"Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen"

5. März 2010, 19:58
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Handeln statt Nörgeln. Unter diesem Motto beweisen die Schüler des ibc:Hetzendorf ihr volkswirt­schaftliches Geschick

Handeln statt Nörgeln. Unter diesem Motto stellten die Schüler des ibc:Hetzendorf ihr volkswirtschaftliches Geschick unter Beweis. Am Ende haben alle viel gelernt – allein das Defizit entglitt den Jugendlichen.

Wien – Die Arbeitslosigkeit beträgt 12,3 Prozent, das Budgetdefizit liegt bei 5,8 Prozent, die Gesamtverschuldung bei 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Haushalte fürchten um ihren Wohlstand und die Regierung ist ratlos.

Was klingt wie die derzeitigen Zustände in so manchem EU-Land, ist für die 5. Klasse des ibc:Hetzendorf die Ausgangslage. Die Schüler der bilingualen Klasse 5ABIK haben sieben Stunden Zeit, um das virtuelle Land "Eco-Mania" wieder auf Kurs zu bringen. Und das ist nicht leicht, denn die Interessen der einzelnen Gruppen gehen weit auseinander.

Der Bundeskanzler spricht sich gegen Steuererhöhungen aus. "Damit machen wir uns unbeliebt, jetzt müssen wir was tun, damit die Leute uns mögen" , lautet die Devise der Regierung. Gespart wird in der Folge bei der Regierung selbst: Beamte werden abgebaut. Erhöht werden die Förderungen für Unternehmen. Die Parole: "Das Defizit muss minimiert werden, aber in so kleinen Schritten, dass es nicht weh tut." Die Haushalte fordern von den Unternehmen mehr Angebot im Bereich Gesundheit und eine massive Lohnerhöhung, worauf die Arbeitgeber-Vertreter freilich verhalten reagieren.

Krise im Klassenzimmer

Es geht heiß her in dem kleinen Klassenzimmer, das mit Postern geschmückt ist, auf dem wirtschaftliche Zusammenhänge dargestellt sind. Regierung, Unternehmen und Haushalte kämpfen um jeden Prozentpunkt. Ergebnis: Die Löhne werden um zwei Prozent erhöht, die Bezüge für Beamte, Pensionisten und Arbeitslose um 2,5 Prozent angehoben. Die Unternehmen kündigen an, die Produktion bei Nahrung, Kleidung, Kommunikation und Freizeit zu drosseln – auch dort heißt es: "Sparen. Koste es, was es wolle" . Die Nachfrage im Gesundheitsbereich wird ignoriert.

All das bleibt nicht ohne Folgen: Weil die Unternehmen nicht auf die Konsumenten reagieren, sinkt das BIP, die Arbeitslosigkeit steigt ob der Jobkürzungen der Regierung auf 25 Prozent, und das Budgetdefizit klettert auf 12,3 Prozent – weil die Mehrausgaben für die Arbeitslosen zu Buche schlagen. Zudem brechen dem Staat Einnahmen aus der Umsatzsteuer weg, weil die Haushalte weniger konsumieren. Und: Weniger Arbeitnehmer heißt auch weniger Lohnsteuer für Vater Staat. Die bittere Folge: Die Gesamtverschuldung schnellt auf knapp 92 Prozent des BIP.

Uff! Damit haben die Eco-Manier nicht gerechnet. Verblüffung bis Verwunderung machen sich breit. Und Unmut. Wie kann es sein, dass die Interessen so auseinanderklaffen? Es geht heiß her im Lande, die Haushalte beschuldigen die Unternehmer und streiken. Für das Planspiel heißt das: Unternehmer und Haushalte tauschen die Rollen. Jetzt muss die jeweils andere Gruppe beweisen, dass sie es besser machen kann.

Neue Mitarbeiter

Der neue Unternehmensvorstand kündigt auch gleich an, auf die Nachfrage zu reagieren und stellt dafür neue Mitarbeiter ein. Die Haushalte zeigen sich konsumfreudig und fordern zusätzliches Angebot im Bildungsbereich. "Die Jugend ist die Zukunft" und soll gefördert werden. Die Regierung stellt wieder Beamte ein, denkt über eine Vermögenssteuer nach, will aber auch die Unternehmen fördern. Die Arbeiter bekommen drei Prozent mehr Lohn, Beamte, Arbeitslose und Pensionisten müssen eine Null-Lohnrunde hinnehmen.

Und plötzlich sieht es in Eco-Mania gar nicht mehr so trüb aus. Das BIP steigt ordentlich, die Arbeitslosigkeit fällt auf nahezu null Prozent. Das Budgetdefizit scheint im Griff zu sein. Aber es tut sich ein neues Thema auf. Weil die Unternehmen die Preise erhöht haben, ist die Inflation mit 4,4 Prozent plötzlich großes Thema im virtuellen Wirtschaftsreich. Jetzt vernetzen sich die Gruppen. Sie haben erkannt, dass das gegeneinander Arbeiten nicht viel bringt. Nun greift aber auch die EZB ein und senkt den Leitzins von fünf auf drei Prozent, um die zu Blühen beginnende Wirtschaft zu fördern. Die Arbeitnehmer dürfen sich über eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent freuen, für Beamte gibt es gar um sechs Prozent mehr. Die Unternehmen modernisieren, streichen aber Stellen. Dafür nimmt die Regierung Personal auf, senkt die Umsatzsteuer und kürzt die Unternehmensförderung. Es scheint, als hätte die Bevölkerung die Probleme des Landes langsam unter Kontrolle. Wäre da nicht die Erdölkrise in Saudiarabien, wodurch die Importkosten plötzlich um fünf Prozent steigen. Wie tun?

Großzügiger Kanzler

Die Unternehmer reagieren prompt und erhöhen die Preise. Die Haushalte sind zwar unsicher, wollen aber weiter kaufen. Die Regierung fördert Haushalte und Unternehmen. Alles soll auf Hochtouren laufen. Die Lohnsteuer wird gesenkt. "Geld soll nicht eure Sorge sein" , verkündet der Kanzler und legt eine Anleihe von fünf Millionen "Ecos" auf. 200 Beamte verlieren ihren Job, das Pensionsalter wird um drei Jahre erhöht. "Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen" , tönt der Kanzler.

Und plötzlich sind die Bürger von Eco-Mania happy. Das Wirtschaftswachstum zieht kräftig an, es wird ja auch auf Teufel komm raus produziert. Die Arbeitslosigkeit bleibt niedrig. Allein das Staatsdefizit explodiert. Aber das soll die nächste Regierung lösen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.3.2010)

Wissen: Spiel mit der Wirklichkeit

"Eco-Mania" ist ein volkswirtschaftliches Planspiel, bei dem drei Gruppen die Geschicke eines Landes lenken. Sie setzen sich so zusammen:

Regierung: Bundeskanzler, Pressesprecher, Finanz-, Sozial-, Wirtschafts- und Wohlfahrtsminister.
Unternehmen: Vorstand, Unternehmenssprecher, Finanz-, Personal-, Produktions- und Marketingvorstand.
Haushalte: Haushaltsvorstand, Haushaltsfinanzierer, Arbeitsvertreter, Arbeitslosenvertreter, Nichterwerbstätigen-Vertreter.

Pro Runde gibt es Zusatzaufgaben, so mischt sich etwa die Europäische Zentralbank durch die Festsetzung des Leitzins in das Geschehen ein oder Faktoren von Außen, etwa steigende Rohstoffpreise, müssen berücksichtigt werden. Ziel ist es, den Wohlstand zu erhöhen. (bpf)

Links

www.eco-mania.at

www.foeger-training.at

  • Lohnrunde im Klassenzimmer - eine harte Sache. Geht es doch darum, den Wohlstand der "Eco-Mania-Bewohner" zu erhöhen.
    foto: standard/corn

    Lohnrunde im Klassenzimmer - eine harte Sache. Geht es doch darum, den Wohlstand der "Eco-Mania-Bewohner" zu erhöhen.

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