Die Stunde der Knallcharge: Ist Christoph Waltz in "Inglourious Basterds" tatsächlich bester Nebendarsteller?
Als Christoph Waltz vor einem Monat in der Late Show von David Letterman zu Gast war, gab es einen bezeichnenden Dialog. Der Talk Host eröffnete mit einem Kompliment: "One of the best things, well, maybe the best thing about watching ‚Inglourious Basterds' was your performance. What an evil, creepy ... It was so good." Waltz, in der ihm eigenen gelassenen Skepsis: "Thank you, I would disagree with the evil." Darauf Letterman, kurz aus dem Konzept: "Well, that would be hard to substantiate." Waltz: "Not at all, it would just take a while." Ein großartiger Fernsehmoment, denn natürlich war dafür keine Zeit, und Letterman machte mit der konventionellen Frage nach der Herkunft des Schauspielers Christoph Waltz weiter, der aus einer Wiener Theaterfamilie stammt. Gegen Ende des Gesprächs kam Waltz doch noch auf die Sache zurück, und brachte seine Rolle auf einen interessanten Punkt: "I completely disregarded the Nazi." Hans Landa ist für ihn ein Uniformträger, dem die Funktion, die er in einem System bekleidet, völlig äußerlich bleibt, und den er gewissermaßen davon unabhängig mit den Idiosynkrasien ausstatten kann, die das Publikum allem Anschein nach so genießt. Für David Letterman war das schon ein wenig zu hoch: "I'm not certain I understand your point correctly."
Es lohnt sich aber, der Sache noch ein wenig nachzugehen, denn es betrifft auch die Frage, was eigentlich gutes Schauspiel ist, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass Waltz gerade einen Oscar für die beste Nebenrolle bekommen hat. Hans Landa wird in "Inglourious Basterds" mit einer langen Szene eingeführt, in der er - als der "Judenjäger", als der er berüchtigt ist - einen französischen Bauern aufsucht, der in seinem Haus eine jüdische Familie versteckt hält. Es entspinnt sich ein langes Dialogduell, in dem Landa in zweifacher Hinsicht die Oberhand behält: er hat die größere und groteskere Pfeife, und er bestimmt, welche Sprache gesprochen wird (er wechselt ins Englische, was ich zuerst für eine schöne, ironische Konzession an das Koproduktionskino der siebziger Jahre hielt, auf das Tarantino sich bezieht, was sich aber bald als fiese Taktik erweist, mit der Landa die unter dem Küchenboden kauernden Juden adressiert, die dem Dialog nun nämlich nicht mehr folgen können). Die lange Szene endet damit, dass Landa der davonlaufende Jüden Shoshanna hinterherblickt, er könnte noch schießen, aber er unterlässt es, mit einem schönen österreichischen Ausdruck: "Bumsti."
Von diesem Moment an ist Landa der Herr der Fiktion in "Inglourious Basterds", er spart Shoshanna später noch einmal auf, damit der Plot nicht vor dem großen Finale abbricht, und es ist dieser Aspekt an der Rolle, den Christoph Waltz mit seiner Deadpan-Virtuosität besonders genießbar macht: dass da einer auf der falschen Seite und zugleich über den Dingen stehen kann. Das geht nun aber eben nur dadurch, dass die Figur des Hans Landa tatsächlich vor laufender Kamera ständig entnazifiziert wird: vom Klischee des kultivierten Mörders, eine Figur, die vor allem Heinrich Himmler sehr angelegen war, bleibt bei Landa nur der kultivierte Snob, der sich mit den lächerlichen Spitzennazis von "Inglourious Basterds" niemals gemein machen würde. Nebenbei ist Landa auch das: ein Subalterner, der seine Funktion des "kleinen Rädchens" durch Stil kompensiert.
Der Film verliert auf diese Weise allerdings gerade durch die Frivolität von Landa den allein nennenswerten Konflikt: Die Jüdin Shoshanna, die einzige Figur, die nicht bloß im Spaßuniversum von Tarantino existiert, sondern die für meine Begriffe der Anker ist, den "Inglourious Basterds" in der faktischen Geschichte hat, diese Shoshanna erachtet Hans Landa für sich als nicht satisfaktionsfähig - in der vielgepriesenen Mehlspeisenszene, die Waltz auch brillant spielt, die aber nur dazu dient, seine Überlegenheit über den Plot ein zweites Mal zu demonstrieren.
Natürlich dient all dies insgesamt nur dazu, dass am Ende Tarantino seine Überlegenheit über den Plot zurückfordern kann, indem er Landas "welthistorisches" Manöver ins Leere laufen lässt, und ihm durch Brad Pitt ein Nazi-Stigma beibringen lässt, über dessen Referenz sich der Film davor die ganze Zeit lustig gemacht hat: tatsächliche Naziverbrechen. Christoph Waltz spielt die Rolle des Hans Landa so, dass wir einen erleichternden Unterschied genießen können: Das mit den Nazis war einmal, von jetzt an denken wir bei Judenaushebungen an Knallchargen. Das ist eine dubiose Leistung, die mit der dubiosen Trophäe eines Oscars eigentlich ganz gut honoriert ist.
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"Hans Landa ist für ihn [= Waltz] ein Uniformträger, dem die Funktion, die er in einem System bekleidet, völlig äußerlich bleibt, und den er gewissermaßen davon unabhängig mit den Idiosynkrasien ausstatten kann, die das Publikum allem Anschein nach so genießt."
---> Soweit man aus diesem geschwollenen Satzungetüm überhaupt etwas herauslesen kann, dann am ehesten Folgendes: Für Waltz (und Rebhandl) ist Landa ja gar kein Nazi, sondern vor allem ein toller, interessanter Typ, auf den das Filmpublikum steht.
Diese Verharmlosungen und Relativierungen nerven mindestens ebenso wie die Denkweise von Rosenkranz & Co.
Meine (subjektive) Sicht dazu ist die: Landa versucht nicht aus einem bestialischen Haß heraus den französischen Bauern von seiner Mission zu überzeugen, sondern, noch gespenstischer als das, durch Ignoranz. Juden werden mit Ratten verglichen, aber es ist kein vordergründiger Hass erkennbar, lediglich Arbeit, die getan werden muss.
Landa ist stolz auf sein "in-die-Juden-hineindenken-können", was einen "üblichen Nazi" mit Ekel erfüllen würde, bei gleichzeitiger Ignoranz Landas.
Diese kultivierte und dennoch totale Ignoranz hat mit dem blöd-bösen Nazi, wie er in Filmen gerne dargestellt wird, nichts zu tun, und ist gerade deshalb auf ekelhafte Weise faszinierend - große Schauspielkunst und zurecht Oskar-prämiert.
Stimme Ihnen zu, daß Nazis in Filmen bisher anders dargestellt wurden - das ist aber nicht mein Punkt.
Landa ist imo "evil", egal wie seine Verpackung ausschaut. Getrieben ist er, und das sehe ich anders als Sie, so wie seine tumben Kollegen von bestialischem Menschenhass.
Nicht so bekannt ist etwa, daß Hitler als guter Unterhalter (Stimmenimitator: "Hineinfühlen") galt und Göring den netten, lieben Herrn von nebenan geradezu verkörperte:
Vordergründig waren sie nett und imstande so zu tun, als seien sie menschlich intakt, was sie aber nicht waren. Josef Fritzl fällt mir auch dazu ein.
Noch ein Gedanke: Die Gabe, Schwächen des Gegners genau zu erkennen, ist mWn ein Wesensmerkmal von Psychopathen.
Interessante Sichtweise, dann haben wir ganz einfach eine andere subjektive Wahrnehmung der Figur Landa.
Mir kommt Landa als ein "Schöngeist" (in pervertierter Form) vor, der sich mit Niederungen des Hasses oder des Bösen nicht abgibt, er ignoriert diese schlicht. Diese Thematik ist für ihn unsichtbar, nicht vorhanden.
Durch dieses Ausklammern stellt er sich als Böser auch außerhalb des Bösen, aber nicht, weil er darüber erhaben ist, sondern weil er "das Böse", das er ist, vollständig ignoriert, und dies nicht einnmal durch Verdrängung - es interessiert ihn nicht, er nimmt es nicht wahr, hat keinerlei Zugang dazu.
Aber wie gesagt, meine Ansicht ist einfach Geschmackssache. Wir müssten wohl Hrn. Waltz fragen :-)
Wenn der Bauer auch nur einen mm nicht das getan hätte, was Landa wollte, wären bei Landa augenblicklich die Dämme gebrochen - ruckzuck wäre nichts mehr gewesen mit Schöngeist, Schönsprech, Manieren...da wäre der vernichtende Hass zutage getreten - das war der ganzen Familie auch klar.
"Evil" ist immer die Diagnose von außen, unabhängig davon, daß Landas Unrechtsempfinden überhaupt nicht vorhanden ist - ein Kennzeichen von Psychopathen btw, die sich idR nie als Monster ("evil"), sondern - verdrehterweise - immer als Opfer sehen.
Gehemmt/Geplagt durch ein schlechtes Gewissen werden die Landers nie, weil dies eben bei denen nicht vorhanden ist - mMn.
Frei von Ideologie, das ist es, was Landa vom gängigen Nazi unterscheidet. Und die Ideologie des Nazitums ist keine Einstellung, sondern eine Religion mit allen Facetten und Dingen, die eine Sekte eben so benötigt.
Die Figur Landa ist nicht Teil der Religion dieser Sekte, was auch verdeutlicht, warum er im entscheidenden Moment nicht das geringste Problem hat, die Seiten zu wechseln.
Waltz im Interview: "Yes, he wears that uniform, but he doesn't care. Not about Nazi ideology.
He's completely unideological. He just understands how the world turns, and in that way, he's three steps ahead of everyone else."
Landa macht sich keine Gedanken über das Böse der herrschenden Religion, sondern ist ein Paradeopportunist seiner Zeit.
Also dem letzten Absatz kann ich nur widersprechen.
Gerade dieser Film zeigt doch am Ende den Opportunimus vieler in der Zeit des NS Regimes. Nachher waren eh alle Widerstandskämpfer obwohl vorher ohne viel schlechtes Gewissen Menschen ausgeliefert und ermordet wurden.
Weiters hat mir noch kein Film plastischer geschildert, welche Gratwanderung, Widerstandskämpfer/in zu sein bedeutet hat.
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