"Es gibt eine unglaubliche Welle der Abwehr"

8. März 2010, 17:43
11 Postings

Feministinnen diskutierten über Erreichtes und Utopien - Sie wollen sich durch "Generationenkonflikte" nicht teilen lassen

Ist es schon feministisch, Bücher über Intimhygiene zu schreiben oder seine ganz persönliche Karriere zu verwirklichen? Die Frage, was Feminismus heute ausmacht, ist keine leichte, ihre Beantwortung aber auf jeden Fall ein wichtiges politisches Ziel. Im Rahmen eines dieStandard.at-Round-Tables diskutierten vier Feministinnen über neuere feministische Strömungen, ihren gesellschaftlichen "Impact" und das Problem, dass die Integration von Frauen in die Gesellschaft nicht unbedingt ihre Revolutionierung bedeutet.

Eigentlich könnten sich doch alle zurücklehnen, schließlich sind heute ja zahlreiche frauen-politische Themen in der gesellschaftlichen Mitte angekommen, oder? "Der Gender-Pay-Gap, Frauen in Führungspositionen, die Vereinbarkeitsdebatte und natürlich das Thema Gewalt werden heute mit Feminismus assoziiert", sagt Elfriede Hammerl, die als Journalistin und Autorin die österreichische Innenpolitik seit Jahrzehnten beobachtet.

Eine Einschätzung, die alle Diskutantinnen teilten, wenngleich die Ökonomin und Politikwissenschafterin Gabriele Michalitsch auch eine "unglaubliche Welle der Abwehr" gegenüber feministischen Themen diagnostizierte, die sich teilweise in Leugnung ("Es ist alles erreicht") über traditionellen Sexismus, gerade in Bezug auf die Darstellung von Frauenkörpern, aber auch in klarem Antifeminismus äußere.

Streit dominiert die Debatte

An den Universitäten habe eine Pluralisierung feministischer Ansätze stattgefunden, etwa in einem queeren oder postkolonialen Feminismus, aber diese Nuancen würden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Viel eher dominiere Streit und ein ominöser "Generationenkonflikt" die öffentliche Debatte über Feministinnen.

Galionsfiguren wie die "Opferfeministin" Alice Schwarzer gegen die jungen genusszentrierten "Post-Feministinnen" und "Alphamädchen" auffahren zu lassen sei dem Prinzip "Teile und herrsche" geschuldet, sagen die Diskutantinnen einmütig. "Alle fünf Jahre wird eine neue Frauengeneration ins Spiel gebracht, die es angeblich nicht mehr nötig hat, kämpferisch, schrill oder 'hässlich' zu sein. Da findet ein Auseinanderdividieren der Generationen statt", schildert Hammerl.

Also doch keine Differenzen zwischen Feministinnen? "Ich sehe eine zentrale Gemeinsamkeit, trotz aller Pluralisierung, und das ist die Analyse von Macht und Herrschaft auf Basis der Kategorie Geschlecht", sagt Michalitisch. Feminismus stehe klar für Veränderungswillen und Widerstand gegen Ausbeutung, Marginalisierung, Gewalt und Hierarchisierung, was im Einzelnen unter Geschlecht verstanden werde, sei aber im globalen Kontext durchaus unterschiedlich.

Woran es fehle, sei der Austausch zwischen autonomen, religiösen oder akademischen Feministinnen. Ein Weg der Solidarisierung sei vor allem über "Bildungsgrenzen" hinweg zu erzeugen, so Hammerl. Immerhin: "Die Frauenpolitik der SPÖ hat darauf abgezielt, gemeinsame Interessen von Frauen herauszuarbeiten."

Spielarten wie die Queer-Theory oder den postkolonialen Feminismus wollten die Diskutantinnen stattdessen als Weiterentwicklung feministischer Denkweise verstanden wissen. Queer-Theory etwa stellt die Sexualität in den Mittelpunkt der Analyse der Geschlechterverhältnisse: "Sie hat die Normen von Männern und Frauen, von Hetero- und Homosexualität im Blick und thematisiert, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse arbeiten, damit diese Normen aufrechterhalten werden", erklärt die Philosophin und Gender-Forscherin Sushila Mesquita. So gesehen schreibe das neue Partnerschaftsgesetz für Lesben und Schwule gerade auch wieder die Andersartig- und Minderwertigkeit von Nichtheterosexuellen in unserer Gesellschaft fest, "sonst hätte man ja auch die Ehe für sie öffnen können".

"Das Zentrale am Queer-Feminismus ist doch, dass er identitätsbasierte Politiken infrage stellt, also den Bezug auf diese strikten Kategorien 'Frauen' und 'Männer' ablehnt, weil damit wieder die Normen aufrechterhalten werden, unter denen wir leiden", so Gudrun Ankele, Mitglied des Künstlerinnenkollektivs "Schwestern Brüll" und feministische Wissenschafterin.

Wie ließe sich so ein Ansatz mit klassischer Frauenpolitik verknüpfen? Bis jetzt vor allem "eine große Herausforderung". "Für mich geht es darum, auch die eigenen Privilegien, die mit meinem Status als Inhaberin eines österreichischen Passes, als Akademikerin verbunden sind, zu reflektieren und aufzugeben", so Mesquita. Und was kommt danach? "Dann wäre der Platz breiter für Utopien. Wir können uns überlegen, wie wir zusammenleben, wenn es ein Bleiberecht für alle, wenn es ein Grundeinkommen und eine Arbeitszeitver- kürzung gibt. Diesen utopischen Raum brauchen wir, sonst bleiben wir immer nur in der Kritik stecken."

Deshalb sei es so wichtig, die Utopie im Kleinen erfahrbar zu machen, etwa durch Aktionen, Musik, das Organisieren von Parties oder dergleichen. Auch Michalitsch stimmte zu: "Feminismus, verstanden als Gesellschaftskritik, braucht die Utopie, die die Kritik an den bestehenden Verhältnissen in sich trägt. Das ist ganz zentral für die Ausrichtung politischer Praxis".

Das Verhältnis von Realpolitik und feministischer Utopie bezeichnete Ankele als die "paradoxe Situa-tion des Feminismus, seit es ihn gibt": Denn natürlich brauche es die Quote und die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen, aber gleichzeitig auch die Frage, wie wir uns das gute Leben vorstellen.

Gesellschaftlicher Rechtsruck

Hatten dann die gesellschaftskritischen Forderungen in Zeiten der Wirtschaftskrise Aufschwung? "Nein, in der Öffentlichkeit geht es in erster Linie darum, Kapitalismus zu stabilisieren und damit auch alle Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die der Kapitalismus mit sich bringt. Die Konjunkturpolitik und die Spardebatten haben nicht zuletzt das Ziel, die Vor- krisenmachtverhältnisse zu sichern", kritisierte Michalitsch.

Und wenn wir in die Zukunft blicken? Für die Ökonomin ganz klar: "Da wird es darum gehen, wer die existenzsichernden Jobs bekommt." "Und wer die Kinder!", sagt Mesquita. Generell rücke die Gesellschaft nach rechts, weshalb es auch immer weniger Platz für antisexistische und antirassistische Diskurse geben werde. (Die Fragen stellten Ina Freudenschuß und Beate Hausbichler, DER STANDARD/Printausgabe 8.3.2010)

  • Am dieStandard.at-Round-Table zum Thema Feminismus nahmen teil (von
links): Gudrun Ankele, Sushila Mesquita, Gabriele Michalitsch und
Elfriede Hammerl.
    foto: r. hendrich

    Am dieStandard.at-Round-Table zum Thema Feminismus nahmen teil (von links): Gudrun Ankele, Sushila Mesquita, Gabriele Michalitsch und Elfriede Hammerl.

Share if you care.