Freud mit Fingerspitzengefühl
Man muss sich das alles noch einmal vor Augen führen: Vergangenen Mai, als Quentin Tarantinos Inglourious Basterds in Cannes seine Premiere feierte, war Christoph Waltz ein international mehr oder minder unbeschriebenes Blatt. Gerne erzählt der 53-Jährige selbst die Anekdote, wie er vor Jahren bei einem Agenten um eine Einschätzung der Optionen in Hollywood bat. Dieser habe ihm abgeraten, es sei denn, er wünsche seinen künftigen Lebensunterhalt mit Nazi-Rollen zu verdienen.
Die Ironie daran ist natürlich, dass Landa, sein vielfach prämierter Part bei Tarantino, auch ein Nazi ist, wenngleich ein solcher, der sich vom gängigen Stereotyp des bellenden Befehlsempfängers denkbar weit entfernt. Und mit einem Oscar in der Tasche stehen dem am Reinhardt-Seminar ausgebildeten Schauspieler nun tatsächlich Türen in jede Richtung offen: Bei Waltz' Intellekt und Fingerspitzengefühl ist wahrscheinlich, dass er seine künftigen Rollen mit Akribie auswählen wird.
Davon zeugen schon die ersten Meldungen über getroffene (oder noch in Schwebe stehende) Entscheidungen: Fix ist, dass Waltz in Michel Gondrys Comic-Adaption The Green Hornet den Gegenspieler von Seth Rogen verkörpern wird, einen Mafioso, der die Herrschaft über Los Angeles anstrebt; ursprünglich war Nicolas Cage für den Part vorgesehen.
Weiters wird Waltz in einem Film von David Cronenberg mitwirken: In The Talking Cure spielt er niemand Geringeren als Sigmund Freud, unter anderem neben Michael Fassbender, den er schon aus den Basterds kennt. Gerüchteweise ist er auch an Kevin Costners neuem Projekt, A Little War of Our Own, interessiert - der Variante eines Westerns, der zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in einer Kleinstadt spielt. (kam, DER STANDARD/Printausgabe, 09.03.2010)