Die Wiener Weingärten

8. März 2010, 16:57
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Die Wiener Weingärten sind ein wichtiger Bestandteil des Grüngürtels, der wieder die Lebensqualität der Stadt beeinflusst - Schön ist, dass sie ganz einfach per Öffis erreichbar sind

Noch herrscht in den Wiener Weingärten Ruh'. Die Rebstöcke sind geschnitten und bereit, um mit dem Austrieb ins neue Vegetationsjahr loszustarten, für den es im Moment noch zu kalt ist. Neues Jahr, neues Glück heißt es für alle Winzer um diese Jahreszeit. Und speziell jenen, die Weingärten am Nussberg haben, möge heuer ein Jahr ohne Hagelschlag à la Juli 2009 vergönnt sein, der massiven Schaden anrichtete und so manchen ohne Nussberger Wein dastehen ließ.

Weingärten sind eine Kulturlandschaft. Das lässt sich um diese Jahreszeit anhand der akribisch geschnittenen und sauber an den Drahtseilen der Halterung festgemachten Bogen demonstrieren, aus denen im Frühjahr die frischen Triebe schießen, die im Herbst die Trauben tragen werden. Diese Kulturlandschaft umkränzt Wien halbmondförmig, beginnend im Norden, in „Transdanubien" am Bisamberg über die westliche Wange der Hauptstadt bis in den Süden nach Mauer, endet sie südöstlich in Oberlaa.

Großlage Nussberg

Am bekanntesten und bestens beleumundet ist die Großlage Nussberg hinter Nussdorf im 19. Wiener Bezirk gleich neben der Donau. Die Geschichte von der Wiederauferstehung Wiens als ernstzunehmendes Weinbaugebiet mitten in einer Weltstadt hängt an der Geschichte dieser Großlage. Von den Donaubrücken aus sieht man ihn am schönsten: ein Hügelrücken ein paar hundert Meter hoch direkt vor dem Kahlenberg, dicht an dicht mit Rebstöcken bestanden. Ist man am Nussberg selbst unterwegs, liegt einem die Stadt exemplarisch schön zu Füßen. Zwischen den Weingärten winden sich Gassen und befestigte Wege, ein beliebtes Ziel für Spaziergänger, forscher Wandernde, Bergläufer und Radfahrer.

Geologisch gesehen war der Nussberg das Gestade eines urzeitlichen Meeres, was übersetzt bedeutet: Kalksteinfelsen mit Muschelkalkauflage, die gediegen dick in Donaunähe ist und mit zunehmender Entfernung immer dünner wird, Lehm, schottrige Adern dazu einiges an Mergel in den tiefer gelegenen Bereichen. Kalk bringt eine ausgeprägte und saftige Fruchtigkeit in den Wein jeglicher Rebsorte und lässt auch der Mineralität viel Spielraum. In seinem Mix gehört der Nussberg zu den besten Weinlagen des Landes, nicht nur der Hauptstadt. Klimatisch kommen hier an den perfekt südexponierten Hängen das warme Pannonien und die kühlenden Wassermassen der Donau zusammen. Wasser in Weingartennähe ist ein regulierender, ausgleichender Faktor, sei es kühlend bei zu großer Wärme oder wärmend in Gegenden, die schon zu kühl sein können für Wein.

Der Nussberg ist die Vorzeigelage der Stadt Wien - "wieder geworden" sollte unbedingt ergänzt werden. Und er steht symbolisch für den Aufschwung, den Wiener Wein in den letzten Jahren nahm, dafür dass die Qualitäten eindeutig besser wurden, und auch Trauben und Weine wieder einen brauchbaren Preis erzielen. Er wurde jahrelang in seiner weinbaulichen Bedeutung vernachlässigt. Noch bis vor etwa zehn Jahren war es gar nicht schwierig Weingärten am Nussberg zu bekommen. Viele Flächen gehören der Stadt Wien, mehr als die Hälfte der Weingärten allgemein sind außerdem Pachtflächen, nach denen heute deutlich mehr Nachfrage besteht als damals.

Für die Umkehr der Situation war die Ankunft der Nicht-Nussberger Winzer ausschlaggebend. Nachdem Fritz Wieninger, Stammersdorf, 1999 die Donau gen Süden überschritt und einen damals 40 Jahre alten Weingarten mit einem klassischen Gemischten Satz pachtete, änderte sich alles. Obwohl er über den Gemischten Satz zu Beginn nur mäßig entzückt war, zeigte er mit dem „Nussberg Alte Reben" auf, was mit Knowhow und Phantasie aus diesen Bedingungen herauszuholen ist und löste damit die Erstarrung. Viele folgten und pachteten Flächen am Nussberg, darunter so einige Quereinsteiger wie zum Beispiel Jutta Ambrositsch, die aus Leidenschaft und Freude am Tun wieder in Erinnerung riefen was die Lage kann.

Oberlaa - ein Dorf in der Stadt

Die Erfolgsgeschichte des Wiener Weins spielt sich vor allem am Nussberg, am Bisamberg und in Mauer ab. Aber es gibt auch Weinbauorte in der Stadt wie Oberlaa, in denen wenig vom Wiener Weinwunder mitzubekommen ist. Das mag nur teilweise daran liegen, dass der Ausblick von den Weingärten auf den Verschiebebahnhof wenig spektakulär ist. Knapp 25 Hektar Flächen sind es, die vor allem Grüner Veltliner, Rheinriesling und Burgundersorten, dazu Blauburger, Zweigelt und Blauer Portugieser bestockt sind, wie Martin Frauneder, kürzlich neu gewählter Obmann des Weinbauvereins Oberlaa, erzählt. Der Wein, der hier entsteht, wird zu etwa 90 Prozent über die örtlichen Heurigen unters Volk gebracht. Der Rest sei Ab-Hof-Verkauf.

Oberlaa ist ein Dorf in der Stadt mit allen Stadt-Land-Befindlichkeiten, die es unausrottbar immer und überall gibt. Man zeigt sich weitgehend unbeeindruckt von dem, was im Rest der Stadt weinmäßig abgeht. Die Winzer setzen auf ihr Heurigen-Business as usual und verwehren sich dagegen, Impulse von „außen" zu bekommen. Mehr Besucher kämen schon, aber das war's auch. Dass sich Richard Zahel, Winzer der Wien-Wein-Gruppe aus Mauer, hier engagiert, möchte man ungern in der Zeitung lesen, denn man würde das hier „schon selbst" machen.

„Schreiben's acht Betriebe", antwortet Frauneder, auf die Frage wie viele Winzer es denn hier gebe. Etwa die Hälfte davon hat noch Landwirtschaft, die im Ort und in seiner Umgebung auch kaum zu übersehen ist - Getreide, Zuckerrüben, Raps und Feldgemüse, eine Besonderheit wie betont wird. Von „mittleren Böden" solle man schreiben, Schotter und Löss erhält man als präzisere Antwort erst nach mehrmaligem Nachfragen. Will man Details über die Boden- und Klimaverhältnisse wissen, das dem der Thermenregion recht ähnlich sein soll, lohnt es sich im Buch „Wiener Wein" nachzulesen, wo man diesbezüglich auskunftsfreudiger war. Was hier in zehn Jahren sein wird, darf mit ebenso großem Interesse beobachtet werden wie der Rest der Geschichte um den Wiener Wein.

Richard Zahel arbeitet mit Oberlaaer Trauben von mittlerweile acht Hektar. Er sieht gute Möglichkeiten für nicht allzu komplizierte, gut trinkbare Weißweine und meint auch, dass hier einiges an Potenzial für die Sorte Zweigelt vorhanden wäre. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da, Oberlaa hat in der Wiener Weinszene den Ruf als "Reservoir" und gilt als „entwicklungsfähig". Positiv sieht Zahel vor allem, dass hier noch eine normale wirtschaftliche Entwicklung basierend auf Wein möglich sei, was in anderen durch den Hype bekannt und auch teuer gewordenen Lagen kaum mehr der Fall sei. Grundspekulationsgerüchte halten sich hartnäckig auch wenn die Stadt Wien Umwidmungen eine eindeutige Absage erteilt. Wie viel jetzt aus Oberlaas Goldberg, Johannespointen und Weichseltal herauszuholen ist, ob Weinqualitäten möglich wären, die einen besseren Preis erzielen könnten, dem wurde hier bisher nur von einigen wenigen Einzelkämpfern nachgegangen. Aber auch Einzelkämpfer können so einiges in Bewegung setzen. (Luzia Schrampf, derStandard.at, 08.03.2010)

Buchtipp

Grünwald, Holzer, Lammerhuber, Moser, Prónay: "Wiener Wein" (Bohmann Verlag)

  • Blick vom Nussberg auf Wien.
    foto: landwirtschaftskammer wien

    Blick vom Nussberg auf Wien.

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