Underground-Dandy alias Pop-Zar

8. März 2010, 16:29
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In intimen Konzerten präsentiert der ehemalige Pop-Star seine Interpretation ins Englische übertragener Lieder des russischen Sängers Vadim Kozin

Eine Spurensuche mit biografischen Parallelen.

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London/Moskau/Wien - Fragile Töne eines Glockenspiels münden im Intro des Openers Boulevard of Magadan in den Dreivierteltakt eines langsamen Walzers, dessen nostalgisch anmutende Akustik an historische Aufnahmen französischer Chansons der 1930er-Jahre erinnert. Wehmütig, filigran bleiben auch die anschließenden Lieder.

Marc Almond hat sich in seinem neuesten Opus Orpheus in Exile des tradierten Liedguts des russischen Sängers Vadim Kozin angenommen. Unterstützt von Alexei Fedorov und begleitet vom klassischen Rossia Orchestra Ensemble, wechseln die Songs von jazzigem Tango über intime, von der exzellenten Vokalartistik Almonds getragene Torch-Songs und folkloristisch arrangierte Gipsy-Lieder hin zu staatstragenden Sowjetrussland-Hymnen, um furios in subtil ironisierenden, zart gehauchten Chansons mit zirzensischen Varieté- und Burlesque-Melodien zu kulminieren.

Emotion und Pathos

Leidenschaftlich, inbrünstig, pathetisch, ironisierend, mit Augenzwinkern vorgetragen, ist Orpheus in Exile auch ein Album der Verweigerung. Kozins Liedgut, bestehend aus teils traditionellen russischen Volksliedern, teils selbst komponierten, von Jazz und Swing inspirierten Chansons, wurde von Almond ins Heute übertragen, sanft modernisiert und behutsam arrangiert. Begleitet von Violinen, Cembali, Akkordeonklängen, Klavier und Balalaika, schwelgt Almond in Reminiszenzen, vergebenen Chancen, nicht erwiderten Leidenschaften, ungenützten Möglichkeiten und wunderbaren Liebschaften, stirbt kleine und große Tode. Die Sujets der von Almond auserwählten, ins Englische übersetzten Songs aber wechseln häufig zu sozialen Themen, geprägt von sozialem Gewissen und politischem Engagement, für Toleranz, wider Vorurteile und Ungerechtigkeit.

Mit großer Stimme und opulentem Pathos vorgetragen, ergeben die fast süßlichen Streicher ein imposantes Spannungsfeld zu den dunkelgrauen Versen. Und die in den letzten Jahren perfektionierte Vokalakrobatik des Crooners korreliert in absoluter Harmonie mit den melancholischen, aber auch zynischen, zornigen und kämpferischen Worten.

Orpheus in Exile ist die logische Fortsetzung konsequenter Eigenständigkeit der bereits drei Jahrzehnte andauernden Karriere des ehemaligen Kunststudenten und Performancekünstlers. Zeitgleich zu frühen Erfolgen als Sänger des Synthie-Pop-Duos Soft Cell interpretierte Almond Chansons von Brel, Brecht, Weill und Aznavour. Ende der 1990er-Jahre verlegte Almond seinen Wohnsitz partiell nach Russland und produzierte mit russischen Musikern wie Sergey Penkin, Boris Grebenshikov oder der Ikone Alla Bayanova das in Russisch und Englisch gesungene Album Heart on Snow.

Seine unabdingbare Forderung nach uneingeschränkter künstlerischer Freiheit und die ihm oft attestierte divenhafte Exzentrik mündete in Gründung seines eigenen Labels. Die vielseitigen musikalischen Metamorphosen Almonds bezeugen eindrucksvoll, dass es auch für Popstars möglich ist, in Würde zu reifen, ohne Neugier, Innovation und Pointiertheit zu verlieren. Ausgesucht kleine Locations für seine raren Live-Perfomances korrespondieren mit seinen Publikationen: Verweigerung vor der breiten Masse, Verweigerung vor den Gesetzen des Musikbusiness, des Marktes, der nur konformistisches Einerlei und oft akustischen Sondermüll zulässt.

Die bewusste Verweigerung des Mainstreams decouvriert Almond in einer Episode seines Romans In Search of the Pleasure Palace: Obwohl 1999 zu den Feierlichkeiten des Regentschaftsjubiläums Queen Elizabeths eingeladen, verzichtete er auf die Publicity des Konzerts, um mit der "Queen of Soviet-Era-Songs" Lyudmilla Zykena ein Duett einzuspielen.

Die Lieder des 1903 in St. Petersburg geborenen Vadim Kozin sind Zeugen der Vita des allen Widrigkeiten zum Trotz bis heute populärsten russischen Sängers. Voller Pathos und Leidenschaft waren seine kongenial vom Pianisten David Ashkenazi begleiteten Konzerte. Als Stalin ihn privat für Kompositionen und Konzerte verpflichten wollte, weigerte er sich. Kozin wurde wegen Insubordination in den Gulag Magadan verbannt. Er kam viele Jahre später frei, wurde offiziell aber nie rehabilitiert, blieb freiwillig im sibirischen Exil, verweigerte jegliche Auftritte und starb verbittert 1994.

Obsession der Verweigerung

Explizit politisch sind Kozins Chansons, die auch von Yves Montand und Maurice Chevalier interpretiert wurden, selten. Aber die Texte handeln stets von Recht und Unrecht, Unterdrückung und Einsamkeit. Einer Einsamkeit, die auch in Kozins Homosexualität und den damals damit verbundenen Repressalien begründet lag. Mehr als eine Parallele zu Almonds Lebenslinien. Beim Volk firmiert Kozin heute noch als "russischer Orpheus". Auch Almonds mythenreiches, okkultes Universum inkludiert einen Orpheus in Red Velvet, verwandt mit Madame de la Luna. Orpheus in der Unterwelt erinnert an verführerische Dämonen, exzessiven Hedonismus goldener Zeiten. Der große Tragöde Almond erfüllt Kozins antiquierte Lieder in einzigartiger Symbiose mit Leben, mit Seele. Ein reifes Werk mit theatralischem Pathos. Wider den Zeitgeist, wunderbar unzeitgemäß.

Im Gegensatz zu Kozin befindet sich Almond zwar nicht im Exil, aber in freiwilliger künstlerischer Emigration; ein unangepasster, sensibler Künstler, sich nicht anbiedernd, sich nicht verkaufend. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD/Printausgabe, 09.03.2010)

Konzerte in Berlin, Hamburg, Hannover am 10./11./12. 3. 2010

Link:
www.marcalmond.co.uk

  • Marc Almond
    foto: christian fischer

    Marc Almond

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