2200 Seiten Akten. "Bolzen" lautete der Deckname für die Operation. Der deutsche Journalist Kai Schlüter hat das Material gesichtet, gekürzt, kommentiert und Zeitzeugen - darunter auch Grass selbst - zu Wort kommen lassen. Sein Buch (Kai Schlüter: Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte, € 25,60, Ch.-Links-Verlag) erscheint diese Woche und dürfte so manchen ehemaligem Stasi-Funktionär erschaudern lassen.

Grass hatte sich lange gegen die Veröffentlichung der Stasi-Akte gewehrt, was zu allerlei Mutmaßungen führte. Hatte der bekennende Linke doch stärker mit der DDR sympathisiert, als er vorgab? War er gar IM, inoffizieller Mitarbeiter, also? Schließlich stellte sich auch erst sehr spät heraus, dass er als 17-Jähriger Mitglied der SS gewesen war. Schlüters Buch jedoch zeigt: Grass war kein Wanderer zwischen den Welten. "Insgesamt wurde von Grass über die politischen Verhältnisse in der DDR und in der BRD von einer herablassenden Überheblichkeit gesprochen. Beide hätten ihre Probleme, wobei jedoch das westliche (System, Anm.) das bessere sei", notiert ein Spitzel in den Siebzigerjahren.

"Über all die Jahrzehnte hat Grass konsequent kritisch zur DDR gestanden, er hat sich nicht angepasst oder angebiedert, sondern ostdeutschen Kollegen immer wieder geholfen" , sagt Verleger und Lektor Christian Links. Grass organisiert zwischen 1974 und 1978 bisher kaum bekannte Schriftstellerlesungen in Ost-Berlin, er schmuggelt Manuskripte in den Westen und hält am Begriff einer "gemeinsamen deutschen Kulturnation" fest, worauf die Stasi resigniert einräumt, er sei "nicht unter Kontrolle" zu bekommen.

Für seine Aktivitäten zahlt Grass einen nicht geringen Preis. Dass er mit einem Einreiseverbot belegt wird (das immer wieder aufgehoben wird), ist noch das wenigste. 25 Jahre lang werden seine Werke nicht in der DDR verlegt, seine Stücke nie auf DDR-Bühnen gespielt. Erst 1987 darf er erstmals öffentlich im "Arbeiter- und Bauernstaat" lesen. "Als sei ich der Leibhaftige gewesen" , kommentiert Grass selbst die aufwändigen Stasi-Aktivitäten und meint, sein Einfluss sei überschätzt worden.

Das "Lesebuch" (Autor Schlüter) ermöglicht nicht nur Einblicke in die deutsch-deutsche Literaturszene, sondern dokumentiert einmal mehr die grotesken Auswüchse des perfiden Überwachungs- und Spitzelsystems. So wurde penibel notiert, dass der damals schon weltberühmte Grass in einer Kneipe am Berliner Alexanderplatz Kaffee, Schnaps und Kuchen zu sich nahm. Und, während einer Lesereise, auch dies: "Grass und seine Ehefrau waren im Beobachtungszeitraum sauber und ordentlich gekleidet." (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 10.03.2010)

  • "Nicht unter Kontrolle"  zu bekommen": Günter Grass.
    foto: jens meyer

    "Nicht unter Kontrolle" zu bekommen": Günter Grass.

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