Im Grenzland

5. März 2010, 18:32
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"Wenn du wiederkommst" schildert den Einbruch des Todes in das Leben und den Verlust aller Vertrautheit

Grenzen, von Menschen gezogen, reizten in ihrer Erstarrung schon immer den Widerspruch der Autorin Anna Mitgutsch. Ihre Protagonisten zog es hinaus, in die ungeschützte Weite jenseits des abgesteckten Territoriums sogenannter Normalität. Den Schmerz der Ausgrenzung, wie einer ihrer Romane heißt, haben sie fast alle erfahren. Auch die Erzählerin von Wenn du wiederkommst, ihrem jüngsten Roman.

Die Ehe, die sie seit 35 Jahren mit Jérôme verband, galt dem einfachen Blick längst als gescheitert. Seit 15 Jahren war das Paar geschieden, monatelang kehrte die Ich-Erzählerin jedes Jahr zurück nach Europa. Jérôme, der Anwalt aus jüdischer Familie und die gemeinsame Tochter Ilana lebten ohne sie und mit wechselnden Geliebten im Haus in Dedham, einem schäbigen Vorort Bostons. Doch was das Gesetz säuberlich trennte, hielt das Leben selbst, mit seinem tiefen Sinn für ungerade Linien. Jerôme und die Erzählerin lebten weiterhin wochen-, monateweise gemeinsam in dem Haus am Charles River, allen Verletzungen und wechselseitigen Untreuen zum Trotz geeint in tiefer, wortloser Verbundenheit.

"Wir waren in einem Abschnitt unseres Lebens, in dem die Jugend vorbei ist und das Alter noch nicht bedrohlich erscheint" , setzt die Erzählung ein, mit einem sanften Abschied und gemeinsamen Plänen - unmittelbar vor dem neuerlichen Abflug der Protagonistin nach Europa. Wenige Tage darauf erfährt sie durch einen Anruf ihrer Tochter vom Tod Jerômes. Ein Herzinfarkt.

Anatomie der Trauer

Wenn du wiederkommst folgt in seiner Gliederung den offiziellen Abschnitten des jüdischen Trauerjahres - der Schiwa-Woche, dem ersten Monat - und nähert sich darunter vorsichtig dem Erleben eines Zustands wort- und verständnisfremder Vereinsamung, in den der Tod die Zurückgebliebenen bannt. Einen Zustand, den der Körper weit schneller zu begreifen weiß als das Bewusstsein. Ein "Ein-Personen-Stück" , "Die Anatomie der Trauer" , nennt die Erzählerin zu einem späteren Zeitpunkt die irritierende Isolation eines fortgesetzten Dialogs, der ohne Antwort bleibt.

Mit der Anna Mitgutsch eigenen schmerzhaften Genauigkeit nimmt die Erzählerin in ihrer Betäubung die geschäftige Kühle wahr, mit der die Umgebung sich die Vergangenheit des Toten anzueignen - oder sich ihrer zu entledigen sucht. Im Haus in Dedham empfangen sie nach der Rückkehr Schwägerin Emily und Jerômes Bruder Harold. Ein Großteil der Papiere aus Regalen und Schubladen steht bereits in schwarzen großen Müllsäcken vor der Tür - darunter auch der gesamte Briefwechsel des Paares. Für den Nachlass unwesentlich, lautet, nicht frei von Bosheit, das Urteil des Schwagers.

Als Witwe gilt die längst geschiedene Frau weder ihm noch den Freunden Jerômes. Kaum einer der Gäste, die eine Woche lang nach jüdischer Tradition das Haus füllen, bezieht sie in seine Beileidsbezeugungen mit ein.

Eine neue Ausgrenzung, die eine weitere Gewissheit erschüttert, die auch sie selbst an der Liebe des Toten zweifeln lässt. Einmal mehr tut sich der Abgrund auf, der den Menschen von seinem Nächsten, selbst dem Geliebten trennt. "Wie hat er mich gesehen, und welches Bild hat er in den Monaten und Jahren meiner Abwesenheiten von mir entworfen, für sich und für die Freunde? Und was ist die Wahrheit? ... Habe ich so lange an meinen eigenen erfundenen Geschichten einer großen Liebe festgehalten, bis ich sie glaubte?" Die Antwort bleibt Schweigen.

Vielleicht gibt sie der Roman. In sorgfältig komponierter Verschränkung setzt Anna Mitgutsch Erinnerungen einer vierzigjährigen Vertrautheit gegen die Erschütterungen und bedrängenden Fragen der Zurückgelassenen. Erinnerungen, in denen es die unauffälligen Momente sind, in welchen das Glück seine stillen Höhepunkte fand. Etwa in den ungezählten Stunden im Auto auf einem Parkplatz im Nirgendwo, die die Eltern auf die Tochter warteten, ins Gespräch vertieft oder gemeinsam schweigend.

Wer ist Gott?

Die mühsame Suche des Verstehens und die Weigerung des Bewusstseins, den Tod anzuerkennen, schildert Anna Mitgutsch durch die verschiedenen Fantasien der zwei wunderbaren Protagonistinnen: in nächtlichen Begegnungen der Erzählerin und ihrer 31-jährigen Tochter Ilana vor den Bildern des Toten, in den Botschaften, die sie ihm, auf Zettel geschrieben, in der Erde des Grabes zustecken. Die Erzählerin, die Zweifelnde - selbst bei ihrem Übertritt zum Judentum erhielt sie einen Namen, der eine Frage war: Michal, was bedeutet: "Wer ist Gott?" - und Ilana, die warm Geliebte, fürsorglich Behütete, die einzige Tochter.

"Ich liebe alle, die es wagen, tief zu tauchen", hatte Anna Mitgutsch in ihrem letzten Roman Zwei Leben und ein Tag Herman Melville zitiert. Sie seien "wie die Wale der Weltmeere". Den Grund, so Melville, erreiche keiner - Anna Mitgutsch aber kommt diesem sprachlosen Grund wieder sehr, sehr nah. (Cornelia Niedermeier, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.03.2010)

Anna Mitgutsch, "Wenn du wiederkommst" . Roman. € 20,60 / 272 Seiten. Luchterhand, München 2010

Hinweis:
Am Dienstag, den 9. 3. um 19.30 Uhr präsentiert Anna Mitgutsch den besprochenen Band im Linzer Stifter-Haus, am 10. März um 19 Uhr in der Alten Schmiede in Wien und am 15. März um 20 Uhr im Grazer Literaturhaus.

  • Die Antwort bleibt in ihrem neuen Roman Schweigen: Anna Mitgutsch.
    foto: peter von felbert

    Die Antwort bleibt in ihrem neuen Roman Schweigen: Anna Mitgutsch.

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