derStandard.at-Interview

"Kritik darf utopisch sein"

Stephanie Mittendorfer, 09. März 2010 12:20
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    Foto: derstandard.at / stephanie mittendorfer

    Martina Pfingstl empfahl den Studierenden bei der akademischen Fragestunde mit Wissenschaftsministerin Beatrix Karl vergangene Woche, aus dem dem Hochschuldialog auszusteigen. "Diese Diskussion hat mich gelangweilt."

Warum "Audimaxistin" Martina Pfingstl den Hochschuldialog sinnlos findet, den Bolognaprozess abschaffen würde und wieso sie Beatrix Karl für "visionslos“ hält

Den Plänen von Wissenschaftsministerin Karl für die Universitäten fehlen die Visionen, findet Martina Pfingstl, Vorsitzende des Senats an der Akademie der Bildenden Künste. Warum sie den Studenten empfiehlt, aus dem Hochschuldialog auszusteigen und wieso Österreich andere Politiker braucht, erklärt sie im derStandard.at-Interview.

derStandard.at: Wissenschaftsministerin Beatrix Karl verteidigt alles, wogegen die Studierenden kämpfen: Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen, Bologna. Waren die Proteste im Herbst umsonst?

Pfingstl: Nein, die Proteste waren nicht umsonst. Es wurde viel erreicht und am Besten wissen das die Studierenden an den Universitäten selbst. Bildungspolitisch war leider von Seiten der ÖVP-Regierung nicht viel Bewegung zu erwarten. Die Zugangsbeschränkungen kommen nicht überraschend, allerdings hätten wir nicht mit dieser Vehemenz und mit diesem Tempo gerechnet. Der Protest hätte ein Verschieben erwarten lassen, aber ungleich heftig ist jetzt das Tempo der Regierung.

derStandard.at: Ist diese Vehemenz von Seiten der Regierung ein „Jetzt erst recht"?

Pfingstl: Sämtliche Ressorts agieren den Betroffenen gegenüber verhältnismäßig repressiv. In allen Bereichen wird über die Köpfe der Leute hinweg entschieden - ob das die Rechtsanwältinnen betrifft oder das Asylrecht - auf die Betroffenen wird keine Rücksicht genommen.

derStandard.at: Auch bei der akademischen Fragestunde mit Wissenschaftsministerin Beatrix Karl vergangene Woche haben die Studierenden wieder die vollständige Abschaffung von Bachelor und Master gefordert. Unrealistische Selbstüberschätzung?

Pfingstl: Kritik darf durchaus utopisch sein, allerdings macht sie genau das für viele Bevölkerungsschichten wenig nachvollziehbar. Gleichzeitig: Über den Tellerrand hinaus zu denken und Forderungen zu stellen, ist in jedem Fall legitim. Wir leben in einer Zeit, in der Politik nicht darin bestehen kann, dass da und dort Reförmchen passieren. Es muss endlich größere und längerfristige Visionen geben. Da kann das Ziel, den Bologna-Prozess abzuschaffen, durchaus als Diskussionsgrundlage dienen. Es geht um die Haltung gegenüber der Bildung.

derStandard.at: Was ist Ihr Fazit der akademischen Fragestunde mit der Wissenschaftsministerin?

Pfingstl: Wenn sich Personen wie Ministerin Karl oder Rektor Winckler dem öffentlichen Gespräch stellen, hat das ausschließlich den Sinn, dass alle anwesenden Personen nach der Diskussion wissen, dass es keinen Sinn macht, ein Gespräch zu führen. Beatrix Karl operiert austauschbar. Es ist völlig egal, welche Person an der Spitze operiert, solange sie das im Sinne der ÖVP-Politik tut, scheint jedes Gespräch überflüssig. Karls Strategie der Dialogbereitschaft ist nicht glaubwürdig. Sie setzt die Politik von Hahn fort und verhält sich destruktiv. Es ist schon mutig, dass sich diese Frau auf das Podium setzt und null Visionen hat.

derStandard.at: Sie haben den Studierenden empfohlen, sich aus dem Hochschuldialog zurückzuziehen. Woher kommt diese Resignation?

Pfingstl: Alle diese Politikerinnen, die da stehen, haben keine Handlungsmöglichkeiten. Es wird nur die Parteilinie verfolgt. Mit den handelnden Personen ist kein gemeinsamer Staat zu machen. Gerade jetzt nach dem Tod der ehemaligen Frauenministerin Dohnal, sieht man wieder, dass in der österreichischen Politik Personen mit Visionen fehlen. Die ist noch mit dem Willen in ein Ressort hineingegangen, tatsächlich nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Politiker wechseln von einem Ressort in das nächste und Fachkompetenzen zählen anscheinend überhaupt nicht mehr.

derStandard.at: Was heißt das für den Hochschuldialog?

Pfingstl: Meine Meinung ist nach wie vor, dass die Leute aussteigen sollten. Ich sehe die Sinnhaftigkeit dieses Dialogs nicht mehr. Es müsste von der Politik endlich einmal ein Bekenntnis ausgesprochen werden, hier gemeinsam etwas verändern zu wollen. Aber nicht einmal dieses Bekenntnis ist da.

derStandard.at: Mit beinahe drei Monaten zeitlicher Distanz: Wie bewerten Sie die Besetzungen? Wo sind Fehler passiert?

Pfingstl: Ich steh nach wie vor hinter jeder Besetzung. Ich könnte nicht irgendeinen Fehler erkennen. Dass im Audimax so viele Personen ohne Wohnort waren, ist extrem negativ dargestellt worden und hat uns an unsere eigenen Grenzen gebracht. Man kann nicht politische Ziele verfolgen und dann gleichzeitig zur Sozialarbeiterin werden.

derStandard.at: Wie steht es um das Verständnis für die Studierenden in der Gesellschaft?

Pfingstl: Wohl eher schlecht. Da geht es gar nicht um die Studenten, sondern um den Wert und die Anerkennung von Bildung. Das ist in Österreich ein massives Problem. Aufgabe der Politik ist es zu zeigen, dass Bildung gesellschafts- und demokratiepolitisch wichtig ist. Aber genau das wird von der Politik in keiner Weise vermittelt.

derStandard.at: Inwieweit sind die Studenten selbst Schuld an dieser Haltung in der Gesellschaft?

Pfingstl: Es ist mir nachvollziehbar, dass viele nicht damit einverstanden sind, wenn die Ministerin von Einzelnen persönlich attackiert wird. Das ist nicht zielführend und bringt nichts.

derStandard.at: Beatrix Karl hat die Studierenden darum gebeten, ihr Kritikpunkte per Mail mitzuteilen. Hat sie verstanden, worum es den Studierenden geht?

Pfingstl: Die Ministerin hat Universitäten in letzter Zeit häufig mit einer Oper verglichen. Ich persönlich habe den Schluss daraus gezogen, dass bei ihr genau gar nichts angekommen ist. Das ist angesichts der Gespräche, die schon stattgefunden haben, erstaunlich.

derStandard.at: Karl hat kritisiert, dass sie von Journalisten immer nur nach Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren gefragt wird. Welche Frage sollte man ihr stattdessen stellen?

Pfingstl: Die Frage nach den Visionen. Mich würde wirklich interessieren: Was will sie für die Universitäten? Wo sieht sie die Universitäten zwanzig Jahren? Und da kam keine Antwort. Ministerin Karl begrenzt sich selbst auf die Fragen nach Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. (Stephanie Mittendorfer, derStandard.at, 9.3.2010)

Zur Person
Martina Pfingstl (31) studiert Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste und ist Vorsitzende des dortigen Senates. Pfingstl war eine der Organisatorinnen des "Generalstreiks" gegen die Umstellung der Ausbildung auf die Bologna-Struktur an der Akademie, in dessen Folge es vergangenen Herbst zu österreichweiten Studentenprotesten und der wochenlangen Besetzung von Hörsälen kam.

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kiwi100
10.03.2010 12:22
Mich würde auch interessieren ...

wo die politisch Verantwortlichen unsere Universitäten, unser Bildungssystem in 10 bzw. 20 Jahren sehen (= Ziele 2020/2030) UND mich würden die Strategien interessieren, die uns dort hinführen sollen ... weil gequasselt wird jetzt wirklich schon lange genug!

Quim Barreiros
10.03.2010 21:35

Gar nicht. Diese Verantwortlichen haben keinerlei Perspektiven. Das einzige, was sie interessiert, sind sie selber und ihre Freunde.

Große Staatsmänner - das war einmal.

Kra Wuzikabuzi
10.03.2010 11:26
wenn zu hause niemand wartet hat man viel zeit für blödsinn.

Der Geist der Ahnung
 
10.03.2010 10:22
Die skandalöseste Antwort ist wieder mal niemandem aufgefallen.

Einmal sprach Frau Pfingstl tatsächlich von 'Studenten' und nicht von 'Studierenden'. Und das von einer *Vertreter_*In_** der *Besetzer*_*In*nen_**!

Hams das eh der Schwesterseite gemeldet, Frau Mittendorfer?

artpepper
10.03.2010 10:12
32 Jahre

So alt - und studiert noch? Da muss sie ja wohl eine "Bummelstudentin" sein. Eine, die NICHTS tut, ausser Streiks zu organisieren!

Vielleicht ist's aber auch anders:
http://studikurier.kurier.at/?story=233

Mitunter lohnt es sich, ein wenig im Netz zu suchen, BEVOR man sich seiner Meinung ZU sicher ist.

weekend friend
10.03.2010 11:34

Die schaut aus wie 52...

standardabweichung
10.03.2010 09:33

was sich die welt wohl erspart hätte wenn es auf der kunstakademie keine zugangsbeschränkungen gegeben hätte kann kann sich karl ja von frau hamann erklären lassen

Irrer Wahnsinn
10.03.2010 08:41
System Pyramide,

ja seit rund 4000 Jahren der gleiche Schmäh - ob Pharao oder Bundesregierung alles der gleiche Schmäh.

Zinnmo
 
10.03.2010 08:32
Die Kunst hat die schärfsten Zugangsbeschränkungen

Vom freien Zugang ist da keine Rede. Dafür hat man - hat man es mal geschafft - das beste Betreuungsverhältnis aller Unis. Und danach? Selbst wenn man arbeitslos ist, mit Künstlersozialversicherung lebt man ziemlich billig.

Kunst kann und soll durchaus eine Art geschützte Wrkstääte sein. Aber für den Rest der Welt ist das leider nicht machbar.

Ammit
10.03.2010 08:29
...andererseits...

...kann frl. pfingstl jetzt in ruhe versuchen ihr studium mit 32 jahren zu beenden und danach durch ihre persönliche steuerleistung die von ihr geforderten visionen zu finanzieren...

h 90
10.03.2010 08:11

nun obwohl da die OEVP sicher das groessere Uebel ist, muss man auch sehen, dass die SPOE da scheinbar auch zustimmt. Sonst koennte es ja der Bundeskanzler sofort aendern.

StandardMeinung
10.03.2010 07:37
Ja, Kritik darf utopisch sein

"Ich steh nach wie vor hinter jeder Besetzung. Ich könnte nicht irgendeinen Fehler erkennen"

Träume sind Schäume.
10.03.2010 11:51
Darf ich ihre Wohnung besetzen?

Prof. Dkfm. Dr. Tom Turbo
09.03.2010 22:00
Es wurde viel erreicht und am Besten wissen das die Studierenden an den Universitäten selbst.

... und was bitte schnell noch mal? rückwirkend betrachtet, war die Aktion weitgehend sinnlos. Konzeptlos leider auch... :(

byron sully
10.03.2010 02:40

es wurde zwar wenig erreicht, aber nicht nichts.

1.) 35 mio. euro mehr für die unis, die es ohne die prioteste nie gegeben hätte. ein lächerlicher betrag zwar, da selbst das zehnfache zu wenig gewesen wäre, aber immer noch besser als nichts.
2.) eine bewußtseinsbildung bei manchen, die sich über die thematik nicht so bewußt gewesen sind.
3.) nicht-eu-obdachlose haben endlich eine unterkunft bekommen.

ja, bisher viel zu wenig an erfolgen, keine frage, aber eben auch nicht nichts.

Prof. Dkfm. Dr. Tom Turbo
10.03.2010 21:54
thema unterkunft...

von den 35 mio, von welchen die hauptuni bestenfalls 5 bekommt, müssens dann noch die renovierungskosten, miete für alternative hörsäle (kinocenter etc.) und zusatzkosten für sicherhietspersonal abziehen... dann sinds nur noch 4. Dividiert durch die Anzahl der Fakultäten könnens dann zwei Beamer pro Fak. mehr kaufen :) super

Nochmals: bin nicht der meinung, dass an den unis alles rosig ist, aber unkoordinierter halb anarchischer protest von studierendenrandgruppen bringen sicher nix. Nachsatz: Persönlich beleidigende Fragen von Studenten an Wiss.Ministerin bringen nicht nur nix sondern schaden dem Ansehen der Studenten in der Öffentlichkeit... so nach dem motto: wenn ma nix mehr einfällt, beleidig ich dich schnell mal...

che guevara1
10.03.2010 23:21
wenn es ordentliche verhältnisse an den

unis gäbe wäre auch kein security dienst notwendig.
ausserdem verprasst die uni anderweitig genug geld. fragen sie mal nach was mit den rücklagen passiert ist, ich sage nur finanzbewirtschaftung.

byron sully
10.03.2010 22:12

es sind ca. 8-9 mio. die die uni wien bekommt - und wenn man die ca. eine million wegrechnet, die die uni wien für ihre seltsamen vermietungen und securities mit 100 euro stundenlohn (sonst kann ich mir die zahlen ja kaum erklären) verrechnet, bleiben immer noch netto 7-8 mio. die einzige und allein durch die protestbewegung an nettogewinn überbleiben.

das heißt nicht, daß ich den sachen, die rund um die besetzungen passiert sind, völlig unkritisch gegenüberstehe, da gibt es von mir auch durchaus ablehnung von manchen aktionen, aber alles das ist immer noch besser als zuschauen, schweigen und däumchen drehen.

Repariertwaseuchkaputtmacht.
09.03.2010 22:54

naja.

NICHTS wurde nicht erreicht. Immerhin wurde ein leidiges Thema mal an die Öffentlichkeit gebracht + die Studenten haben gemerkt, dass sie nicht alleine sind.

Das ist zwar nicht viel, aber mehr war bei diesen Politikern auch nicht zu holen (außer leere Bereitschaft zu noch leereren Diskussionen).

Im Grunde gibt es ja schon den Entschluss, wie es zu machen ist, aber das zeigt nur, wie hinterfotzig eine Diskussion ist. Als würde man sagen: Ihr könnt mit den Händen machen was ihr wollt, aber mit den Beinen müsst ihr so springen wie wir es wollen.

Davidoff et cetera
09.03.2010 22:51

eine reform der studienpläne mit mehr einbezug der studierenden an vielen instituten? was dabei dann wirklich herauskommt, steht natürlich noch auf einem anderen blatt.

Ava Tar
09.03.2010 20:31
Fakten:

1. keine Firma stellt einen Bachaelor ein, wenn sie auch einen Master haben kann

2. Ob freiwillig oder unfreiwillig (das Weiterstudieren verweigert), Bachelor ist ein besserer Ausdruck für Studienabbrecher

3. Das Universitätsangebot forciert das Billigangebot McStudy

4. Die EU träumt von einer Akademikerquote von 40%
Nur das würde langfristig unseren Lebensstandard sichern
Badelt will derweil 2/3 der Studienanfänger aussperren
=>
Hier weiß eine Hand nicht, was die andere tut

Es ist die volle Bankrotterklärung der Politik, in Zeitlupe anzuschauen

Binnen 20 Jahren sind wir verarmt.

weekend friend
10.03.2010 11:41

Was lernen wir daraus? Es gibt nicht zuwenig sondern zuviele Akademiker.
Wenn der Master einen Job erledigt, den ein Bachelor auch machen kann, dann stimmt was nicht. Hat aber jetzt nicht unmittelbar mit Master/Bachelor System zu tun, sondern das gabs schon immer.

Früher: Job wurde durch gelernte Bürokraft erledigt. Gehalt: ca. 1200€ netto
Heute: Selber job, erledigt durch Magister/tra.
Gehalt: ca. 1250€ netto

Gewinner: Die Wirtschaft.
Verlierer: Sowohl gelernte Bürokraft als auch die Studierten.

Vorschlag um gegenzusteuern: Weniger, dafür aber bestens geeignete, Akademiker die dann auch in den passenden Jobs eingesetzt werden. --> Zugangsbeschränkungen!

gistof
09.03.2010 22:22
Warum soll niemand einen Bachelor einstellen?

Viele Länder haben das dreigliedrige System und gehen trotzdem nicht zu Grunde, wieso sollte sich alles um ein Studienjahr drehen?

Ava Tar
09.03.2010 22:41

Mit jeder Zusatzqualifikation steigen deine Chancen
- 3, 6 oder 12 Monate Praktikum
- am besten im Ausland
- Auslandssemester, -studienabschnitt, -studium
- Zusatzqualifikationen (Sprachen, Prüfungen aus Nebenfächern)
usw.

Ein volles Studienjahr wiegt vergleichen damit sehr viel

Hast du schon mal zusammenaddiert, was man in 1 Jahr alles machen/lernen/absolvieren kann ?

Das ist eben kein Pimperl. Und wenn's nur 25% eines Studiums sind, der Unterschied - das ist ganz schön viel, 25% !

Henry Flower
09.03.2010 20:08
"Kritik darf utopisch sein"

derfen tust alles. nur obs was bringt, das ist eine perspektive die bei der dame schwer fehlt.

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