Reformbewegung "Wir sind Kirche" fordert: Auch Papst Benedikt XVI. soll Farbe bekennen
Hamburg - Auch Papst Benedikt XVI. soll Farbe bekennen im
Missbrauchsskandal katholischer Einrichtungen - das fordert die Reformbewegung
"Wir sind Kirche". "Denn Joseph Ratzingers Amtszeit als Münchner Erzbischof von
1977 bis 1982 gehört genau zu den Jahren, um die es bei den Missbrauchsfällen
geht", sagte "Wir sind Kirche"- Sprecher Christian Weisner in München der
Deutschen Presse-Agentur dpa. Es dränge sich die Frage auf, ob er damals
Kenntnis von solchen Übergriffen gehabt habe - und falls ja, wie er damit
umgegangen sei.
Auch außerhalb der katholischen Kirche wurden Missbrauchsfälle bekannt - an
der renommierten Odenwaldschule in Heppenheim (Hessen). Betroffene berichteten,
sie seien in der Zeit von 1970 bis 1985 von Lehrern als "sexuelle Dienstleister"
fürs Wochenende eingeteilt worden. "Wir haben die große Befürchtung, dass es
tatsächlich mehr sind als die Namen, die wir bis jetzt kennen", sagte
Schulleiterin, Margarita Kaufmann, im Gespräch mit dem Audiodienst der Deutschen
Presse-Agentur dpa. Am Montag würden Briefe an alle Altschüler versandt, die zur
fraglichen Zeit an der Schule waren.
Gerechtigkeit für Missbrauchsopfer
Der Vatikan will Klarheit und Gerechtigkeit für Missbrauchsopfer in
katholischen Einrichtungen. Das geht aus einer Notiz der vatikanischen
Tageszeitung "Osservatore Romano" (Samstag) hervor, die sich auf die
Missbrauchsfälle in Deutschland und dabei vor allem auf die betroffenen
Regensburger Domspatzen bezieht. Der Heilige Stuhl unterstütze die Diözese in
deren Bemühungen, im Sinne der Vorgaben der Deutschen Bischofskonferenz "die
schmerzliche Frage entschieden und in offener Weise zu untersuchen", heißt es
darin.
Hauptziel sei die "Gerechtigkeit für mögliche Opfer". Nach Angaben des
kirchlichen Sonderbeauftragten und Trierer Bischofs Stephan Ackermann soll für
sie nun eine Hotline eingerichtet werden. Der deutsche Kurienkardinal Walter
Kasper forderte kirchenintern eine "ernsthafte Reinigung". Es sei gut, dass der
Papst null Toleranz verlange, meinte er der römischen Zeitung "La Repubblica"
zufolge.
Am Freitag waren Details zu den Jahre zurückliegenden Missbrauchsfällen im
oberbayerischen Kloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen bekanntgegeben
worden. Ähnliche Fälle gab es auch bundesweit in etlichen anderen Bistümern. Das
Bistum Hildesheim teilte am Wochenende mit, einen Wolfsburger Pfarrer
suspendiert zu haben, weil dieser vor mehr als 30 Jahren einen Jungen
missbraucht habe. Das Opfer habe bis vor kurzem aus Scham geschwiegen.
"Wir sind Kirche"-Sprecher Weisner verlangt von den Bischöfen ein sichtbares
Zeichen der Reue. "Eine auf einer Pressekonferenz abgelesene Entschuldigung
reicht nicht aus." Stattdessen solle die Deutsche Bischofskonferenz etwa eine
gut dotierte Stiftung zur Vorbeugung gegen sexuellen Missbrauch gründen, sagte
Weisner.
Runder Tisch
Einen Runden Tisch aller Betroffenen hält dagegen der Staatssekretär im
Bundesjustizministerium, Max Stadler (FDP), für dringender denn je. Wenn sich
alle Beteiligten darauf verständigten, dann könne auch über Entschädigungen
bereits verjährter Fälle geredet werden, sagte Stadler der Deutschen
Presse-Agentur dpa in Berlin.
Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus" ist der oberste
Benediktiner, Abtprimas Notker Wolf, nach den Fällen in Ettal verärgert über die
Aktivitäten des Münchner Erzbistums. Es müsse geklärt werden, "ob die Erzdiözese
so mit einer Abtei umgehen kann, wie sie es jetzt tut, beispielsweise die
Schließung der Schule anzudrohen, falls der Schulleiter nicht zurücktritt, ohne
dass diesem das Geringste vorgeworfen werden kann", sagte Wolf. Ettal liegt im
Erzbistum München und Freising, ist als Kloster jedoch autark. (APA)