944 Seiten Sehnsucht

16. März 2010, 15:35
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Mit wässrigem Maul und Fernweh durchpflügt der Fidler die aktuelle Ausgabe des Osteriaführers - und hätte da noch ein paar Anregungen von Buttrio bis Willy, von GPS bis Teilsames, nebst wichtigen Fragen an Userin und User

944 Seiten Sehnsucht. 944 Seiten Genuss. Und ich habe noch nicht einmal jede Region durchmessen, geschweige denn durchessen. Und da fragen Sie mich, warum ich ständig (pah, ständig, viel zu selten!) nach Italien fahre und nicht nach Frankreich oder nach Spanien? Wegen dieses fürchterlichen Osteriaführers natürlich. Und wegen des Vorsatzes, jede italienische Region zumindest einmal durchgekostet zu haben. Ganz zu schweigen vom jährlichen Pflichtbesuch im Piemont, für die önologische Grundversorgung im folgenden Jahr (Duemila Vini ist natürlich auch wieder bei Hallwag erschienen, die Bibel des italienischen Weins, quasi). Ja, ich weiß, ich bin unflexibel, Sie sind nicht der erste, der mir das sagt. Aber 1700 Adressen wollen einmal eressen werden!

Der Lammdarm hat einen Namen

Zirka soviele (genaue Zahlen verschweigen die Herausgeber) Wirtshäuser, beschneckte und unbeschneckte, enthält der Osteriaführer 2009/10, soeben erschienen wie gewohnt bei Hallwag. Eine Jubelnummer, btw, der 20. Jahrgang der in Italien gelben, hier roten Fressbibel. Seit ein paar Jahren wieder mit dem selbst für Italienischprofis (wie keineswegs mich) äußerst praktischen Eatalienisch/Deutsch-Wörterbuch, in dieser Ausgabe auf ansehnlichen 40 Seiten von abacchio (Milchlamm) über 'ndruglieteielli (Lammdarm in Süditalien) bis Zuppa valdese (gratinierte Grissinisuppe im West-Piemont).

Eintausendsiebenhundert Wirtshäuser! Allein in Italien! Und mindestens die Hälfte liest sich, als ob ich sofort hinwollte. Das Schlimme ist ja: Es fehlt auch noch die eine oder andere besuchenswerte Gastwirtschaft auf der Halbinsel. Zum Beispiel das Al Parco in Buttrio. Lassen Sie sich nicht von den Dimensionen des Lokals abschrecken, auch nicht vom einen oder anderen Bus vor der Türe, auch nicht vom manchmal etwas streng wirkenden, schnellen Service, und am besten ebensowenig von schon etwas beschwingten Kärntner Landesjägern, die hier mit Family den Geburtstag ihrer Frau feiern, aber offenbar viel lieber mit den Ösis am Nebentisch plaudern.

Vegetarierin im Vorteil

Freuen Sie sich lieber auf's Essen. Das Hirschcarpaccio zum Beispiel, das fängt ja gut an. Die Vegetarierin an meiner Seite (eigentlich auf der anderen Seite, des Tisches vor allem) wählt Artischocken mit Käse und Filo-Teig, auch nicht übel. Fünf von drei möglichen Rufzeichen stehen bei den Tagliolini im Schmecks-Notizbuch. Meine Nudeln mit der Ente halten, wiewohl sehr anständig und ordentlich fett, nicht ganz mit.

Aber nur kurz

Ich bereue ja nie, dass mich mit einer Fleischverweigererin durchs Leben beiße, außer vielleicht an diesem Punkt, wo ich die Fiorentina vom Fogolar sehe, die selbst ich als Zweipersonenportion identifiziere. Meine Tagliata mit Rucola und Kartoffelchips ist aber auch nicht von schlechten Eltern, mithin als dritter Gang. Aber: Mit ein, zwei Pausen geht auch sie gut weg (ohne die Chips, eh nicht so meins). Beweisfotos auf Anfrage (vom Teller, nicht von Fidlers Wampe). Die Verdure gegenüber sind mit einer Schlangenlinie als naja, okay, vermerkt. Selbst schuld, wer kein Fleisch isst, finde ich. Außer bei den Pilzen, klar. Aber: Vielleicht hilft mir ja das - quasi zum Ausgleich - mitgeorderte "Handbuch Vegetarisch" beim Verständnis. Ich müsste es nur endlich auspacken.

Auch wenn es bis zum Conto nicht ganz so scheint: Der Preis passt locker in die Anforderungen des Osteriaführers (wenn mich nicht alles täuscht: derzeit bis zu 35 Euro pro Person fürs Essen, womöglich inklusive Hauswein).

Das Al Parco in Buttrio ist natürlich nicht das einzige Lokal, das ich im Osteriaführer vermisse - siehe etwa das prachtvolle Cappun Magru. Aber wir brauchen dafür gar nicht nach Ligurien. Robert Schlesinger zum Beispiel schreibt nicht nur kluge Kommentare im STANDARD, sondern auch sachdienliche Schmecks-Hinweise per Mail.

45 Tage abhängen

Den Einstieg kann Herr Schlesinger natürlich nur kokett gemeint haben. Er schreibt: "Ich weiß ja nicht, wie gern Sie und Ihre Schmeck's-Freunde sich Lokale empfehlen lassen, aber falls doch, erzähle ich gerne ein bisserl über die Taverna La Merinde im Hotel Willy in Gemona del Friuli. Dort war ich gestern auf Einladung meines friulanischen Automechanikers (wie man als Wiener zum einem Automechaniker im Friaul kommt, das ist wieder eine andere Geschichte). Jedenfalls: an einem unattraktiveren Ort haben Sie bestimmt nicht oft gegessen, besseres Steak aber auch nicht. Ja, genau: Steak - sonst gibt's dort nicht sonderlich viel. Das aber dafür in einer Qualität (nicht zuletzt: des verwendeten Fleischs), die kein noch so hoch gelobter und behaubter Koch in Österreich hinkriegt. Das Fleisch wird 45 Tage abhängen gelassen... aber jetzt bin ich im Erzählen schon mittendrin, also stopp."

Immer hören die guten Texte auf, wo es wirklich spannend wird. Ich konnte Herrn Schlesinger nur noch die (nicht ganz überraschende) Website des Hotels entlocken und seinen Plan: "Das 'große' Restaurant des Hauses muss ich dann nächstes Mal ausprobieren...". Ich kann nur sagen: Wir erwarten Bericht! Noch lieber natürlich Gericht, aber so bald, fürchte ich, wird's mich leiderleiderleider in nächster Zeit nicht verschlagen.

Fragen über Fragen, Userinnen und User

Trotzdem: Sachdienliche Hinweise für gutes Essen immer gerne! Was würden Sie eigentlich von einer Schmeck's-Rubrik für Usertipps halten? So nach dem Motto: Hier habe ich gerade gut gegessen.

Da wären wir schon bei den UserInnenfragen: Bevor ich herumsuche: Gibt's eigentlich dem Osteriaführer einigermaßen vergleichbare Wirtshausführer für Frankreich und Spanien? Würde mich zwar vor zusätzliche Herausforderungen stellen, aber dafür ist's ohnehin höchste Zeit. Bitte posten oder mir mailen!

Fragen an Slowfood

Ich hätte dafür ein paar Anregungen für Editore Slowfood beziehungsweise den Hallwag Verlag: Ich fände ja eine Art Ringbuchlösung (oder Vergleichbares) praktisch, mit der man die jeweilige Region Italiens und/oder das Wörterbuch kompakt einpacken kann, ohne einen dicken Wälzer gewaltsam zu zerlegen? Eine App für Iphone oder auch Navi hätte einigen Charme. Seit ich mit dem damals neuen iPhone online durch Cannes navigierte, würde ich aus Kostengründen für beide Anwendungen eine Offlinevariante empfehlen. Oder gibt's das alles schon, und ich weiß nichts davon.

Bei Schmecks und vor allem seiner Italienischen Speise denken wir gerade wieder ein bisschen intensiver an die Geografie. Aber ganz einfach und leider online, und außerdem wird das, wie ich mich kenne, noch eine Weile dauern. Bleiben Sie dran!

 

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Da! Tagliata! Oder eher Bistecca. Egal: Ordentliche Portionen Fleisch im Al Parco in Buttrio.
Al ParcoVia  Stretta del Parco, 133042 Buttio (Udine) 0039 00432 674025
Taverna La Merinde/Hotel Willywww.hotelwilly.com
    foto: fidler

    Da! Tagliata! Oder eher Bistecca. Egal: Ordentliche Portionen Fleisch im Al Parco in Buttrio.

    Al Parco
    Via Stretta del Parco, 1
    33042 Buttio (Udine)
    0039 00432 674025

    Taverna La Merinde/Hotel Willy
    www.hotelwilly.com

  • Vegetarierwahl 1 - Käse, aber kein Käse.
    foto: fidler

    Vegetarierwahl 1 - Käse, aber kein Käse.

  • Passt, die Pasta.
    foto: fidler

    Passt, die Pasta.

  • Die Chips zum Fleisch hätt's nicht gebraucht. Waren aber sehr okay, sagt die Vegetarierin.
    foto: fidler

    Die Chips zum Fleisch hätt's nicht gebraucht. Waren aber sehr okay, sagt die Vegetarierin.

  • Tagliata, jetzt aber: Mein ebenso prachtvoller wie üppiger Hauptgang.
    foto: fidler

    Tagliata, jetzt aber: Mein ebenso prachtvoller wie üppiger Hauptgang.

  • Mahlzeit! 944 Seiten wunderbare kulinarische Sehnsucht - warum nicht als Ringbuch? Als App?
    foto: verlag

    Mahlzeit! 944 Seiten wunderbare kulinarische Sehnsucht - warum nicht als Ringbuch? Als App?

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