Old-School-Duelle und andere Handgreiflichkeiten

5. März 2010, 19:14
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Vorbote der Wiener Festwochen: Luc Bondy inszeniert Arthur Schnitzlers "Liebelei" im Londoner Young Vic

Um sich ihres (Über-)Lebens zu versichern, werfen sich in Arthur Schnitzlers Liebelei die in Wien weilenden Soldaten den Mädchen in die Arme. Pech, wenn das eine von ihnen ernst nimmt: Christine. Sie gehört zu jenen tragischen Frauenfiguren Schnitzlers, die sich mit bedingungslosem Gefühl der Welt aussetzen und dann daran zugrunde gehen.

In aufrichtiger, aber blinder Zuneigung ist Christine dem Dragoner-Schönling Fritz verfallen. Während sie sich von ihm ein ganzes Leben erhofft, dient ihm die Liebe vor allem dazu, die Kriegserinnerungen zu vertreiben. Christine ist da nicht die einzige. Aus der Haltlosigkeit dieser Geschöpfe, aus der fatalen Diskrepanz zwischen den Erwartungen bezieht das Stück seine Kraft.

Am Londoner Young Vic Theatre weiß man so ein Drama gut zu verkaufen: Das Cover des bei Faber and Faber als Textbuch erschienenen Programmhefts ziert ein die verruchten Geister des Fin de siècle nachahmender schulterfreier Kuss. Und auf den rund um das Theater bei der Waterloo Station affichierten Plakaten (mit dem gleichen Sujet) erweist man dem österreichischen Dichter folgendermaßen die Ehre: "A sex-tragedy by the author of Eyes Wide Shut" . Stanley Kubricks gleichnamiger Film basiert auf Schnitzlers Traumnovelle. Wer also Schnitzler meint, sagt Kubrick, damit es klingelt. Hollywood-Namen sind eben Gold wert, und auch nicht weit entfernt: Schräg gegenüber am Old Vic ist Kevin Spacey künstlerischer Direktor.

Ehrwürdig, traditionell

Bei der Pressepremiere am Donnerstag entpuppte sich die vom schottischen Dramatiker David Harrower unter dem schönen Titel Sweet Nothings neu gefasste Liebelei dann als gar nicht so neues, vielmehr ehrwürdig neu ins Englische übertragenes Kammerspiel. Und Regisseur Luc Bondy, der das Stück im Mai zu den Wiener Festwochen mitbringen wird, hat seinerseits auch nichts darauf verwendet, das Stück aus seiner Zeitverhaftetheit herauszulösen.

Auf einer sich stetig sehr langsam drehenden Rundbühne regiert also zeitlos Gültiges: Karl-Ernst Herrmann hat auf ihr ein in Rot getränktes, absturzgefährdetes Junggesellenzimmer errichtet, in dem sich die zwei Pärchen treffen: ein schwarzer Flügel, eine Freud-Couch, ein Fenster, das zum Spähen einlädt. In dem kleinen Teil liegt die Katastrophe bereits angekündigt. Hoch nervöse junge Menschen, die zu viel rauchen. Rosen werden nicht in eine Vase gestellt, sondern aus Übermut und unerfüllter Lebensgier zerpflückt, in die Luft geworfen.

Luc Bondy entwickelt ein dynamisches Spiel, dessen psychische Gewalt sich vorerst körperlich manifestiert: Gesten der Zuneigung werden unverhofft zu Handgreiflichkeiten. Die kleine Party führt dabei immer gefährlich nah an die Bühnenkante heran: Tom Hughes als vergeistigter Dragoner Fritz hält dort der Liebe Christines (Kate Burdette) nicht stand. Jack Laskey gibt dessen aufgekratzten Freund Theo, der seinerseits in Mizi (Natalie Dormer) eine aufgeweckte Genossin gefunden hat. Bis schließlich ein Gentleman (Andrew Wincott) die Wohnung betritt und Fritz zum Duell fordert. Fritz' Liaison mit dessen Gattin war aufgeflogen.

David Harrower hat in seiner um einige wenige Wendungen aufgefrischten Fassung das Motiv des klassischen Duells samt Schuss aus dem Off beibehalten und damit eine historische Perspektive vorgegeben. Luc Bondy hält sich daran, als müsste er sich vom Schock, den das Wort "Regietheater" im Vorjahr ausgelöst hat, immer noch erholen. Es bleibt also alles beim Alten; kein neuer Schnitzler aus London. Setting und die Kostüme von Moidele Bickel unterstützen das: hoch sitzende Hosenbünde, tief taillierte Kleider, spanische Wände.

Den Wiener Festwochen steht damit noch vor der offiziellen Eröffnung ein Old-School-Kammerspiel ins Haus, das auf seine Art zwar Spannung erzeugen und halten kann, das mit "Neufassung" aber einfach falsch etikettiert ist. (Margarete Affenzeller aus London, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.03.2010)

10. bis 15. Mai, Wiener Festwochen, Halle G

  • Fatale Küsse: Fritzi (Tom Hughes) und Christine (Kate Burdette) in Arthur Schnitzlers "Liebelei"  im Young Vic.
    foto: ruth waltz / young vic

    Fatale Küsse: Fritzi (Tom Hughes) und Christine (Kate Burdette) in Arthur Schnitzlers "Liebelei" im Young Vic.

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