Ein tüchtiger "Liliom" in einer allzu proletarischen Franz-Molnár-Inszenierung: Robert Palfrader steht am Beginn einer Schauspielerkarriere - er müsste halt ein bisserl weniger brav sein
Wien - In Franz Molnárs Vorstadtlegende Liliom erhält ein Prater-Strizzi, der es gewohnt ist, allfällige Konflikte mit der Faust beizulegen, vom Schicksal ein vermeintlich generöses Angebot unterbreitet: Liliom, den seine Arbeitgeberin Muskat ob seiner Grobheiten einen "Künstler" nennt, soll die kleinbürgerliche Laufbahn einschlagen. Im Wiener Volkstheater, wo Michael Schottenberg das bewährte Rührstück mit Robert Palfrader in der Titelrolle inszeniert hat, will man von den Besserungsangeboten, die einer "Legende" zugrunde liegen, eher nichts wissen.
Denn Strizzi-Land ist abgebrannt. Bühnenbildner Hans Kudlich hat den Wiener Prater in ein Beton-Mausoleum hineinverlegt. Über Industrieglasfenster läuft in dicken Tropfen der Regen. In sozialen Konfliktsituationen suchen Molnárs kleine Leuten hinter Stahlträgern Zuflucht. Vor allem aber enthebt sie die völlig ungenügende Beleuchtung der Zumutung, einander ins Gesicht schauen zu müssen. Am ehesten hat Schottenberg wohl etwas über die Proletarisierung von Verhältnissen erzählen wollen, die ohnehin schlecht sind. Liliom, der sich gegenüber der tapferen Julie (Katharina Straßer) als Kavalier verhält, dafür aber bei der Muskat hinausfliegt, landet in der Untermiete.
Palfrader, der ungelernte Schauspieler, gebraucht seine natürliche Mitgift eindrucksvoll: Er versteht es völlig unfallfrei, Dialekt zu sprechen. Er fährt der schauerlich unemanzipierten Karikatur der Muskat (Claudia Sabitzer als welke Patronin mit Lackledergürtel) brutal in die Parade. Liliom saugt gierig an Glimmstängeln und brütet ein bisschen unbegriffenen Weltschmerz aus - er gebietet schüchtern, aber auch wenig angefochten über eine kleinbabylonische Sprachverwirrung.
Falsche Verhältnisse
Diese hat Schottenberg am ehesten als satirische Typenparade angelegt. Das Falscheste in falschen Verhältnissen sind wohl alle diejenigen, die von sich glauben, dass sie etwas Besseres seien.
Schottenbergs Zuneigung gehört ein bisserl den Subversiven: der Julie, die in der hässlichen Untermiethalle der brabbelnden Tante Hollunder (Brigitte Swoboda) den Spießertraum vom behaglichen Eigenheim inszeniert, indem sie mit verbeultem Geschirr auf dem Ölofen hantiert. Liliom und Konsorten gab kein Gott zu sagen, was sie denken. Schön wäre aber ein Regisseur gewesen, der ihnen gesagt hätte, warum noch Ohnmachthaber in verdrehten Situationen so etwas wie eine unantastbare Würde besitzen. Palfrader, der Untermieter wider Willen, lässt sich vom brutalen Ficsur (Christoph F. Krutzler) in ein Abenteuer verwickeln, an dessen Ende ein schlampiger Suizid mit Küchenmesser und Starkstrom steht.
Julie, von Straßer sonst in einen Panzer aus Unnahbarkeit gehüllt, findet am Sarg des Tunichtguts zu innigen Verlautbarungstönen des Schmerzes. Unerfindlich bleibt, warum Menschen, die aus der sozialen Not heraus Dienstleister werden und zum Beispiel schmutzige kleine Atelierfotos für Spießerpaare schießen (Andy Hallwaxx als Frau Hollunders Sohn), pauschal verunglimpft werden. Warum das Personal, das diese kümmerlichen Existenzen verwaltet (Ärzte, Polizisten), Mitmenschlichkeit nur kennt, indem es Gewalt ausübt. Schottenberg inszeniert nicht - er verwackelt.
Lilioms Auftritt vor dem Schreibtisch des enervierten Himmelskonzipisten (Heinz Petters) fügt diesem Befund von der Hölle im Himmel wie auf Erden nichts Nennenswertes hinzu. Sein Kurzauftritt als Wiedergänger bei Frau und Tochter lässt eine schöne Einsicht zurück: Palfraders Karriere als Volksschauspieler könnte von hier aus ihren Anfang nehmen. Nur müsste er halt ein bisserl weniger brav sein. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 3. 2010)