Seit Jahrzehnten ist es offizielle Politik der Türkei, den Genozid zu leugnen, weil man fürchtet, dass die Republik sonst selbst "angepatzt" würde - von Adelheid Wölfl
Die Gesten der Empörung waren zwar groß, die Entrüstung wirkte aber etwas einstudiert, als die Türkei den Botschafter aus den USA zurückbeorderte. Der außenpolitische Ausschuss des US-Kongresses hatte dafür gestimmt, den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich zu verurteilen.
Seit Jahrzehnten ist es offizielle Politik der Türkei, den Genozid zu leugnen, weil man fürchtet, dass die Republik sonst selbst "angepatzt" würde. Langfristig widerspricht diese Haltung - abgesehen davon, dass sie zynisch gegenüber den Nachkommen der Opfer ist - der Politik der demokratischen Öffnung unter Premier Tayyip Erdogan. Doch solange es keine Bewegung in dem Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Nagorny-Karabach gibt, wird die Türkei sich in der Armenien-Frage nicht bewegen. Das hat Erdogan den Azeris versprochen.
Der Annäherungsprozess zwischen der Türkei und Armenien ist deshalb zum Stillstand gekommen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass der US-Kongress in der Situation die Armenien-Resolution annimmt und US-Präsident Barack Obama den Begriff "Genozid" ausspricht. Die Reaktion Ankaras dürfte dann schärfer ausfallen.
Weniger wahrscheinlich ist, dass die Türkei sich wegen der Resolution ihrer dunklen Geschichte stellt. Die amerikanisch-türkischen Beziehungen sind aber auch nicht gefährdet. Ankara wollte bisher keine Konfrontation wegen der Genozid-Debatte. Nur das Getöse war immer laut. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2010)