Proteste und Empörung über Regierungspartei nach Regionalwahl-Dekret
Mit einem umstrittenen Dekret hat Italiens Regierungspartei PDL am Wochenende den selbst verschuldeten Ausschluss ihrer Listen für die Regionalwahl in der Lombardei und in Latium korrigiert. Die Opposition rief zu Massenkundgebungen gegen die "Arroganz der Macht" auf. Der Christdemokrat Pier Ferdinando Casini wertete den Beschluss als Beweis dafür, dass "Gesetze in Italien nur für die Schwachen und nicht für die Mächtigen gelten".
Den Zorn vieler Italiener bekam auch der Staatspräsident zu spüren, dessen Mailbox mit tausenden Botschaften aufgebrachter Bürger überflutet wurde. Der Oppositionspolitiker Antonio Di Pietro forderte ein Amtsenthebungsverfahren für Giorgio Napolitano, der das strittige Dekret noch in der Nacht zum Samstag unterzeichnet hatte. Dieser rechtfertigte sich mit Hinweis auf einen "schwierigen Konflikt zwischen zwei wichtigen Grundrechten" - der Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und die Freiheit des Einzelnen, die bevorzugte Partei zu wählen.
Vor der Verabschiedung des Dekrets war es zu einer ernsten Machtprobe zwischen Napolitano und Premier Silvio Berlusconi gekommen, der vom Staatschef ultimativ die Zustimmung zur Verschiebung der Wahl gefordert hatte. Schließlich musste sich der Ministerrat mit einem Dekret begnügen, das die Vorschriften zur Einreichung der Listen "neu auslegt".
Spontane Proteste
Noch während der Kabinettssitzung protestierten hunderte Aktivisten der Bürgerbewegung Popolo viola vor dem Regierungssitz und der Residenz des Staatspräsidenten. In Rom und Mailand kam es zu spontanen Protestkundgebungen. Auch am Sonntag fanden in mehreren Städten Demos statt.
Laut einer aktuellen Umfrage ist der Sympathiewert für die Regierung Berlusconi seit Dezember um fast zwölf Prozent gefallen und hat mit 38,8 Prozent einen Tiefpunkt erreicht. Besonders unter den Lega-Wählern wächst das Unbehagen. Unterdessen gab das Verwaltungsgericht der Lombardei dem Einspruch des amtierenden Präsidenten Roberto Formigoni statt und ließ dessen Listen zu. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2010)