Volkstheater

Strizzi-Land ist abgebrannt

07. März 2010 17:25
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    Foto: neubauer/apa

    Praterseligkeit, in ein Beton-Mausoleum verlegt: Liliom (Robert Palfrader) mit der Frau Muskat (Claudia Sabitzer), die ihn schon wollen täte - wenn er sich halt nur entscheiden könnte.

Ein tüchtiger "Liliom" in einer allzu proletarischen Franz-Molnár-Inszenierung: Robert Palfrader steht am Beginn einer Schauspielerkarriere - er müsste halt ein bisserl weniger brav sein

Wien - In Franz Molnárs Vorstadtlegende Liliom erhält ein Prater-Strizzi, der es gewohnt ist, allfällige Konflikte mit der Faust beizulegen, vom Schicksal ein vermeintlich generöses Angebot unterbreitet: Liliom, den seine Arbeitgeberin Muskat ob seiner Grobheiten einen "Künstler" nennt, soll die kleinbürgerliche Laufbahn einschlagen. Im Wiener Volkstheater, wo Michael Schottenberg das bewährte Rührstück mit Robert Palfrader in der Titelrolle inszeniert hat, will man von den Besserungsangeboten, die einer "Legende" zugrunde liegen, eher nichts wissen.

Denn Strizzi-Land ist abgebrannt. Bühnenbildner Hans Kudlich hat den Wiener Prater in ein Beton-Mausoleum hineinverlegt. Über Industrieglasfenster läuft in dicken Tropfen der Regen. In sozialen Konfliktsituationen suchen Molnárs kleine Leuten hinter Stahlträgern Zuflucht. Vor allem aber enthebt sie die völlig ungenügende Beleuchtung der Zumutung, einander ins Gesicht schauen zu müssen. Am ehesten hat Schottenberg wohl etwas über die Proletarisierung von Verhältnissen erzählen wollen, die ohnehin schlecht sind. Liliom, der sich gegenüber der tapferen Julie (Katharina Straßer) als Kavalier verhält, dafür aber bei der Muskat hinausfliegt, landet in der Untermiete.

Palfrader, der ungelernte Schauspieler, gebraucht seine natürliche Mitgift eindrucksvoll: Er versteht es völlig unfallfrei, Dialekt zu sprechen. Er fährt der schauerlich unemanzipierten Karikatur der Muskat (Claudia Sabitzer als welke Patronin mit Lackledergürtel) brutal in die Parade. Liliom saugt gierig an Glimmstängeln und brütet ein bisschen unbegriffenen Weltschmerz aus - er gebietet schüchtern, aber auch wenig angefochten über eine kleinbabylonische Sprachverwirrung.

Falsche Verhältnisse

Diese hat Schottenberg am ehesten als satirische Typenparade angelegt. Das Falscheste in falschen Verhältnissen sind wohl alle diejenigen, die von sich glauben, dass sie etwas Besseres seien.

Schottenbergs Zuneigung gehört ein bisserl den Subversiven: der Julie, die in der hässlichen Untermiethalle der brabbelnden Tante Hollunder (Brigitte Swoboda) den Spießertraum vom behaglichen Eigenheim inszeniert, indem sie mit verbeultem Geschirr auf dem Ölofen hantiert. Liliom und Konsorten gab kein Gott zu sagen, was sie denken. Schön wäre aber ein Regisseur gewesen, der ihnen gesagt hätte, warum noch Ohnmachthaber in verdrehten Situationen so etwas wie eine unantastbare Würde besitzen. Palfrader, der Untermieter wider Willen, lässt sich vom brutalen Ficsur (Christoph F. Krutzler) in ein Abenteuer verwickeln, an dessen Ende ein schlampiger Suizid mit Küchenmesser und Starkstrom steht.

Julie, von Straßer sonst in einen Panzer aus Unnahbarkeit gehüllt, findet am Sarg des Tunichtguts zu innigen Verlautbarungstönen des Schmerzes. Unerfindlich bleibt, warum Menschen, die aus der sozialen Not heraus Dienstleister werden und zum Beispiel schmutzige kleine Atelierfotos für Spießerpaare schießen (Andy Hallwaxx als Frau Hollunders Sohn), pauschal verunglimpft werden. Warum das Personal, das diese kümmerlichen Existenzen verwaltet (Ärzte, Polizisten), Mitmenschlichkeit nur kennt, indem es Gewalt ausübt. Schottenberg inszeniert nicht - er verwackelt.

Lilioms Auftritt vor dem Schreibtisch des enervierten Himmelskonzipisten (Heinz Petters) fügt diesem Befund von der Hölle im Himmel wie auf Erden nichts Nennenswertes hinzu. Sein Kurzauftritt als Wiedergänger bei Frau und Tochter lässt eine schöne Einsicht zurück: Palfraders Karriere als Volksschauspieler könnte von hier aus ihren Anfang nehmen. Nur müsste er halt ein bisserl weniger brav sein. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 3. 2010)

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16 Postings
karlFranz
11.03.2010 09:23
Wer Molnars "Liliom"

in der schönen Sprache A. Polgars erleben möchte,
fahre nach Graz; Premiere morgen im Schauspielhaus.
Niveauvolle Regie: Viktor Bodo

bei uns in bagdad
08.03.2010 17:57
vivat!

kaiser

standardabweichung
08.03.2010 09:30

wäh in der josefstadt sin die sitze immer so eihgwacht

platz, hirsch!
08.03.2010 15:09
dann wird sie freuen zu hören

dass das ganze im volkstheater spielt...

Dr. Wolfgang S. (Kanzler a.d.)
08.03.2010 00:32
susi riess passer...

jetzt auch auf theaterbuehnen?!

1000 Kopfläuse können nicht irren
08.03.2010 13:21
Sie waren schneller als ich.

Deswegen ein Rotes!
(C;

krikri
07.03.2010 18:19

ich habe im vorigen kulturmontag den ausschnitt mit liliom und dem konzipienten (mit dem grauenvollen petters) gesehen und mir dann die szene in der 1963er aufführung mit moser und meinrad auf dvd angesehen - welch kosmos sich das auftut - ich bin wirklich nicht in der alten zeit stehengeblieben - aber dieser unterschied ist schon unglaublich....

Robert Waloch
08.03.2010 01:06
TJA - das ist sie,

die Gnade der frühen Geburt! Ich darf sie mit Ihnen teilen und erinnere mich an dieses Gastspiel des Burgtheaters im Th.a.d.W. anlässlich der Festwochen immer noch in dem Wissen, damals etwas so nicht Wiederholbares erlebt zu haben - eben diese Szene im Himmel mit MOSER!!!

Intelligente Großkundenlösung
08.03.2010 07:11
Die können Sie jetzt in der Josefstadt nachholen

Der Moser dort ist mM um einiges spritziger als der tröge Liliom, wenigstens was Schauspieler und Regie anlangt.

Robert Waloch
08.03.2010 11:42
Erinnerung?

In der Nichtwisser-Version brauche ich nicht, da ich das Original, also Hans MOSER, über Bühnenbegegnungen in bester Erinnerung habe. Franzobel, dieser SecondHand-Literat, der derzeit überall hofiert wird, ist vielleicht Ihre, nicht aber meine Wahl....

Mork vom Ork
08.03.2010 12:28

Wie heisst schön

"Jeder Zeit ihre Kunst"

Robert Waloch
09.03.2010 01:03
Schlimm,

wie Sie da der heutigen Zeit drohen...

Intelligente Großkundenlösung
08.03.2010 18:15
und ihren MOSER

krikri
08.03.2010 10:50
moser

hab den lilom nicht gesehen und werde ihn mir auch sicher nicht ansehen - aber hab den franzobel moser bei der premiere gesehen und fands zwar ein bischen seicht aber so toll gespielt und in zusammenhang mit der musik (vor allem die Geige hats mir angetan) sehr berührend... kann man nur empfehlen...

gabi resetarits
07.03.2010 17:50
Witzig geschriebene Kritik,

aber bissl unterstelle ich Ihnen, dass Sie keine Pointe auslassen wollten. War jetzt nicht meine Nr.1 aller von mir gesehenen Liliominszenierungen ( Thalia-Theater-Aufführung in der Regie von Thalheimer) - aber der Herr Palfrader kann schon was, und das Stück hat mich sehr berührt, und das sehe ich schon auch als Erfolg des Herrn Schottenberg. ANSCHAUEN!!!

cascada
08.03.2010 12:58
gabi, Sie haben recht !

Der Rezensent gefällt sich schon sehr mit Worten wie "Ohnmachthaber". Sowas sagt nicht viel über das Stück/die Aufführung. Hoffentlich hälts nicht zu viele von deren Besuch ab !

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