Christian Kern wird neuer Bahnchef

9. März 2010, 18:41
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Verbund-Vorstand übernimmt Anfang Juni seinen neuen Posten - Seiser folgt Poschalko als Holdingvorstand nach

Wien - Der ÖBB-Holding-Aufsichtsrat hat am Dienstag die Weichen für das neue Bahn-Management gestellt. Christian Kern, Vorstandsdirektor der Verbundgesellschaft, wurde per 7. Juni einstimmig zum Vorstandssprecher der ÖBB-Holding bestellt. Er folgt damit auf Peter Klugar (60), der sich ein halbes Jahr vor Ablauf seines Vertrags aus der ÖBB zurückzieht.

Gleich in einem Aufwaschen besetzt wurde das - ebenfalls zu Jahresende auslaufende - Mandat des für den Absatzbereich zuständigen Holding-Vorstandsdirektors Gustav Poschalko. Auf den Güterverkehrsprofi folgt Franz Seiser, Geschäftsführer der ÖBB-Werkstättentochter Technische Services. Er wechselt den Sessel per 1. April, also zwei Monate früher als Kern, übernimmt aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht Poschalkos Agenden in Güter- und Personenverkehr, sondern die Infrastruktur, also Bahnbau und -betrieb. Zumindest wurde der Zuständigkeitstausch dem Aufsichtsrat präsentiert. Nicht auszuschließen aber, sagten Sitzungsteilnehmer, dass sich Neo-ÖBB-Chef Kern doch des Milliarden verschlingenden Bahnausbaus annehmen könnte. Zumal der Bahnausbau mit Personen- und Güterverkehr mittlerweile Schlitten fährt und so zunehmend zum Bremsschuh für die Verkehrsgesellschaften wird.

Vorderhand gilt allerdings, dass Kern den Aufsichtsratsvorsitz in ÖBB-Personenverkehr und Rail Cargo Austria (RCA) von Holding-Aufsichtsratspräsident Horst Pöchhacker übernimmt. Pöchhacker, heißt es, werde dort ebenfalls je ein einfaches Mandat innehaben. Fixiert ist weiters, dass Poschalko (69) sein einfaches Kapitalvertretermandat in den Aufsichtsräten von RCA und Personenverkehr behält.

"Schleudersitz" 

Während Kern den von Beobachtern wie Parteigängern gleichermaßen als "Schleudersitz" bezeichneten ÖBB-Job als "außerordentliche Herausforderung" bezeichnet, sieht Pöchhacker das Vorstandsrevirement als "ein klares Signal. Mit diesen beiden renommierten und erfahrenen Führungskräften an der Spitze des ÖBB-Konzerns sind die Weichen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung des Unternehmens gestellt." Zumindest ein Ziel wird für Kern im derzeitigen Zustand der Bahn sobald nicht erreichen: Die ÖBB aus der tagespolitischen Diskussion herauszubringen. Dafür sorgen einerseits die Politiker und andererseits das Unternehmen selbst, weil Züge verspätet sind und Services teils nicht in zufriedenstellender Qualität erbracht werden.

Im Kreuzfeuer von Politikern, Finanzbehörden und Rechnungshof steht die Staatsbahn seit Jahrzehnten auch wegen Frühpensionierungen, Freifahrten für Mitarbeiter und fehlerhafter Abrechnung der Pflegegeldzuschüsse. Letztere verursachen hohen Vorsorgebedarf in der Bilanz, die Rede ist von bis zu 400 Millionen Euro.

Im Schlepptau der neuen ÖBB-Führung bewegte den ÖBB-Holding-Aufsichtsrat am Dienstag auch der ÖBB-Rahmenplan für den Bahnausbau. Er muss überarbeitet werden, das im November fabrizierte Konvolut schaffte es - weil nicht Sparpaket- kompatibel - nicht in den Ministerrat.

Außerdem Thema: kommende Personalrochaden in ÖBB-Infrastruktur und ÖBB-Werkstätten. Letzteren kam ihr Chef Franz Seiser abhanden, als Finanzer soll Rechnungswesen-Chef Günther Hek installiert werden. (ung, DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2010)

  • Der neue Bahnchef ab Juni diesen Jahres: Christian Kern.
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    Der neue Bahnchef ab Juni diesen Jahres: Christian Kern.

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