Menschenrechtsanwältin spricht von "Staatsverbrechen"
Salzburg - Ciudad Juárez im Norden Mexikos hat einen traurigen Ruf: In der Millionenstadt wurden in den vergangenen 15 Jahren hunderte Frauen ermordet, ohne dass die Verbrechen aufgeklärt worden wären. Doch mittlerweile hat sich das Phänomen auch auf andere Teile des Landes ausgeweitet, etwa auf den von politischen Unruhen geprägten Bundesstaat Oaxaca im Süden.
Allein im Jahr 2009 seien dort 59 Frauen ermordet worden, berichtete kürzlich die lokale Menschenrechtsanwältin Yesica Sánchez Maya, als sie auf einer Vortragsreise durch Europa in Salzburg Station machte. Die Morde und den mangelnden Schutz davor nennt sie "Feminizid", ein Wort, das inzwischen auch das mexikanische Bundesparlament benutzt. Sánchez Maya spricht von "Staatsverbrechen" und einer "Kultur der Straflosigkeit". Betroffen seien auch die Nachbarländer Honduras und Guatemala.
Die Untätigkeit der Justiz habe auch Folgen für andere Gewaltopfer: "Wenn ein Mann eine Frau umbringt und nicht einmal verhaftet wird - wieso soll ich dann glauben, dass dem Typen, der mich jeden Tag schlägt, etwas passiert?" Gewalt gegen Frauen werde dadurch als Element einer machistischen Kultur legitimiert. So gaben bei einer Umfrage in Oaxaca 40 Prozent der befragten Frauen an, dass sie schon einmal von ihrem Partner verletzt worden waren und danach einen Arzt aufsuchen mussten; 28 Prozent waren von ihrem Partner schon gefesselt, gewürgt oder mit Waffen bedroht worden, 26 Prozent waren von ihm unter Gewaltandrohung sexuell genötigt worden. (pehe/DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2010)