Ein-Euro-Ketten pflastern verwaiste Verkaufsflächen in Deutschland zu und sondieren auch Österreich, wo viele schon gescheitert sind
Wien - Es gibt in dem Laden nichts was es nicht gibt, sagt die betagte Dame. Sie kramt nach einem blauen Wollknäuel und stopft es in den Einkaufskorb zu Kartoffelschäler, Klobürste, Fleckenreiniger und einigen Lippenstiften. Sie suche nie was, finde aber mehr als genug. Es koste eben das Meiste in dem Wiener Allerlei-Markt nur einen Euro, da überlege man nicht zweimal.
Die Aktionsmärkte siedeln sich an, wo andere scheitern. Sie besetzen verwaiste Geschäftsflächen in kleinen Bezirksstädten und günstigen Seitenstraßen. Einige expandierten zu gewagt und fuhren an die Wand: Die Marke Schnapp zu ist Geschichte, ebenso Sconto und Komm&Kauf. Andere erleben nun neuen Aufschwung. Ihr Schmuddelimage hat der Großteil von ihnen abgestreift, und der Kick des Billigen zieht Kunden quer durch alle Einkommensschichten an.
"Nur aufsperren und dann glauben, es rennt, spielt es nicht", stellt Fredi Plattner klar. Zumal Diskonter wie Hofer, Lidl, Pagro und Kik den Restpostenanbietern nur sehr wenig Platz lassen würden. Seine Frau machte sich einst mit Aktionsware selbstständig. Heute führen die beiden in Tirol zwölf Filialen unter der Marke Aus+Raus.
Anders als vor zehn Jahren sorge Konkursware heute nur noch für Bruchteile des Sortiments, sagt Plattner. Er kaufe seine tausenden verschiedenen Artikel europaweit ein. "Ohne gute Bonität bekommt in der Branche keiner mehr was."
Container aus Aktionsware
In Deutschland hat das Geschäft mit Billigem nicht nur Eigentümer von Aldi und Tengelmann reich gemacht, sondern auch Unternehmer wie Rainer Schum: Er handelt Tag für Tag mit Containern an Aktionsware aus Asien. Gekauft wird antizyklisch und in rauen Mengen - Abnehmer sind deutsche Supermarktketten wie die eigenen mehr als 120 Euroshops. Das alles spielt rund 235 Mio. Euro Umsatz ein.
Schum ist nicht der einzige Große im Ein-Euro-Reich. McGeiz betreibt in Deutschland mit mehr als 1700 Mitarbeiter 275 Läden. Kik-Schwester Tedi ist mit 950 Shops und 6000 Beschäftigten Marktführer. Jährlich kommen 150 weitere Filialen dazu, Ziel sind 2000. Derzeit werde auch Österreich intensiv sondiert, lässt der Konzern auf Anfrage des Standard wissen. Mit vier Standorten in Wien, Graz und Wels im Geschäft ist der kleinere deutsche Mitbewerber Allerlei.
Wert auf Produktionsbedingungen in Fernost legt in der Branche keiner. De Kosten für Herstellung und Transport eines Ein-Euro-Artikels schätzen Marktkenner auf 30 Cent. Deutsche Gewerkschafter klagen über Lohndumping.
An den großen Einstieg der internationalen Ein-Euro-Ketten in Österreich glaubt Plattner nicht. Die Mieten von gut 15 Euro für den Quadratmeter seien ihnen hier zu hoch. Das Geschäft mit Restposten sei eine junge Vertriebsform, "viele Läden verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind", sagt der Diskontexperte und Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Fritz. Er habe an den kühnen Expansionsplänen so mancher seine Zweifel.(Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.4.2010)