Dimitré Dinev

Das Rasiermesser

05. März 2010 18:33
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    Foto: h. corn

    Zur Person:
    Dimitré Dinev, geb. 1968 in Bulgarien, ist österr. Schriftsteller. Kürzlich erschien Barmherzigkeit (Residenz, 2010), wo auch dieser Text über seinen Großvater abgedruckt ist.

Nein, mein Großvater war kein Held. Wie könnte er es auch sein, wenn das Allergrößte, das Allerhöchste, was man von ihm erwarten konnte, ein Witz war oder ein Scherz

Als Allererstes taucht natürlich sein Geruch auf. Kein Wunder, denn er war ein wirklich begnadeter Trinker. In seinen besten Jahren, und die erstreckten sich immerhin über mehrere Jahrzehnte, trank er vier bis fünf Liter Wein pro Tag, was ihn aber nicht daran hinderte, seinen Arbeiten und Pflichten nachzugehen und ein Alter von 90 Jahren zu erreichen. Wir wohnten jahrelang im selben Haus, und allein an seinem Geruch merkte ich, ob er zu Hause war oder nicht. Der Geruch an sich störte mich in meiner Kindheit nicht besonders, doch seine Küsse versuchte ich zu vermeiden. Ob es einen bestimmten Grund gab, warum er so viel trank, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Sicher ist nur, dass der Wein ihm sehr gut schmeckte.

Sicher ist auch, dass die Kommunisten ihm alles genommen hatten. Das war zwar in jenen Zeiten vielen passiert, er aber hasste sie bis zum Ende seines Lebens. Sein Hass war so tief, dass er nicht davor zurückschreckte, ihn öffentlich zu zeigen. Er war der einzige Mensch, den ich jemals auf offener Straße und in voller Lautstärke über die Kommunisten schimpfen erlebt habe. Natürlich nur nachdem er wenigstens die Hälfte seiner Tagesration getrunken hatte. Warum ein System, das für viel kleinere Vergehen Menschen inhaftierte, in Lager schickte oder für immer verkrüppeln, verstummen oder verschwinden ließ, das duldete, wird ein Teil jener unbegreiflichen Paradoxien bleiben, die solche Systeme begleiten.

Ich erinnere mich, wie er einmal in ganz schlechter Laune nach Hause kam und uns allen voller Empörung erzählte, dass der Lektor der medizinischen Akademie ihn gerne zur Aufnahme in die Partei vorschlagen würde. "In einer Partei von Dieben, Betrügern, Schurken und Verbrechern will ich niemals Mitglied sein" , habe er ihm geantwortet. Dies hat er uns berichtet und sich sogleich auf den Weg zum Keller gemacht, um die notwendige Extradosis Wein von dem Fass zu zapfen, die für solch unerwartete Fälle vorbestimmt war. Erstaunlicherweise habe ich in ihm nie einen Helden gesehen, vielleicht weil ich eine viel zu konkrete, naive und von der damaligen Ideologie sehr beeinflusste Vorstellung von Heldentum hatte. Vielleicht aber auch, weil er ein viel zu großer Witzbold und wegen seiner Späße und Spottlieder von allen im Viertel sehr geschätzt war. Wollte man lachen, dann brauchte man nur an seinem Hof vorbeizugehen. War man bedrückt, dann brauchte man ihm nur eine Gitarre zu reichen, und bald waren alle Sorgen vergessen. Die Leute lachten, wenn sie ihn trafen, und das tut man eben nicht, wenn man einen Helden trifft. Er besaß die seltene Fähigkeit, nach der Begegnung mit einem wildfremden Menschen nicht länger als eine Minute zu brauchen, um ihn mit einem passenden Spitznamen zu versehen. Die meisten dieser Spitznamen begleiteten dann die Menschen ein Leben lang, in einigen Fällen waren sie sogar auf ihre Grabsteine gewandert. Würde man alle Menschen, die er in seinem Leben umgetauft hat, aufzählen, würde er sicher den eifrigsten Missionar in den Schatten stellen. Er liebte es, die Welt um sich neu zu benennen, als ob er sie nur für Leute zugänglich machen wollte, die lachen konnten.

Mein Großvater war ein schlanker Mann mittlerer Größe, hatte eine lange Nase, auf die er sehr stolz war, und eine Glatze, die er voller Würde und mit der Behauptung, dass ein kluges Köpfchen keine Haare verträgt, trug. Meistens war er elegant gekleidet. Die Anzüge, die er trug, waren alle in den Dreißiger- und Vierzigerjahren geschneidert worden, hatten aber dann sowohl den realen und den reifen Sozialismus als auch den Zusammenbruch des kommunistischen Systems überlebt, als ob auf der Suche nach Ewigkeit ein Teil der neugierigen Seele des Schneiders sich in den Stoff, die Nähte, die Knöpfe verwoben hätte und nun, sich der Torheit ihrer Wahl bewusst, versuchte, mit aller Kraft, wenn nicht bis zum Jüngsten Gericht, dann so lang wie möglich alles zusammenzuhalten. Und das schaffte sie gut, weil einen Anzug habe sogar ich als Teenager getragen.

Die Studenten liebten ihn

Mit ihm wurde auch mein Großvater im Jahr 2002 begraben, und sollte er einmal auferstehen, würde er sicher diesen Anzug tragen. Ganz stolz war mein Großvater auch auf sein deutsches Fahrrad Marke "Diamant" , das auch 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch funktionierte und ihn nach seinen Fahrten durch die steingepflasterten, verzweigten Gassen der Stadt und durch die unergründlichen Wege der Geschichte heil nach Hause brachte. In jener Zeit arbeitete er als Hausmeister in der medizinischen Akademie. Die Studenten liebten ihn, nicht nur weil sie jederzeit auf ein Glas in sein Zimmer kommen durften, sondern weil er ihnen sehr oft die Schummelzettel bei Prüfungen überbrachte. Vielen Generationen junger Menschen hat er auf diese Weise dazu verholfen, Ärzte zu werden, und ihre Dankbarkeit war so groß, dass, falls jemand aus unserer Familie krank wurde, wir nur mit unserem Großvater in das beste Krankenhaus der Stadt zu gehen brauchten - sofort wurde er von einem der vorbeigehenden Ärzte erkannt, und wir bekamen die beste Behandlung.

Das Vertrauen meiner Eltern in die Trinkfestigkeit meines Großvaters muss sehr groß gewesen sein, denn er war derjenige, der mich vom Kindergarten abholte und auf seinem Fahrrad nach Hause brachte. Das fand immer zu Mittag statt, da zirkulierten gewöhnlich nur zwei Liter Wein in seiner Blutbahn. Er war immer pünktlich. Immer im Anzug, immer einen Hut auf dem Kopf, lehnte er am Rahmen seines Fahrrads und versprühte den Geruch von Wein und Kölnischwasser. Knapp über den Schuhen ragten Wäscheklammern heraus, die, wie es mir damals immer schien, die Hosenbeine seines Anzugs zu erwürgen versuchten. Wenn er mich sah, betätigte er die Glocke. Ich ging zu ihm, stieg auf den Gepäcksträger, und wir fuhren los. Während ich voll darauf konzentriert war, dass meine Füße nicht zwischen die Speichen und meine Hände nicht in die Federspangen seines Sitzes gerieten, pfiff er eine Melodie oder er sang. Ich sah mal auf seinen Rücken, mal auf die unter uns vorbeizischenden Pflastersteine, hörte das Hupen der Autos, das Brummen der Lastwagen, und so fuhren wir nach Hause. Zwischen ihm und der Erde ein Fahrrad, zwischen ihm und dem Himmel ein Hut, auf seinen Lippen ein Lied, auf seinen Hosenbeinen Wäscheklammern, das ist das erste Bild, das von meinem Großvater auftaucht, wenn ich an jene Zeit denke.

Den Wein, den mein Großvater verschlang, machte er zum Teil selbst. Er kelterte ihn aus den Reben, die er im Hof hatte, denn seine Weingärten hatten die Kommunisten längst nationalisiert. Manchmal kaufte er zusätzlich Trauben. Da er aber nicht die Fässer besaß, die seinen Bedürfnissen gewachsen waren, war dieser Wein gewöhnlich in zwei Monaten ausgetrunken. Selten reichte sein Vorrat bis zum Frühling, also musste er, um seinen Durst zu stillen, später Wein in den Geschäften kaufen. Natürlich kaufte er dann den billigsten, aber was bedeutet schon billig bei so einem Konsum. Sein Lohn hätte nie ausgereicht, doch er hatte einen Weg gefunden, um sich das fehlende Geld zu verschaffen. Er stellte Fallen in seinem Hof auf und fing streunende Katzen, die er dann an der medizinischen Akademie für Experimente verkaufte. Anscheinend wurde damals viel experimentiert, denn ich sah ihn mehrmals die Woche mit einem Jutesack über der Schulter, darin die laut knurrende, sich windende Ladung, in Richtung Akademie gehen.

Kaum war der letzte Tropfen von seinen Fässern ausgetrunken, holte mein Großvater die Baldriantropfen und ging die erste Falle aufstellen. Die anderen Buben gaben mit ihren Großvätern an, die Jäger oder Partisanen waren und Bären, Wölfe oder Faschisten gefangen hatten, und ich hatte einen Großvater, der nur heldenhaft trank, und die einzigen Tiere, die er jemals gefangen hatte, waren Katzen. Nein, mein Großvater war kein Held. Wie könnte er es auch sein, wenn das Allergrößte, das Allerhöchste, was man von ihm erwarten konnte, ein Witz war oder ein Scherz. Seinem gesamten Erscheinungsbild haftete etwas Lächerliches an, und ich war davon überzeugt, dass der einzige Grund und Zweck seiner Existenz darin bestand, die anderen zum Lachen zu bringen.

Einige Jahre später geschah aber etwas, was mein Bild von ihm vollkommen auf den Kopf stellte. Mein Großvater hatte zwei Kinder. Das erste war ein Sohn, das zweite eine Tochter, meine Mutter. Wie es in patriarchalen Gesellschaften üblich ist, hatte er seinem Sohn viel gegeben und ihn immer wieder unterstützt. Ende der Siebzigerjahre stellte sich aber heraus, dass mein Onkel meine Mutter in einer sehr ernsten Angelegenheit skrupellos betrogen hatte. Von diesem Tag an verstieß mein Großvater seinen Sohn. Er enterbte ihn, verbot ihm, jemals vor seinen Augen zu erscheinen, und redete kein Wort mehr mit ihm. Es war so, als ob er mit einem Beilschlag alle Verbindungen zu ihm für immer getrennt hätte, auch die des Blutes. Ab nun wurde sein Sohn nie erwähnt.

Die Jahre vergingen, an der Situation änderte sich aber nichts. Das verwunderte mich sehr, denn so eine Rigorosität und Ausdauer bei der Bestrafung hätte ich von meinem Großvater nicht erwartet.

Ab und zu versuchte ich meinen Onkel zu erwähnen, aber er unterbrach mich immer mit den Worten, dass er so einen Menschen nicht kenne, da er keinen Sohn mehr habe. Auf einmal schien es mir unmöglich zu ergründen, wer mein Großvater eigentlich war, denn jeder Versuch, die beiden Bilder von ihm, das Bild des Witzboldes einerseits und das Bild des rigorosen Richters andererseits, zu vereinen, war zum Scheitern verurteilt.

Mein Großvater hatte ein langes Leben. Nach dem Tod meiner Großmutter lebte er eine Weile allein, mit einem Hund und erstaunlicherweise mit mehreren Katzen. Doch nach und nach übersiedelte er zu meinen Eltern, wo er auch die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. In dieser Zeit las er, oft mithilfe einer Lupe, jedes Buch, das ihm in die Hände kam. Er las alles mit demselben Gesichtsausdruck, egal ob es sich um Romane der Weltklassik, Gedichtbände oder Ratgeber mit Gesundheitstipps handelte. Er sah so aus, als ob alles für ihn Teil eines Ganzen geworden wäre; egal welchen Weg man einschlug, man landete immer am selben Ort. Trotzdem las er weiter, wie wenn er sich für eine ganz große Prüfung vorbereitete, die ihm bald, ganz bald bevorstand.

Ein Leben lang tadellos rasiert

Es geschah im Jahr 2001, ein Jahr vor seinem Tod. Mein Großvater liebte es, sich zu rasieren. Da er immer schlechter sah, brauchte er einen Raum mit viel Licht. Am hellsten war es im Wohnzimmer, also rasierte er sich dort. Er holte einen riesigen Wandspiegel, den er auf die Couch stellte, breitete seine Rasierutensilien auf dem Tisch davor aus, setzte sich vor den Spiegel, seifte sein Gesicht ein und ließ sein altes Rasiermesser über die Haut gleiten. Jedes Mal schien es mir, als ob er Schicht für Schicht in seinem Gesicht die Patina des Alters abschabte, um es verjüngt ins Leben zurückzuholen.

Es war ein Ritual, mit dem er den Tod auf Abstand hielt. Eines Tages aber bemerkte er, dass er nicht mehr ausreichend die Konturen sah, um unangestrengt mit dem Rasieren fortzufahren. Natürlich hätte er sich auch blind rasieren können, aber er wollte sicher sein. Ein Leben lang war er tadellos rasiert gewesen, und so sollte es bleiben. Er rief meine Mutter und ließ sich von ihr rasieren. Er war aber mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden. Ein paar weitere Male überließ er ihr noch das Rasiermesser, doch es kam zu keiner Verbesserung. Als er wieder einmal die Stacheln der Zeit an seinen Wangen spürte, sagte er ihr: "Rasieren ist nichts für Frauen. Ich habe einen Sohn. Geh und hol ihn."

Und so betrat mein Onkel zum ersten Mal nach mehr als 30 Jahren unser Haus und stellte sich vor seinen Vater. Mein Großvater sagte nichts, er reichte ihm nur das Rasiermesser. Ab nun kam der Onkel zweimal in der Woche zu uns, um meinen Großvater zu rasieren. Großvater saß im Wohnzimmer, um ihn herum ging sein Sohn und seifte ihn ein. Sie sprachen kaum miteinander, nur ab und zu fiel ein Wort. Mein Großvater hatte immer denselben Gesichtsausdruck, so einen, wie er ihn beim Lesen eines Gedichtbandes, eines Romans oder eines Ratgebers hatte. Mein Onkel ging leicht aufgeregt um ihn herum, blieb mal seitlich, mal vor ihm stehen, und immer wieder zitterte seine Hand. Es hätte auch nicht anders sein können, denn das Rasiermesser, das er hielt und das über den Adamsapfel seines Vaters glitt, war die Vergebung. Oft, sehr oft wünsche ich mir, dieselbe Kraft wie mein Großvater zu besitzen, um all jenen, die ich mal verurteilt, verstoßen und verachtet habe, ein Rasiermesser in die Hände zu geben. (Dimitré Dinev, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.03.2010)

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norman m.
03.04.2010 15:43
Einer der großartigsten...

...Erzähler, die ich kenne - grandios, DD!

lilian
07.03.2010 12:12
eine schöne liebeserklärung!


bin erfreut, endlich wieder etwas von d.dinev zu lesen. ein ganz wunderbarer autor.

donnie darko
07.03.2010 11:28

schöner text.
aber: dort wo groß das bild des autors prangt, sollte eigentlich das bild des protagonisten, also des großvaters sein, nicht?

Kiembeni
06.03.2010 16:27
Wine wunderschöne

Parabel.

Kiembeni
06.03.2010 16:31
Sollte heißen eine

aber war vielleicht durch das Lesen des Weinkonsums vom Opa eine unterbewußte Verwechslung :)

Wikerl
06.03.2010 16:03
Schön.

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