Papa ist ein Schlossgespenst

7. März 2010, 17:14
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Thomas Vinterberg inszeniert mit "Das Begräbnis" eine Fortsetzung seines Filmerfolgs "Das Fest": eine opulente Gespenstersonate, in der sich das Opfer als neuer Täter entpuppt

Wien - Der dänische Filmregisseur Thomas Vinterberg hat in seinem Welterfolg Das Fest (1998) das herrschaftliche Domizil einer Familie sukzessive in einen Katastrophenschauplatz gewendet: Während einer Geburtstagsansprache werden die Gewalttaten (sexueller Missbrauch), die ein Vater an seinen Kindern verübt hat, auf fatale Weise ruchbar. Die kammerspielhaften Sequenzen des Films und seine geschliffenen Dialoge bescherten dem Kinoerfolg in den darauffolgenden Jahren eine zweite Karriere auf dem Theater.

Diese Fährte hat Burg-Direktor Matthias Hartmann gewittert und Thomas Vinterberg für eine Fortsetzung der Geschichte gewinnen können; diesmal gleich für die Bühne. Ein echter Coup. Als opulentes, nunmehr zehn Jahre später angesiedeltes Familiendrama erlebte Das Begräbnis am Samstagabend eine meisterhafte, aber nicht unumstrittene Uraufführung am Burgtheater.

Helge, der Täter-Vater, ist gestorben. Anlässlich seiner Beerdigung treffen die Kinder wieder am Familiensitz zusammen, einem stillgelegten Schlosshotel mit sechzehn Schlafzimmern, das verschachtelt auf der großen Drehbühne des Burgtheaters gespenstische Pracht entfaltet.

Das emotional komplexe Moment des Begräbnisses, bei dem einer schuldbeladenen Person nachgetrauert werden soll, ermöglicht Vinterberg das Auffächern aller Widersprüchlichkeiten, die zwischen den einzelnen Familienmitgliedern, aber auch zwischen öffentlicher und privater Ordnung herrschen. Man starrt auf einen Sarg und weiß, nichts wird mit ihm begraben sein.

Den jüngsten Sohn Michael (Oliver Stokowski) zwingt das Wissen um die Schuld seiner Familie immer wieder zu panischen Weinkrämpfen, auch die Schuld, dass er im Unterschied zu seinem Bruder Christian (Martin Wuttke) nicht Opfer wurde. Seine Schwester Helene (Christiane von Poelnitz) rüstet sich als raubeinige Maulheldin: Während Michaels Braut Sofie (Johanna Wokalek) ihre lächerlich kleinen Taschentücher bei Kotz- oder Schminkunfällen feilbietet, brüllt Helene schlicht: "Klopapier ist im Klo!" Das Drama verschafft sich mit derlei Witzchen ein wenig Luft und spielt auch mit der Komik, der sich erwachsene Geschwister in Erinnerung an früher manchmal hingeben.

Auf der Bühne von Johannes Schütz herrscht geradezu Fassbinder'sche Kälte. Die riesenhaften Räume, Schlafgemächer, Bäder, das Treppenhaus, der Salon, sie alle enden diffus im Dunkeln und machen so jene Ängste sichtbar, die seit der Kindheit mit diesen Zimmern verbunden sind.

Das ist zugleich aber ein wunder Punkt der Inszenierung, die den Vater Helge (Michael König als wandelnder Geist) als Dämon in einem Gespensterschloss charakterisiert. Und ihn als solchen verantwortlich dafür macht, dass sein Opfer, Sohn Christian, hier am Ort der Verbrechen selbst zum Täter wird: Christian vergeht sich unmittelbar nach dem Begräbnis am Sohn seines Bruders.

Applaus und Buhs

Einen Kriminalfall als "Fluch" zu bezeichnen, der "über einem Haus hängt" , ist zwar theatralisch ergiebig, aber gedanklicher Unfug und hat wohl jene kräftigen Buhs verantwortet, die sich zu Ende der Vorstellung unter einen ebenso heftigen Applaus gemischt haben. Zur Gespensterstimmung trägt die elegisch-schöne Musik des mit Kieslowski-Filmen berühmt gewordenen polnischen Komponisten Zbigniew Preisner noch ein Scherflein bei. Von dieser problematischen Behauptung rettet sich das Stück aber zusehends in eine andere Richtung. Vinterberg fokussiert wie schon in Das Fest auf die Kommunikation innerhalb der Familie, die unkontrollierte, hinausgezögerte, fast verhinderte Versprachlichung des Verbrechens. Das gelingt ihm meisterhaft.

Vor verschlossenen Salontüren macht die Wahrheit schnell einmal Halt, ein Vertuschen der Sache wäre allen genehm: Sogar Pia (ergreifend: Dörte Lyssewski als Christians Gattin), die Zeugin der Tat wurde, will einfach die Flucht ergreifen oder aus egoistischen Gründen ihren Mann retten. Tacheles wird nur beim Koch (Tilo Nest) im Erdgeschoß geredet, dessen Küchenzeile wie ein Anpfiff zum großen Schlachten aus dem Unterboden an der Rampe gefahren kommt.

Großartig auch Corinna Kirchhof, die als von zu viel Stolichnaya aschfahl gewordene Mutter und stumme Zeugin der Verbrechen das Zepter eiskalter Familiendiplomatie führt. Dass daraus kein Film zu machen wäre, wie Vinterberg behauptet, darf nach dieser Premiere angezweifelt werden. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 3. 2010)

 

 

 

  • Panik in der Küche: Tilo Nest, Dörte Lyssewski, Martin Wuttke, Johanna Wokalek (von links).
    foto: soulek

    Panik in der Küche: Tilo Nest, Dörte Lyssewski, Martin Wuttke, Johanna Wokalek (von links).

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