Die vielen Arten lesbisch zu sein

11. März 2010, 19:12
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Ottonormal-Lesben, schräge Vögel, weibliche Machos: Fünf lesbische Frauen sprachen mit dem Standard über ihr Selbstverständnis, nervige Fragen, Vorurteile und Geschlechterklischees

"Als ich mich mit 19 Jahren geoutet hab, waren die einzigen lesbischen Role Models Melissa Etheridge und Martina Navratilova", sagt Daniela Frey. Jetzt ist sie 37 und seit bald 14 Jahren in einer Partnerschaft mit Birgit Peterson, die ein Jahr jünger ist. "Lesbisch zu sein, das war nicht präsent als reale Möglichkeit", erinnert sich Birgit an ihr Coming-Out mit 20 Jahren. "Man kam ja auch nie mit Homosexualität in Berührung - außer in der Schule, wo es geheißen hat ,Besser bi als nie'."

Es fällt schon auf den ersten Blick auf: Die beiden "echten Wienerinnen", wie sich selbst bezeichnen, sind ein eingespieltes Team. Und wirken dabei wie frisch verliebt. Ständig herzen und necken sie einander, immer wieder nimmt eine der anderen das Wort aus dem Mund, der Austausch von kleinen Zärtlichkeiten ist selbstverständlich. 

"Birgit ist immer mutiger gewesen als ich", kommentiert Daniela, während ihre Freundin erzählt, dass sie die Überraschung, sich für eine Frau zu interessieren, zwar heftig erschüttert habe, sie sich aber schnell dazu entschloss: "Ich muss das ausprobieren. Also bin ich gleich in die Villa (das Wiener Lesben- und Schwulenhaus Rosa Lila Villa, Anm.) gegangen." Daniela hingegen spricht von einem jahrelangen Prozess, während dem sie mit sich selbst gerungen und an sich gezweifelt habe, bevor sie damit aus sich heraus und in die Öffentlichkeit ging.

Auch mit ihrem Umfeld hatte es Daniela nicht so leicht wie Birgit. Der Vater habe "cool" reagiert, doch die Mutter habe sie zuerst in Therapie schicken wollen, manche Freunde hätten ihr geraten, "einen richtigen Mann" zu suchen - eine Erfahrung, die viele lesbische Frauen teilen, denen schon nahegelegt wurde, dass sie bisher einfach an den Falschen geraten seien. 

Mittlerweile sind alle Ängste und Zweifel zerstreut. Im bekannten Schwulen- und Lesbentreff Café Berg winken sie Freundinnen zu und haben weder etwas gegen ein Interview noch gegen Fotos einzuwenden - was nicht die Regel ist. Das mag auch damit zusammenhängen, dass auch die Arbeitskollegen von Birgit Peterson, die Trainerin für wissenschaftliches Schreiben und an der Uni Wien tätig ist, und Daniela Frey, die ein Flüchtlingsheim leitet, wissen, dass sie lesbisch sind. "Wir tragen es nicht hinaus, aber wir verschweigen es auch nicht", sagen sie. Auch in der Öffentlichkeit haben sie keine Scheu, Händchen zu halten oder einander zu umarmen - zumindest in Österreich oder anderen Ländern, wo für Homosexuelle keine ausdrücklichen Bedrohungen zu erwarten sind. Auch wenn es durchaus auch in Wien passiert, dass sie beschimpft oder "als Attraktion" bestaunt werden.

Fantasien und Rollenfragen

Als Pärchen Aufsehen zu erregen, das stört die beiden nicht besonders, wohl aber das "sexualisierte Beobachten von Männern", wie es Daniela beschreibt, "zum Beispiel von Spannern auf der Donauinsel". Das Gefühl, als Objekte für Porno-Fantasien heterosexueller Männer herzuhalten, gehört für viele lesbische Frauen zu den ungenehmsten "Nebenwirkungen". Ebenso geht es vielen Lesben gehörig auf die Nerven, ständig nach ihrer Rolle gefragt oder nach optischen Merkmalen beurteilt zu werden. So wurde Daniela und Birgit die männliche oder weibliche Rolle je nach Haarlänge zugeschrieben - die im Lauf der Zeit bei beiden wechselte. Gegen eine derartige Einteilung haben sie sich aber immer verwehrt.

"Du schaust ja ganz normal aus!" - Das bekommt Sophie Gitschier-Gnielka oft zu hören. Die 25-jährige Musikwissenschafterin mit dem schallenden Lachen, dem vollen langen Haar und dem perfekt sitzendem Lidstrich ist auch von anderen Lesben schon als "Lipstick Lesbian" belächelt worden. Dass sie mit Frauen mehr als intensive Freundschaften verbindet, hat die Berlinerin bemerkt, als sie vor vier Jahren nach Wien zog und sich in eine Frau verliebte, mit der sie die folgenden drei Jahre zusammen war. "Ich habe mich eine halbe Stunde auf der Toilette schön gemacht, bevor ich mit ihr auf einen Kaffee ging", erzählt Sophie, die in Teenagerzeiten auch mit Jungs liiert war. "Da wurde mir klar, dass etwas anders ist. Dann habe ich mich einfach reinfallen lassen." 

Die Beziehung zu einer Frau hat Sophie, die gerade den Master für Frauen- und Geschlechterforschung an der Uni Wien macht, "unheimlich viel Freiheit gegeben", vor allem was die Aufbrechung klassischer Rollenbilder betrifft. "Es war auf allen Ebenen bewusstseins- und horizonterweiternd, weil man in den Rollen springt, sie aufteilt und dadurch aufweicht." Die häufige Frage "Wer ist bei euch der Mann und wer ist die Frau?" beantwortet sie so: "Ich bin mit einer Frau zusammen, warum sollte denn jemand der Mann sein? Wenn ich einen Mann wollte, wäre ich mit einem zusammen!" Durch ihre gleichgeschlechtliche Beziehung habe sie ein neues Selbstverständnis gefunden - das auch nicht ausschließt, dass sie sich wieder in einen Mann verlieben könnte. "Aber ich merke immer wieder, dass mir die Männer sehr schnell langweilig werden", fügt sie hinzu.

Einer der Unterschiede zu einer heterosexuellen Beziehung sei ein viel bewussteres "Im-Leben-Sein", bedingt dadurch, dass sie sich mehr Gedanken mache, angefangen von der Frage, ob sie die Partnerin auf der Straße in den Arm nimmt oder nicht. "In dem Moment, wo ich als Lesbe out lebe, setze ich ein politisches Statement, und habe viel mehr zu bearbeiten, als wenn ich es nicht offen lebe", meint Sophie, die ihre Erfahrungen im Rahmen des Projekts PeerconneXion der Hosi Wien auch in Schulklassen weitergibt.

Seit ihrem Outing mit etwa 16 Jahren habe es "einen ganz großen Sprung" in der Akzeptanz lesbischer Frauen gegeben, meint Sabine M. (Name von der Red. geändert). Die 29-Jährige, die in Innsbruck mit ihrer Freundin zusammenlebt, glaubt, dass selbst am katholisch geprägten Land zumindest die jüngere Generation "schon einmal von der Regenbogenparade gehört hat oder Queer as folk im Fernsehen gesehen hat und ganz anders mit Homosexualität umgeht". Auch in dem kleinen Tiroler Dorf, wo sie aufgewachsen ist, war es nie Thema, dass sie Frauen liebt. "Jedes Dorf braucht einen schrägen Vogel", sagt sie pragmatisch. Sie sei selbst kein "Szenemensch", deswegen gingen ihr auch einschlägige Begegnungsräume nicht ab. Sie habe auch viele heterosexuellen Männer in ihrem Freundeskreis - "vielleicht weil sie Frauen, die auf Frauen stehen, eher verstehen, weil sie selbst auf Frauen stehen". Was die Rollenverteilung betrifft, sieht sie eine Tendenz zu fließenden Übergängen, sowohl in homo- als auch heterosexuellen Beziehungen. Von Klassifizierungen wie Butch (burschikos) und Femme (feminin) hält Sabine nicht viel: "Ich bin in meiner Beziehung die, die im Fall die Reifen wechselt, ich bin aber auch die Köchin. Ich ziehe eher ein Kleid an und meine Freundin einen Hosenanzug, aber man glaubt es nicht, wenn man sie sieht."

Skepsis und Sichtbarkeit

Auch Eva Simsic schätzt die Durchlässigkeit der klassischen Geschlechterrollen als lesbische Frau. "Mir wurde oft nachgesagt, ein weiblicher Macho zu sein", erzählt die 40-Jährige, die in einer Sozialorganisation Arbeitslosen bei der beruflichen Rehabilitation hilft. "Jetzt kümmere ich mich oft um den Haushalt und betreue auch die beiden Kinder meiner Partnerin." Eva, die in einer steirischen Kleinstadt aufgewachsen ist, dann nach Graz ging und seit zehn Jahren in Wien lebt, hat ihre Gefühle für Frauen lange Zeit "undercover" gehalten und zwei längere Beziehungen mit Männern geführt. Während der zweiten, mit 23 Jahren, verliebte sich so sehr in eine Frau, dass sie es nicht mehr unterdrücken konnte. Auch wenn sie offen damit umgehe, lesbisch zu sein - seit zwei Jahren ist sie mit der Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker zusammen -, in ihrem Heimatort möchte sie sich lieber nicht öffentlich mit ihrer Partnerin zeigen. "Da würde ich auf große Skepsis stoßen", ist sie überzeugt. "Am Land erfordert es mehr Mut, offen lesbisch zu leben." Aber auch in Gegenwart von Gruppen junger Burschen verhalte sie sich generell sehr zurückhaltend: "Man entgeht den Blicken nicht."

Und doch werden Lesben gern übersehen, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Allzuoft wird in den Medien Homosexualität mit Schwulsein gleichgesetzt. "Lesben sind sehr viel unterschwelliger präsent, weil Frauen untereinander generell ein zärtlicheres Verhältnis pflegen, ohne dass sie automatisch lesbisch sind", erklärt sich Sophie Gitschier-Gnielka das Schattendasein im Vergleich zu Schwulen. "Als Lesbe ist es daher auch leichter möglich, verdeckt zu leben." In diversen TV-Serien sei der schwule beste Freund etabliert, aber nicht die lesbische beste Freundin. "Lesben werden außerdem immer viel kopflastiger dargestellt, während die Schwulen die sind, die einfach Spaß haben."

"Lesbische Sexualität wurde immer schon tot geschwiegen", sagt Daniela Frey. "Auch heute gibt es immer noch die Überzeugung, dass es ohne männliches Geschlechtsorgan keinen Sex gibt." "Die geringe Sichtbarkeit spiegelt einfach unsere männerorientierte Gesellschaft wider", meint Birgit Peterson. "Zudem muss man es sich leisten können, sich öffentlich zu outen. Das Einkommen von Frauen ist immer noch niedriger als von Männern und für viele ist es zu riskant, den Job aufs Spiel zu setzen." Außerdem würden schwule Männer einfach selbstbewusster an die Öffentlichkeit gehen, und durch opulente Aufmachung und Fummel einfach mehr wahrgenommen, sind sich auch Sabine M. und Eva Simsic sicher. "Um eine gleichwertige Sichtbarkeit zu haben, müsste man auch die Ottonormal-Lesbe zeigen", betont Birgit. Auffällig sei, dass Frauen- und Lesbenräume sowie Women-Only-Lokale in den letzten Jahren zusehends verschwunden seien. "Das zeigt zwar, dass vielleicht weniger Bedarf daran besteht. Es liegt aber sicher auch daran, dass es sich Frauen weniger leisten können, in Lokalen viel zu konsumieren", begründet Birgit das "Frauenlokalsterben".

Auch wenn ein lesbisches Leben heute wesentlich leichter zu führen ist als noch vor wenigen Jahren - von einem geregelten Familienleben fühlen sich viele Lesben noch weit entfernt. "Mit der eingetragenen Partnerschaft sehe ich mich zum ersten Mal vom Gesetzgeber als Lesbe diskriminiert, weil es damit explizit unmöglich ist, ein Kind zu adoptieren", sagt Birgit. Solange die Frage im Raum steht, ob sie ein Kind wollen, werden sich Birgit und Daniela daher nicht "verpartnern" - auch wenn die Partnerschaft rechtliche Vorteile mit sich bringe. Eva Simsic hält das Angebot einer eingetragenen Partnerschaft für ein "gutes Zeichen", die Diskussion um den Ort der Eintragung und den Rahmen findet sie jedoch "absurd" genauso wie das Verbot, ein Kind zu adoptieren. "Das Familienleben mit meiner Partnerin und ihren zwei Kindern ist eine extreme Bereicherung, sowohl für mich, als auch für die Kinder, die überhaupt kein Problem damit haben", weiß Eva aus eigener Erfahrung. Auch Sophie Gitschier-Gnielka kann sich durchaus vorstellen, Kinder zu haben, auch wenn sie denkt, dass ein Kind sowohl eine weibliche als auch eine männliche Bezugsperson haben sollte. "Das kann aber auch ein Freund oder Patenonkel sein. Und ein Vater kann auch großartig sein, wenn er nicht der Partner ist!" Für Sabine M. ist die Entscheidung für ein Kind eine Frage der Vereinbarkeit mit dem Beruf, die partnerschaftlich gelöst werden müsse. Die rechtlichen Rahmenbedingungen stellen für sie das geringere Problem dar. "Ich möchte auch gern irgendwann heiraten, wenn es die Richtige ist - egal wo es eingetragen wird", sagt sie.

Obwohl sich Lesben hierzulande nicht verstecken brauchen, hofft Daniela, „dass niemand Angst haben braucht, an die Öffentlichkeit zu gehen." Und Birgit regt an: "Mit jedem Schritt wird man mutiger und dadurch sichtbarer. Desto eher verändert sich was in der Gesellschaft."

Die beiden haben ihre Lebensweise gefunden - auch ohne die Vielfalt an Role Models, die sie sich gewünscht hätten. (Karin Krichmayr, DER STANDARD/Printausgabe 8.3.2010)

 

  • Daniela Frey (li.) und Birgit Peterson sind seit 14 Jahren ein Paar. Das verbergen sie auch nicht - auch wenn sie immer wieder als "Attraktion" bestaunt werden.
    foto: heribert corn

    Daniela Frey (li.) und Birgit Peterson sind seit 14 Jahren ein Paar. Das verbergen sie auch nicht - auch wenn sie immer wieder als "Attraktion" bestaunt werden.

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