"Ohne Tante Gretes Kernöl geht nichts"

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Trotz der finanziellen Schwierigkeiten von Crystal Palace genießt Johnny Ertl jeden Tag in Englands zweiter Liga

ballesterer: Hättest du nicht eigentlich den Blumenladen deiner Eltern übernehmen sollen, anstatt Fußballprofi zu werden?
Johnny Ertl: (lacht) Ja, so ungefähr. Ich war neun Jahre alt, da sind Vereinsfunktionäre des Klubs meiner Heimatgemeinde Feldkirchen bei Graz zu meinem Vater gekommen. Sie hätten mich spielen gesehen und ich solle doch beim Klub anfangen. Mein Vater hat nur gesagt: »Keine Chance. Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb, hier geht es um Arbeit und der Bua spielt sicher nicht Fußball.« Dann habe ich halt »aus Versehen« ein paar Scheiben und Blumen zerschossen. Das hat meinen Vater umgestimmt, und er hat gemeint, bevor das Geschäft
kaputt geht, soll ich mich doch lieber beim Verein austoben. Heute ist mein Vater der Erste, der mich nach einem Spiel anruft. Und den Blumenladen »Oliva« führt jetzt meine Schwester.

Nach deinem Wechsel von Wien nach London hast du gemeint, dass du es ohne heimische Lebensmittel kaum aushalten würdest. Bestimmen Fish and Chips mittlerweile deinen Speiseplan?
Ertl: Fish and Chips? Nein, das ist noch immer nichts für mich. Ich koche sehr viel, und London hat zum Glück kulinarisch einiges zu bieten. Auf drei Dinge kann ich aber nach wie vor nicht verzichten: Suppenwürfel, Schwarzbrot und Kernöl. Österreich hat die besten Suppenwürfel der Welt, kein Vergleich. Und ohne das Kernöl meiner Tante Grete geht auch nichts. Wenn ich zu Hause in der Steiermark bin, packe ich immer einen Extrakoffer Lebensmittel ein.

Aufgrund der schlechten Ernte soll es in Österreich ab Mitte des Jahres kein Kernöl mehr geben.
Ertl: Ja, das habe ich auch gehört. Ich muss unbedingt meine Tante anrufen und ihr sagen, dass sie mir ein paar Flaschen weglegt. Ihr Kernöl ist noch ehrlich gepresst, Familientradition.

Du spielst seit 18 Monaten in England, die Fans von Crystal Palace singen Lieder auf dich, es gibt die »Johnny Ertl Appreciation Society«, das Matchprogramm brachte vor kurzem ein großes Interview mit dir. Ist das nicht zu viel der Ehre?
Ertl: Mir taugt der trockene britische Humor, das Understatement. Die englischen Fans beschäftigen sich sehr genau mit jedem Spieler, denken sich Songs aus, diskutieren Wortspiele und Eigenschaften der Spieler. Für mich gibt es zwei Lieder: »Teenage Mutant Hero Ertl« und »He is here, he is there, he is fucking everywhere, Johnny Eeertl.« Das gefällt mir. Ich reiße mir dafür auch jedes Wochenende den Arsch auf, das respektieren die Fans. Der britische Fußball passt aber auch super zu meinem Spielstil.

Du hast dir heuer einen Stammplatz erkämpft, Crystal Palace war im Rennen um das Aufstiegs-Play-off für die Premier League. Doch seit Ende Jänner ist der Klub in Konkurs, ihm wurden zehn Punkte abgezogen und der Verein sucht derzeit per Zeitungsannonce einen Käufer. Bist du angefressen?
Ertl: Nein, überhaupt nicht. Jetzt kommt es eben zu einer spannenden »Relegation-Battle«. Das hat auch was. Ich bin Crystal Palace sehr dankbar. Der Verein hat mir meinen Traum ermöglicht, in England zu spielen - in London, bei einem großen Traditionsklub. Auf die wirtschaftliche Situation habe ich keinen Einfluss, ich will spielen und mein Bestes geben. Die Championship ist die sechstgrößte Liga der Welt, ich möchte unbedingt beim Verein bleiben und helfen, dass wir sportlich erfolgreich sind. Um die Existenz des Klubs mache ich mir keine Sorgen, Crystal Palace wird es auch weiterhin geben.

Auf eurem Trainingsgelände hängt ein Schild: »Winning is everything«. In deinem Blog berichtest du regelmäßig von kuriosen Spielen oder fälschlich gegebenen Toren. Häufig mit der Anmerkung: »Dieser Tag wird noch lange in Erinnerung bleiben« oder »Der Fußball lebt von solchen Geschichten«. Ist gewinnen für dich auch alles?
Ertl: Natürlich ist Fußball mehr als nur gewinnen. Aber der Erfolg steht ohne Zweifel an erster Stelle. Ich fahre nicht gerne nach Bristol, unsere Mannschaft macht ein lupenreines Tor, 20.000 Menschen haben es gesehen, nur die drei Herren in Schwarz nicht. Jeder gibt alles für den Erfolg, die Spieler, der Trainer, die Fans. Da sage ich sicher nicht: »Pech gehabt, dem Schiedsrichter war halt die Sicht verstellt, aber es war ein grandioses Spiel, ein denkwürdiger Tag und ich habe gut gespielt.« No way. Klar gehört das Kuriose, das Unvorhersehbare, das Unfaire - diese ganzen Geschichten eben - zum Fußball dazu. Aber wenn wir aufgrund von Fehlentscheidungen verlieren, fühle ich mich verarscht.

In der Championship spielen viele Traditionsklubs. Informierst du dich über Geschichte, Erfolge oder Fankultur dieser Mannschaften? Oder ist dir nur wichtig, wie stark dein Gegner derzeit ist?
Ertl: Selbstverständlich interessieren mich die Hintergründe der Mannschaften. Wenn wir gegen Preston spielen, weiß ich, dass der Klub als erster die englische Meisterschaft gewonnen hat. Gegen Sheffield Wednesday habe ich natürlich die Hillsborough-Katastrophe im Kopf. Bei den Queens Park Rangers denke ich daran, dass der Verein Flavio Briatore und Bernie Ecclestone gehört. Demnächst spielen wir gegen Ipswich Town, da ist Roy Keane Trainer. In den englischen Medien kommen diese Geschichten auch immer wieder vor, das bekommst du automatisch mit. Klar geht es um das Spiel und die drei Punkte. Aber je mehr ich über die Klubs weiß, desto mehr kann ich die Spiele genießen.

Du giltst als vielseitig interessierter Mensch. Wie schaut in London dein Leben abseits des Fußballs aus?
Ertl: Ich lebe wahnsinnig gerne hier. Kultur, Menschen, Lebensweise, das alles macht mir großen Spaß. Ich spiele Gitarre und mache ein wenig Musik. Meine alte Band, »Ohne Lizenz«, gibt es auch noch. Vor kurzem habe ich mir ein Keyboard gekauft und mit meinem Laptop bastle ich hin und wieder an ein paar Liedern. Abwechslung muss einfach sein. In unserer Mannschaft gibt es echt gute Musiker und Sänger. Musik ist daher immer ein wichtiges Thema.

Welche Bands hast du in letzter Zeit gesehen?
Ertl: Jede Menge. Florence and the Machine, The Killers, Franz Ferdinand, vor ein paar Tagen war ich bei einem Akustik-Konzert von James Walsh, dem Sänger von Starsailor. Mir fallen gar nicht mehr alle Konzerte ein. Ich gehe häufig zu kleinen Shows. Zum Beispiel in den 101 Club am Oxford Circus oder in die Brixton Academy. In London gibt es so viel zu entdecken. Ab und zu bin ich auch bei einem Musical. Ich habe es endlich geschafft, mir »Sound of Music« anzusehen, allerdings auf DVD. Jetzt weiß ich, warum die Engländer mit Österreich nur Skifahren und Jodeln verbinden.

Stichwort Österreich: Du bist kurz vor der Heim-EM im Sommer 2008 aus dem Kader der Nationalmannschaft gerutscht. Ist das Nationalteam noch ein Thema für dich?
Ertl: Ich würde weiterhin sehr gerne für Österreich spielen. Für sein Heimatland aufzulaufen, ist für jeden Fußballer eine große Ehre. Im Moment konzentriere ich mich aber ganz auf Crystal Palace, ich fühle mich hier sehr wohl und möchte mit dem Verein erfolgreich sein. Sollte der Teamchef anrufen und mich brauchen, stehe ich zur Verfügung. (Stephan Wabl)

Zur Person:

Johannes "Johnny" Ertl (27) spielte von 2002 bis 2006 bei Sturm Graz, danach bis 2008 bei Austria Wien. Seit Sommer 2008 ist der Londoner Klub Crystal Palace Ertls Arbeitgeber. Der Verteidiger brachte es bisher auf sieben Einsätze im ÖFB-Nationalteam.

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