"Wir sind nicht bereit, uns tyrannisieren zu lassen"

5. März 2010, 18:56
posten

Eirikur Svavarsson ist der Initiator jener Unterschriftenkampagne, die zum Referendum in Island geführt hat

Eirikur Svavarsson ist der Initiator jener Unterschriftenkampagne, die zum Referendum in Island geführt hat. Warum er sich für sein Heimatland schämt und sich über Briten und Holländer ärgert, sagte er András Szigetvari.

***

STANDARD: Sie sind der Gründer von "Indefence" : Ihre Organisation hat die Volksabstimmung in Island erzwungen, in deren Folge die Regierung in Rejkjavík stürzen könnte...

Svavarsson: ... und dabei sind wir bei Indefence nur zehn Leute.

STANDARD: Warum sind Sie politisch aktiv geworden?

Svavarsson: Wir haben im Oktober 2008 begonnen, als das isländische Finanzsystem zusammenbrach. Damals hat Großbritannien die Anti-Terror-Gesetzgebung benutzt, um isländische Konten einzufrieren und damit einen Geldabfluss zu verhindern. Wir haben das als sehr unfair empfunden. Also sind wir zusammengekommen und haben eine Kampagne gestartet.

STANDARD: Sie kämpfen gegen die Entschädigung britischer und niederländischer Anleger, die Konten bei der isländischen Bank Icesave hatten. Ist es nicht fair, wenn Island für seine Banken bezahlt?

Svavarsson: Man verlangt von den Steuerzahlern, eine Bürde zu übernehmen, die die Hälfte unseres Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Noch dazu sollen wir für die Schulden einer privaten Bank bezahlen. Dabei müssen wir erst einmal den totalen Markteinbruch verkraften: 85 Prozent unseres Bankensystems sind zusammengebrochen, die Aktienmärkte sind um 90 Prozent eingestürzt.

STANDARD: Soll Island nichts zahlen?

Svavarsson: Um das geht es nicht. Island ist bereit, seine Obligationen zu erfüllen. Aber wir sind nicht bereit, uns tyrannisieren zu lassen, verzeihen Sie diesen Ausdruck. Aber Großbritannien und Holland haben uns versprochen, eine Entschädigungsvereinbarung abzuschließen, die auf die Bedürfnisse der isländischen Wirtschaft Rücksicht nimmt. Die derzeitige Vereinbarung tut das nicht.

STANDARD: Was genau stört Sie?

Svavarsson: Die Entschädigung soll über einen Kredit ablaufen: Briten und Holländer borgen uns das Geld, das wir ihnen geben. Das Problem ist, dass wir dafür horrende Zinsen an London und Den Haag zahlen sollen (5,65 Prozent, Anm.). Der Zinssatz ist höher als das, was Briten und Holländer berappen müssen, um selbst an das Geld zu kommen. Das ist vollkommen ungerecht: Wieso kommt jemand auf die Idee, mit dieser Entschädigung Geld zu verdienen.

STANDARD: Also müssen nur die Zinsen gesenkt werden?

Svavarsson: Nein. Es geht um eine faire Lastenverteilung. Es ist richtig, dass die pleitegegangene Icesave-Bank isländisch war und wir für die Aufsicht verantwortlich waren. Aber Icesave war eineinhalb Jahre in England und ein halbes Jahr in Holland tätig, die dortigen Aufsichtsbehörden haben genauso versagt.

STANDARD: Aber Island hat von den Aktivitäten seiner Banken ja auch profitiert?

Svavarsson: Das Geld, das bei Icesave angelegt wurde, ist nicht nur nach Island geflossen: Die Mittel wurden auch als Kredite in Großbritannien vergeben, und die Steuern auf Sparbuchzinsen erhielten Briten und Holländer.

STANDARD: Hat Island keine Fehler gemacht?

Svavarsson: Doch. Wir schämen uns dafür, dass wir den isländischen Banken erlaubt haben, zehnmal größer als die Wirtschaft unseres Landes zu werden. Die Lektionen daraus lernen wir gerade: Unsere Löhne sind gesunken, die Inflation ist gestiegen. Es gibt mehr Arbeitslose, höhere Steuern.

STANDARD: Ist Island noch ein netter Ort zum Leben?

Svavarsson: Ja, wir sind eine gute Gesellschaft. Wir machen nur gerade eine schlechte Zeit durch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.3.2010)

Zur Person

Der Rechtsanwalt Eirikur Svavarsson betreibt eine eigene Kanzlei in Reykjavík. Seine Online-Kampagne gegen den Icesave-Deal hat ein Viertel der isländischen Wähler unterzeichnet.

  • Eirikur Svavarsson: "Man verlangt von den Steuerzahlern, eine Bürde zu übernehmen, die die Hälfte unseres Bruttoinlandsproduktes ausmacht."

    Eirikur Svavarsson: "Man verlangt von den Steuerzahlern, eine Bürde zu übernehmen, die die Hälfte unseres Bruttoinlandsproduktes ausmacht."

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.