Die Revanche des Wirklichen

    8. März 2010, 17:31
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    Christoph Waltz konnte sich die begehrteste Auszeichnung der Filmwelt sichern - Im Duell um den besten Film setzte sich Kathryn Bigelow mit "The Hurt Locker" durch

    Auf das "Bingo!" musste man nicht lange warten. Christoph Waltz, der hohe Favorit im Rennen um den Oscar als bester Nebendarsteller, konnte sich die Trophäe gleich zu Beginn der Gala im Kodak Theatre abholen. Er krönte damit seine umwerfende Performance als teufelszüngiger Nazi in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds mit einer Auszeichnung, die ihm wohl endgültig alle Möglichkeiten im internationalen Kino eröffnen wird. Seine inspirierte Dankesrede stattete er mit hübschen Verzierungen aus und dankte einmal mehr seinem "Entdecker": Tarantino habe mit seiner ungewöhnlichen Navigationstechnik das Schiff mit Bravour gelotst.

    Waltz blieb gleichwohl der einzige unter den nominierten österreichischen Filmschaffenden, die ausgezeichnet wurden: Als bester nicht-englischsprachiger Film wurde nicht Michael Hanekes Das weiße Band prämiert, sondern der argentinische Film El secreto de sus ojos - eine der wenigen Überraschungen des Abends, wenngleich der "Auslandsoscar" für seine Unberechenbarkeit bekannt ist. Auch Christian Berger, Hanekes Kameramann, musste sich seinem Kollegen von Avatar, Mauro Fiore, geschlagen geben - ungeachtet der Tatsache, dass dessen Kamera eher durch computerberechnete Welten führte.

    Das Duell dieser Oscar-Gala hieß Klein gegen Groß, oder: Kathryn Bigelows Bombenentschärferdrama im Irak, The Hurt Locker, gegen den erfolgreichsten Film aller Zeiten, Avatar. Dass letzterer vor allem auf dem Feld technischer Auszeichnungen die Nase vorn behalten würde, war klar. Überraschend war hingegen das eindeutige Votum der Academy für The Hurt Locker auf den maßgeblichen künstlerischen Plätzen. Bigelow durfte als erste Frau überhaupt einen Regie-Oscar entgegennehmen - Barbra Streisand leitete die historische Entscheidung dramatisch ein: "The time has come!"

    Die insgesamt sechs Oscars für einen Kriegsfilm, der sich in höchst verdichteten Situationen auf die Arbeit von Soldaten (und deren Sucht nach Nervenkitzel) konzentriert, ist allerdings kaum als Richtungsentscheidung zu verstehen. Eher handelt es sich um ein durchaus aufrichtiges Statement für ein im besten Sinne amerikanisches Kino, das auf souverän kontrolliertem Handwerk fußt und seine künstlerische Vision nicht so deutlich nach außen trägt wie etwa Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, der symptomatischerweise leer ausging.

    Die Gala selbst war von mehreren Neuerungen gekennzeichnet, mit denen man sich ein jüngeres Profil zulegen wollte: Erstmals waren zehn Filme nominiert, was die Fieberkurve aber nicht merklich nach oben schnellen ließ. Mit der Entscheidung, Jungstars wie Kristen Stewart und Taylor Lautner aus dem Twilight-Franchise anmoderieren zu lassen, tat man sich auch keinen rechten Gefallen: Auf Oscar-Galas sind schließlich immer noch die alten Haudegen am interessantesten.

    Eindrucksvoll bewiesen wurde dies bei einem der Höhepunkte des Abends, als Jeff Bridges nach vier erfolglosen Nominierungen - die erste 1972 für The Last Picture Show! - für seine Darstellung eines Country-Sängers in Crazy Hearts endlich einen Oscar entgegennehmen durfte. Bridges hopste die Stiegen zur Bühne hinauf, bekam zunächst gar nicht mit, dass sich alle anderen erhoben hatten, und ließ dann seiner Freude in Überlänge freien Lauf: "Mom and Dad, yeah, look! Whoo!"

    Anders die beste Hauptdarstellerin Sandra Bullock (The Blind Side), die, um Fassung bemüht, schließlich doch mit der einen oder anderen Träne kämpfte. In diesen nachgerade klassischen Momenten inszenierten Glamours und plötzlicher Überschwänglichkeit findet jede noch so zerdehnte Oscar-Nacht ihre Gänsehautmomente. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 09.03.2010)

    Alle Preise im Überblick:

    • Bester Film: "The Hurt Locker"
    • Beste Regie: Kathryn Bigelow ("The Hurt Locker")
    • Hauptdarstellerin: Sandra Bullock ("The Blind Side")
    • Hauptdarsteller: Jeff Bridges ("Crazy Heart")
    • Nebendarstellerin: Mo'Nique ("Precious")
    • Nebendarsteller: Christoph Waltz ("Inglourious Basterds")
    • Bester Nicht-englischsprachiger Film: "El Secreto de Sus Ojos" (Argentinien)
    • Beste Filmmusik: Michael Giacchino ("Up")
    • Bester Original-Song: Ryan Bingham und T Bone Burnett: "The Weary Kind" (aus "Crazy Heart")
    • Spezialeffekte: "Avatar"
    • Original-Drehbuch: Mark Boal ("The Hurt Locker")
    • Adaptiertes Drehbuch: Geoffrey Fletcher ("Precious")
    • Bester Animationsfilm: "Up"
    • Beste Ausstattung: "Avatar"
    • Beste Kamera: Mauro Fiore ("Avatar")
    • Beste Kostüme: "The Young Victoria"
    • Beste Dokumentation: "Die Bucht"
    • Beste Kurz-Dokumentation: "Music by Prudence"
    • Bester Schnitt: "The Hurt Locker"
    • Beste Maske: "Star Trek"
    • Bester animierter Kurzfilm: "Logorama"
    • Bester Kurzfilm: "The New Tenants"
    • Bester Ton: "The Hurt Locker"
    • Bester Ton-Schnitt: "The Hurt Locker"
    • Bild nicht mehr verfügbar

      Würdige Gewürdigte: Jeff Bridges (bester Hauptdarsteller), Kathryn Bigelow (beste Regie) und Christoph Waltz (bester Nebendarsteller) freuen sich richtig.

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