Mythos und Gegenmythos

5. März 2010, 17:56
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Vor hundert Jahren, am 10. März 1910, starb Wiens Bürgermeister Karl Lueger - Anmerkungen zu einer widersprüchlichen politischen Figur

Karl Lueger war der Victor Adler des katholisch-konservativen Lagers: die Integrationsfigur, die aus Motiven und Befindlichkeiten eine Bewegung, eine Partei machte; die aus einer Summe vager, oft diffuser Haltungen ein relativ geschlossenes Milieu formte. Lueger begründete das städtisch-bürgerliche Element, das mit dem - noch zu Luegers Zeiten hinzutretenden bäuerlichen Element - das formte, was heute die ÖVP ausmacht, und wofür in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert Ignaz Seipel und Engelbert Dollfuß standen: die wesentliche politische Kraft rechts der Mitte.

Lueger war, als Bürgermeister von Wien, bereits zum Mythos geworden. Das Wien des Fin de Siècle wurde mit Johann Strauß assoziiert - und mit Lueger. Aber Lueger "gehörte" , anders als der Walzerkönig, nicht allen gleichermaßen: Lueger spaltete. Die sozialistische Arbeiterbewegung konnte sich ebenso wenig mit ihm identifizieren wie die Deutschnationalen des Georg Schönerer, die - zu Recht - im "schönen Karl" einen sahen, der Österreich nicht zerstören, der es vielmehr retten wollte. Und in den Salons, in denen Gustav Klimt bewundert und über Gustav Mahler heftig diskutiert wurde, in diesem großbürgerlich-aristokratisch, aber auch jüdisch- assimilierten Milieu, das Arthur Schnitzler so meisterhaft beschrieb und analysierte - in diesen Salons war der Lueger-Mythos nicht zuhause: Für die Schnitzler-Figuren war Lueger zu populistisch, zu vulgär. Er war eben der Repräsentant des kleinen, freilich nicht proletarischen Mannes, dem man das Etikett "Kleinbürger" verlieh und der Gewerbetreibender, Beamter, Handelsgehilfe oder Kaplan sein konnte: dieser "kleine Mann" konnte sich mit dem "schönen Karl" identifizieren.

Lueger war mitverantwortlich dafür, dass sich rechts der Mitte nicht österreichische Tories etablierten, die das Ancien Régime repräsentierten; dass rechts der Mitte eine Massenbewegung sich politisch zu artikulieren verstand, deren organisatorisches Rückgrat die katholische Kirche war: Die Christlichsozialen Luegers galten als "Kaplanspartei" - und der Pfarrhof war ihr Parteilokal. Aber der, der die Interessen und Bedürfnisse der katholischen Massen zu artikulieren verstand, war eben Lueger; einer, der sich einmal - wie Adler, wie Schönerer - als Liberaler verstanden hatte; einer, der weder die Interessen des Hofes noch die des Großbürgertums zu vertreten schien; einer, der die realen und konstruierten Feinde des (klein)bürgerlichen Mannes herausforderte: Judentum und Marxismus; die magyarische Gentry, die auf ungarische Sonderrechte pochte; und die Alldeutschen, die lieber heute als morgen den Anschluss Österreichs an das wilhelminische Reich gesehen hätten.

Lueger war Populist. Er redete den Leuten (besser: seinen Leuten) nach dem Mund. Er bediente Vorurteile, und er erfand nötigenfalls Gegner, falls diese nicht in ausreichender Zahl vorzufinden waren. Dieser Populismus ist die Grundlage der Mythenbildung, die ihn bis heute definiert: der Mythos des demokratischen Reformers, der sich mit den Kräften der Welt von gestern anlegte - mit Hofschranzen und Feudalherren; der aber auch eine bedrohliche Welt von morgen konfrontierte: das internationale Finanzkapital und die ebenfalls sich international verstehende Arbeiterbewegung.

Lueger, dessen Christlichsoziale Partei bei den Reichsratswahlen 1907 vom allgemeinen und gleichen Männerwahlrecht profitiert hatte - und der damit auch als Bannerträger der Demokratisierung gelten konnte -, wurde zum radikalen Demokraten stilisiert. Übersehen wurde und wird dabei, dass Lueger kein Interesse daran hatte, dieses 1907 für den Reichsrat eingeführte Wahlrecht auch für die Stadt Wien durchzusetzen. Denn das hätte das Ende der christlichsozialen Hegemonie bedeutet - in Wien hätte dann schon vor 1914 die Sozialdemokratie regiert. Der Demokrat Lueger hatte seine Grenzen, die das parteipolitische Kalkül bestimmte.

Den zweiten Mythos schuf Adolf Hitler. Er erklärte Lueger in "Mein Kampf" zum Lehrmeister seiner - Hitlers - Wiener Jahre. Neben Schönerer, dem Theoretiker, verdanke er, Hitler, vor allem Lueger, dem Beweger der Massen, die entscheidenden Impulse. Dass der "rassenbiologische" Antisemitismus Schönerers und der pragmatisch-populistische Antisemitismus Luegers dem irrlichternden Oberösterreicher natürlich recht kamen, versteht sich. Dennoch ist Vorsicht angebracht: Es hieße Hitler die Definitionsmacht über Lueger einräumen, beschränkte man sich - bei der Analyse des Antisemiten Lueger - auf die Passagen in "Mein Kampf" .

Beide Mythen - Lueger, der konsequente Demokrat; Lueger, der Pionier des politischen Antisemitismus - sind nicht völlig falsch: Lueger war den Kräften der spätfeudalen Beharrung ein Ärgernis. Seine Volkstümlichkeit konnte dem Regime, das sich nur als Resultat außenpolitischer Niederlagen (1859, 1866) konstitutionell bändigen ließ, nicht geheuer sein. Lueger führte Teile der Gesellschaft an die Politik heran, Menschen, die traditionell als Untertanen eingestuft waren. Er half mit, aus Objekten der Politik Subjekte zu machen. Aber die Grenze seines Demokratieverständnisses war - neben der um 1900 generell vorherrschenden Unsensibilität für die "Frauenfrage" - der Mangel an Grundrechtsverständnis. Er bediente ethnische Vorurteile - etwa gegen die Binnenmigranten, die aus Böhmen und Mähren nach Wien zogen; und vor allem gegen "die Juden" .

Kein Internationalist

Lueger war Antisemit in dem Sinn, in dem - mit wenigen Ausnahmen - die Aristokraten und Bürger und Bauern und Arbeiter seiner Zeit Antisemiten waren. Der Sozialdemokratie verbot die Theorie das offene Ausspielen der auch in der sozialistisch organisierten Arbeiterschaft vorhandenen antijüdischen Vorurteile. Und bei den Deutschnationalen hatte schon das "Blut" , die "Rasse" das Definitionsmerkmal Religion ersetzt, wenn es gegen "die Juden" ging. Lueger verstellte kein aufgeklärter Internationalismus den antijüdischen Reflex. Aber Lueger vertrat nie das, was später - ansatzweise - Leopold Kunschak vertreten sollte; und was Hitler, der Vorzugsschüler Schönerers, bis zur letzten Konsequenz umzusetzen versuchte: Juden als Gruppe zu konstruieren, um sie dann rechtlos zu machen.

Wie Lueger seine Partei organisierte, liest sich wie ein Vorgriff auf die Strukturen der ÖVP heute: Da waren spezifische Handwerkergruppen bei der Aufstellung der Kandidatenlisten zu berücksichtigen, Kunschaks Arbeiterflügel durfte nicht zu sehr verärgert werden. Lueger konnte die Wiener Christlichsozialen nicht einfach von oben lenken. John W. Boyer gibt in seinem Buch Karl Lueger (1844- 1910) eine Reihe von Befunden, wie sehr der als "charismatisch" eingestufte Lueger ständig bemüht sein musste, die Balance zwischen den innerparteilichen Fraktionen zu wahren. Die Geschichte rund um die Kandidatur des Zunftvorstehers der Wiener Tischler, Johann Jedlicka, spricht für sich: Jedlicka, ein "Luegerloyalist" , wurde innerparteilich angefeindet. Bei der Kandidatennominierung für die Gemeinderatswahl 1895 scheiterte er daran, dass seine tschechische Herkunft gegen ihn angeführt wurde - auch, dass er "mit prominenten jüdischen Gastwirten" freundschaftlich verkehrte. Lueger akzeptierte schließlich (nach Boyer: musste akzeptieren - S. 118), dass Jedlicka von der Kandidatenliste gestrichen wurde. Es war riskant, die organisierten Tischler zu verärgern; aber es musste den antisemitischen und ethnischen Vorurteilen entgegengekommen werden. Der Demokrat, der Populist Lueger war auch ein Getriebener der Logik einer Sammelpartei, die höchst unterschiedliche Interessen zu bündeln, aber auch irrationalen Stimmungen zu entsprechen hatte.

Luegers Christlichsoziale waren eine Stadtpartei, die sich erst mühsam mit den Konservativen außerhalb Wiens zu einigen hatte, um bei den Reichsratswahlen 1907 die bäuerlichen Stimmen nutzen zu können. Luegers Partei war die Allianz dessen, was dann 1945 der Arbeiter- und Angestelltenbund und der Wirtschaftsbund der ÖVP werden sollte. Das ländliche, das bäuerliche Element, das für eine gesamtösterreichische Präsenz entscheidend war, musste erst in quasi-diplomatischen Vereinbarungen gewonnen werden. Luegers politische Biografie liest sich daher auch wie die Generalprobe für das Werden einer bündischen Partei.

Muss sich die ÖVP heute für Lueger entschuldigen? Lueger war nicht "der" Antisemit. Aber er bediente vorhandene Vorurteile. Und er tat dies in Übereinstimmung mit der herrschenden Stimmung in den christlichen Kirchen, in der Gesellschaft überhaupt. Für Lueger muss man sich nicht entschuldigen. Aber man muss hinter die Mythen blicken - um zu begreifen, warum Lueger den Judenhass nicht zu ignorieren versuchte - wie Victor Adler; warum er ihn aber auch nicht anheizte - wie Georg Schönerer. Es geht, 100 Jahre nach Luegers Tod, nicht um die Moralisierung dieser Figur. Es geht um das Verstehen. (Anton Pelinka/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 3. 2010)


Ein Auszug aus John Boyers Lueger-Biografie erschien im ALBUM vom 8. 1. 2010: "Manichäer und Machtmensch"

  • Der "Beweger der Massen"  in majestätischer Sitzposition: Karl Lueger, neben ihm sein Diener Pumera.
    foto: önb picturedesk

    Der "Beweger der Massen" in majestätischer Sitzposition: Karl Lueger, neben ihm sein Diener Pumera.

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