Migration als eines der Hauptthemen einer Mittelmeer-Konferenz in Barcelona
Barcelona - Ein Online-Journalist aus Dubai brachte es auf den Punkt: "Selbst wenn wir uns hier vier Tage nur kennenlernen, kostet die Konferenz einen Bruchteil dessen, was große Staaten für die Vorbereitung von Kriegen täglich ausgeben." Tausend Teilnehmer, vorwiegend aus Spanien, Portugal, Frankreich, Italien, Marokko, Tunesien, Algerien, Ägypten, Jordanien, Israel, Libanon und den Palästinensergebieten, trafen sich in der katalanischen Hauptstadt zu Workshops des Anna Lindh Forums zu den Themen Migration, Erziehung, Wissenschaft, Medien, Urbanismus und Religionen.
"200 Millionen Menschen emigrieren jährlich von Land- in Stadtgebiete", rechnete der französische Migrationsexperte Jean-Philippe Chauzy dem Forum vor.
Die Wanderungsphänomene seien längst kein ausschließliches Nord-Süd-Problem mehr: "Westafrikaner strömen nach Südafrika, Nordafrikaner nach Spanien, Frankreich und Italien." Auf der einen Seite sei der Krieg in der Elfenbeinküste eine direkte Folge der Einwanderung gewesen (50 Prozent der Bevölkerung sind Flüchtlinge), andererseits würde der britische Gesundheitsdienst ohne Einwanderer schnell zusammenbrechen.
Said Essoulami vom marokkanischen Zentrum für Medienfreiheit kritisierte die in Westeuropa vorherrschende Politik, Einwanderer zur Integration zu zwingen: "Sie wollen aber ihren Lebensstil nicht aufgeben und leisten Widerstand." Das Lernen der Sprache des Gastlandes allein sei zu wenig, es gehe um Bildungsoffensiven: "Sonst bleiben die Differenzen", weil nur gut Gebildete angestammte Lebensstile verließen, um "Transnationale" zu werden.
Die Wirtschaftskrise bringe jetzt aber auch die Geburtsländer in Schwierigkeiten, weil die Überweisungen aus den Gastländern sinken und weil Arbeitslose zurückkehren. "Sie werden jetzt aber neue Fremde in der Heimat, die sie nicht mehr haben will", sagte Essoulami.
In der Anna Lindh Foundation, die nach der ermordeten schwedischen Außenministerin benannt ist und die der Mittelmeer-Union mit 43 Mitgliedsstaaten assistiert, arbeitet auch Österreich mit. Rebecca Luise Zeilinger vom Interkulturellen Zentrum leitete einen Workshop, und in der Kultursektion des Außenamtes rudert Agnes Tuna für die Ziele: "Wir gewinnen Zugänge für Projekte und erweitern unsere Perspektiven." (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2010)