Keine Volkswirtschaft möchte in den Schuhen des gefallenen Engels Japan stecken
Keine Volkswirtschaft möchte in den Schuhen des gefallenen Engels Japan stecken, das über dreißig Jahre zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaftsnationen der Welt zählte und sich seit 18 Jahren nur noch dahinschleppt. Niemand möchte mit dem Trauma der Deflation (fallende Preise) leben, das Japan wiederholt erfahren hat. Niemand möchte eine marktbeherrschende Position an der Weltspitze dagegen eintauschen, als Paradebeispiel für wirtschaftliche Stagnation zu dienen.
Und dennoch stößt man heutzutage überall auf Wohlstand, wenn man Tokio besucht. Die Restaurants sind voller Gäste, die besser angezogen sind, als man es aus New York oder Paris kennt. Immerhin beträgt das Pro-Kopf-Einkommen in Japan mehr als 40.000 Dollar. Japan ist immer noch die drittgrößte Wirtschaftsnation hinter den USA und China. Die Arbeitslosenquote ist während seines "verlorenen Jahrzehnts" weitgehend niedrig geblieben und liegt trotz eines Anstiegs in letzter Zeit nach wie vor bei nur fünf Prozent.
Was ist da los? Zunächst einmal wirken die Dinge wesentlich trostloser, wenn man sich an Orte wie Hokkaido begibt, die zwei Stunden außerhalb von Tokio liegen. Diese ärmeren Randregionen sind in hohem Maße von staatlichen Beschäftigungsprojekten abhängig. Es gibt tatsächlich wunderschön asphaltierte Straßen, wohin man auch blickt, aber sie führen nirgendwohin. Die Alten haben sich in Dörfer zurückgezogen, wo viele ihre Nahrungsmittel selbst anbauen, und wurden schon längst von ihren Kindern zurückgelassen, die in die Städte gezogen sind.
Vor zwanzig Jahren konnten japanische Arbeiter mit umfangreichen Boni zum Jahresende rechnen, die sich gewöhnlich auf ein Drittel oder mehr ihres Loh-nes beliefen. Heute sind diese Boni auf nichts zusammengeschrumpft. Es stimmt, dass sich die Kaufkraft des verbleibenden Einkommens der Arbeiter dank sinkender Preise gehalten hat, sie ist aber dennoch um mehr als zehn Prozent geringer als vorher. Die Arbeitsplatzunsicherheit ist höher als je zuvor, da Firmen zunehmend befristete Verträge anbieten statt ehemals "Anstellungen auf Lebenszeit" .
Obwohl man kaum von Krise sprechen kann, wird die Situation der japanischen Staatsfinanzen immer besorgniserregender. Bemerkenswerterweise werden um die 95 Prozent der Staatsschulden von japanischen Sparern finanziert. Die alternde und schrumpfende Bevölkerung lässt mehr Menschen in Ruhestand gehen, und diese werden anfangen, die Staatsanleihen zu verkaufen, auf die sie sich heute begierig stürzen. Irgendwann, wenn der Markt deutlich höhere Zinsen verlangt, wird Japan seiner eigenen griechischen Tragödie ins Auge blicken.
Die Regierung wird gezwungen sein, ihre Einnahmen deutlich zu erhöhen - vor allem die Mehrwertsteuer, die lediglich fünf Prozent beträgt und damit weit unter europäischem Niveau liegt. Japans Fähigkeit, seinen mühseligen Weg trotz enormer Widrigkeiten weiterzugehen, ist bewundernswert, doch die Risiken einer bevorstehenden Krise sind größer, als es die Anleihenmärkte erkennen. (©Project Syndicate, 2010. Aus dem Englischen von Sandra Pontow; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.3.2010)
Zur Person
Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der
Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des Internationalen
Währungsfonds.