Zwischen Marmorsarg und Moderne

7. März 2010, 17:00
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    foto: apa/epa/koca sulejmanovic

    Feuerwerk auf der Festung Kalemegdan.

Die bewegte Geschichte Belgrads wirkt manchmal wie ein Klotz am Bein für Serben, die in einer modernen Stadt leben wollen - Ein Spaziergang

Ein Lokal, das das Gefühl vermittelt, im eigenen Wohnzimmer zu sitzen: So ist das "Tryk" in Belgrad, das erst im vergangenen Februar eröffnet wurde und schon als Geheimtipp gilt. Was viele Gründe hat: helle Wände, Fotos mit Urlaubserinnerungen, ein Kamin, der selbst fröstelnde Besucher wärmt. Der Kellner Nikola tut nicht nur so, als wäre man sein persönlicher Gast, und serviert Kaffee, der diesen Namen verdient - im Gegensatz zu manch anderen in dieser Stadt servierten Getränken. Hier oder im Café Centrala, wo Zeitungsausschnitte die Wände schmücken, trifft sich das junge, weltoffene Belgrad: Künstler, Studenten, ein urbanes, intelligentes Publikum. Belesene Menschen, die Gespräche mit Freunden einer Fußballübertragung im Fernsehen vorziehen, die mit Verklärung der serbischen Geschichte und Nationalismus nichts am Hut haben und die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre hinter sich lassen wollen.

Das scheint schwer genug zu sein, denn die Vergangenheit des Landes ist an vielen Plätzen der Stadt präsent - und erscheint manchmal wie ein Klotz am Bein. Viele der auf den Straßen dahinrumpelnden alten Busse fahren am zerbombten ehemaligen Verteidigungsministerium vorbei, das bis heute nicht wieder aufgebaut wurde.

Man konnte es sich einfach nicht leisten. Die Nato-Bomben liegen hier noch immer begraben. Krieg und Wirtschaftskrise sind auch die Gründe, warum die Kathedrale des Heiligen Sava bis heute nicht fertiggestellt wurde, obwohl man schon 1935 mit dem Bau dieser größten serbisch-orthodoxen Kirche begonnen hatte. Am Beginn des Zweiten Weltkriegs war der Bau unterbrochen worden. Erst fünfzig Jahre später nahm man in einem moderneren, damals aber vieldiskutierten Stil wieder einen Anlauf, das Projekt zu beenden. Die Jugoslawienkriege verursachten eine neuerliche Verzögerung. Die Frage an einen Einheimischen, wann das Bauwerk mit mehr als 10.000 Stehplätzen fertiggestellt werde, beantwortet dieser mit Achselzucken und dem lapidaren Satz: "Es fehlt am Geld - wie in vielen anderen Fällen auch."

Das Tito Mausoleum

Das dritte große Denkmal der bewegten Landesgeschichte ist das Tito Mausoleum in einem während der kommunistischen Ära errichteten Gebäudekomplex. Die Stadt bewahrt hier, im Zentrum einer großen Parkanlage, das Gedenken an den 1980 verstorbenen Präsidenten des vereinten Jugoslawiens. Ein großer Marmorsarg ist das zentrale Schmuckstück für jene Menschen, die der Ära Tito nachtrauern - und davon gibt es in Belgrad trotz aller Hoffnung auf ein modernes Serbien in der Europäischen Union nicht gerade wenig.

Im angrenzenden Museum sind einige Prunkstücke aus Tito-Sammlungen ausgestellt: Folklore aus den Regionen Ex-Jugoslawiens. Zahlreiche Leichtathletik-Staffelstäbe, die der Staatsmann wie Briefmarken sammelte. Und sein prunkvolles Büro mit schweren Holzmöbeln. Titos Statue im Park vor dem Mausoleum ist natürlich weit größer, als er jemals war. Ein Fall von Mythenbildung. Daneben schauen selbst Zwei-Meter-Riesen wie Zwerge aus. Ein Hauch von Wehmut ist hier zu spüren. Aber auch Zufriedenheit, dass die Kriegszeiten endlich vorbei sind. Im Museumsshop, in dem Postkarten mit Szenen aus Titos ausschweifendem Society-Leben verkauft werden, erzählt man sich, dass nun endlich wieder Besucher aus Dalmatien das Haus besucht haben. Diese Region war eine der ersten, die von den Kriegen in den 1990er-Jahren betroffen waren. Der Weg in die Gegenwart kann nur über die Verarbeitung der Geschichte führen.

Festung Kalemegdan

Dieser banale Satz fällt beim Stadtrundgang. Man lacht darüber, ist sich aber auch bewusst, einen zutreffenden Satz ausgesprochen zu haben. 

Der Spaziergang führt über die Fußgängerzone und Einkaufsstraße Knez Mihailova mit Modeboutiquen, Ausschussware und westlichen Preisen zur gewaltigen Festung Kalemegdan. Hier befindet sich heute eine große Parkanlage, mit einer prächtigen Aussicht auf die Flüsse Save und Donau. Die Endstation ist das alte serbische Beisl "Fragezeichen" in einem der wenigen osmanischen Bauten der Stadt. Auf Diät darf man nicht sein, geboten wird deftige Hausmannskost, so wie es sich der klischeehaft denkende Westtourist vorstellt: faschierte Laibchen, die das Adjektiv "riesig" verdienen.

Im Belgrad ist viel zu Fuß zu erreichen - auch das Museum des genialen, tragischen Erfinders Nikola Tesla. Man muss nur auf freundliche Autofahrer, denen rote Ampeln vollkommen egal sind, und auf kaputte Fußgängerwege achten. Das neue Kulturzentrum der Stadt ist auch nur zehn Minuten vom Platz der Republik entfernt. Das "Grad" (Stadt), ein mehr als ein Jahrhundert altes adaptiertes Lagerhaus, bietet Lesungen, Vorträge, Ausstellungen, Konzerte und Diskussionsstoff. Hierher verirren sich keine Ewiggestrigen und Tito-Anhänger. Hierher kommen die Belgrader, die auf dem Weg in die Gegenwart schon beinahe angekommen sind. (Peter Illetschko, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.03.2010)

Anreise:

Seit vergangenem Februar bietet der Billig-Airliner Fly Niki Flüge von Wien nach Belgrad an. Abflugzeiten: täglich außer Samstag. So-Do 11.00, Fr 19.10. flyniki.com

Ein Direktzug von Wien nach Belgrad ist im Angebot der ÖBB. Er fährt derzeit von Wien Westbahnhof um 18.50 Uhr ab. oebb.at

Reiseveranstalter TUI ist in Serbien vertreten und plant für den Winter 2010/2011 ein Belgrad-Angebot.

Reisebürovereinigung Serbiens: yuta.rs/en/

Botschaft der Republik Serbien: Rennweg 3, 1030 Wien, Tel.: 01/713 25 95

Unterkunft:

In Hotel Belgrade, Bulevar Arsenija Carnojevica 56, Tel.: 00381/11/310 53 00. inhotel-belgrade.com

Hotel Moskva, Balkanska 1, Stari grad, Tel.: 00381/11/686 255, hotelmoskva.co.yu

Hotel Slavija, Svetog Save 2, Tel.: 00381/11/308 48 28, slavijahotel.com

Hotel Union, Kosovska 11, Tel.: 00381/11/3248-022, hotelunionbelgrade.com

Kaffeehäuser und Lounge Bars:

Kafe galerija Tryk, Vardarska 22, Vracar

Café Centrala, Simina 6

Essen und Trinken:

Znak Pitanja (Das Fragezeichen), Kralja Petra Prvog 6, Tel.: 00381/11/635 421

Byblos, Libanesisches Restaurant, 8 Nebojsina, Tel.: 00381/11/244 19 38

Kunst und Kultur:

Nikola Tesla Museum, Krunska 51, Tel.: 00381/11/24 33 886, Di-Fr 10-18, Sa-So 10-13, tesla-museum.org

Kulturni centar "Grad", Brace Krsmanovic 4, gradbeograd.eu

Kommentar posten
25 Postings
rainer hawlik
00
22.6.2010, 09:49
www.yugolog.com

Literarischer Mashup Blog mit zahlreichen Einträgen über Belgrad, ausgezeichnet mit dem Startstipendium für Literatur 2009

www.yugolog.com

+ + + C p 6 u j a + + +
11
17.4.2010, 09:05
wofür fehlt das geld?um das ex-verteidigungsministerium in bester lage zu verkaufen ?den bau der größten

orthodoxen kirche verzögert nix mehr, es wird schlicht ausschließlich aus spenden finanziert ....

auch als "spaziergänger" kommt man ev. auf die idee marmorpreise mal aussenfläche zu nehmen, um zu erfahren worüber man hier faselt.

innen wird man ein paar millione stück mosaikstaine verlegen, ev. weiss ja der alleswisser aus wien wie man das "schnell und europäisch" macht ...

das fragezeichen das ich kenne ist nicht in einem osmanischen bau, "grad" steht für burg und nicht stadt, und der tito-hasser hätte doch auch was über die ethnien die devotionalien kaufen oder seine ruhestätte besuchen was schreiben können ...

kleiner tip: sie kommen alle aus den nichtnationalistischen erfolgsstories ex-yu´s ...

unfassbarer schwachmat!

Wolfgang Bodem1
 
00
14.6.2010, 09:29

hä, was ??????

Brunelleschi
02

Belgrad steht schon lange auf meiner Liste, überhaupt gibts im (Süd-)Osten Europas noch einiges zu entdecken (zumindest für mich). Ich hoffe es geht sich im nächsten Herbst aus, die Sparschiene von den ÖBB hört sich ja recht gut an, da kommt man ja relativ billig herum.

Herr und Frau Österreicher
 
01
10.3.2010, 10:25

sollten sie über Ungarn fahren, unbedingt einen Abstecher in Novi Sad machen!

Herr und Frau Österreicher
 
02

Auf dem Kalamegdan gibts auch das Militärmuseum, sehr empfehlenswert!

kerihuelo
64

"Hierher kommen die Belgrader, die auf dem Weg in die Gegenwart schon beinahe angekommen sind."

ich habe eher den eindruck, dass diese belgrader uns schon längst überholt haben!

mein erster eindruck schon vor jahren war, dass belgrad offener und moderner ist als alle österreichischen städte zusammen (was wahrscheinlich auch wieder kein wunder ist).

mein tipp für alle belgradbesucher: es gibt sehr viele zeitgenössische galerien. unbedingt besuchen!

Goran Stanic
31

Das, was du da von dir gibst, Kamerad, ist die Sicht eines Touristen. Hab´ ich gar nix dagegen, aber die Realität ist das net - wie zwei Leute weiter unten ja auch erklären (und was die schreiben, stimmt durchaus).

kerihuelo
01

drug? im sinne von genosse?

jeder macht seine eigenen erfahrungen. ist doch gut so! manche fühlen sich in salzburg wohl, manche in belgrad.

ich bin nicht der meinung, dass die österreichischen städte offener und/oder moderner sind als belgrad. du bist da anderer meinung. du hast deine erfahrungen gemacht, ich habe meine erfahrungen gemacht.

in diesem sinne!

Goran Stanic
12

Hast du net kapiert, dass ich Serbe bin? In Belgrad aufgewachsen, jetzt wohne und arbeite ich in Österreich und bin etwa ein Mal im Monat in Belgrad (habe noch einige Verwandte dort).

Du schreibst hier irgendwas, was dir beim Touri Spaziergang in der Knez Mihailova aufgefallen ist. Checkst du net, dass der Durchschnitts-Serbe ganz anders denkt wie du? Da fahren irgendwelche Mafia Typen mit Porsche Cayenne mit schwarze Scheiben (is kein Neid - mir geht´s sehr gut) über Straßen mit Schlaglöchern, die von der Stadt jahrelang net ausgebessert werden, 10 m danebn spieln Roma Kinder im Schmutz. Das is in Österreich eben net der Fall.

Hab´ ja nix dagegen, dass du positiv schreibst, aber wirklich Ahnung hast du keine (net böse gmeint).

Herr und Frau Österreicher
 
02
10.3.2010, 10:29

Es gibt hierzulande die Idee, dass Serbien ein Land voller Krimineller, hasserfüllter, brutaler menschen ist, wirscaftlich komplett am Sand und brandgefährlich. Wer eben nicht in Serbien aufgewachsen ist, wird sich bei einem Besuch in belgrad ganz schön wundern. Paradies ist es sicher keines, aber die Hölle eben auch nicht. Ich glaube darum gehts hier...

Z. Ristic
01

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, und es schliesst auch einander nicht aus.

kerihuelo
01

durchschnittsmenschen sind überall gleich. ich glaub´ aber nicht daran, dass serbien ungebildeter oder dämlicher als österreich ist. grade die porsche cayenne typen sind in den letzten jahren weniger geworden. und glaube nicht, dass es die in at nicht gibt. die bekämpfung der mafia braucht zeit, geld und wohlstand für weite teile der bevölkerung.

(wennst weiter diskutieren magst, schick´ mir bitte deine email adr.! (briefsymbol neben meinem nick) via standard ist das etwas mühsam)

kerihuelo
01

mir ist durchaus bewusst, dass es in belgrad probleme gibt. es ist mir aber auch bewusst, dass viele menschen, wenn sie belgrad oder serbien hören, die nase rümpfen und denken, dass ist ein rückständiges entwicklungsland mit 100% kriminellen einwohnern. gerade belgrad ist aber eine sehenswerte stadt und war auch soetwas wie ein intellektueller melting pot des balkans.

ich bin nicht in serbien aufgewachsen, habe aber verwandte dort. ich sehe auch die fortschritte seit dem letzten krieg. trotz embargo, armut und reisebeschränkung ... in österreich sehe ich trotz reichtum keine vergleichbare entwicklung (intellektuell).

Sergej Lebed
13

Realsatire vom Feinsten! Köstlich - weiter so! :-)

kerihuelo
00

wow!!! 2 jahre! das macht dich dann eigentlich zum experten für fast eh alles! und gleich so viele freunde! da ziehe ich den hut vor dir. fragt sich nur was die dir bezahlen, dass du dich so strafversetzen lässt ...

Sergej Lebed
00

:-) Ich glaub´, schon nach zwei Wochen (jedenfalls wenn man viel mit Einheimischen kommuniziert) hat man von Belgrad mehr Ahnung als du - zugegebenermaßen nicht schwer.

Danke der Nachfrage, mein Gehalt ist durchaus zufriedenstellend. :-)

kerihuelo
00

einmal gehts noch:

ich glaub du hast dich verschrieben. du wolltest doch "rückständige ureinwohner" schreiben.

kerihuelo
02

ja, ja, alles klar. osten = böse und so! die wollen ja nur unser geld.

auf malle ist es ja auch schön! wobei so sauber wie bei uns daham ist es eh nirgends, weshalb eigentlich reisen?

Sergej Lebed
03

Muahaha - ein paar Allgemeinplätze gehen schon noch, bemüh dich! :-)

Ich lebe seit zwei Jahren als Expat in Belgrad, habe wahrscheinlich mehr serbische Freunde und Bekannte als du in deinem Leben gesehen hast.

Umso deutlicher fällt mir in deinen Postings auf, dass du völlig ahnungslos bist. Um´s in deinem Sprech zu sagen: Bleib auf Malle, denn in Serbien kennst dich eh nicht aus. :-)

kerihuelo
10

nlp für dummies? interessant, dass du die tatsachen verdrehst. weshalb schickst du mich jetzt nach malle, dass ist doch deine lieblingsdestination.

ich fahr weiter nach belgrad, denn im vergleich zu dir gefällts mir!

sushi007
15
ein netter versuch...

...so etwas wie normalität im leben der bevölkerung darzustellen...ABER die wirklichkeit sieht leider ganz anders aus...hunger, frieren, der tägliche kampf ums überleben und perspektivlosigkeit sind allgegenwärtig...noch viiiel schlimmer ist es ab niš und in mazedonien. nebenbei macht sich schleichender rassismus gegen die roma breit...ES IST EINE KATASTROPHE!

Ed Sackbauer
00
12.3.2010, 11:50

wobei absolut an jedem einzelnen Ihrer punkte etwas wahres ist (ausser am rassismus gg. zig.), ist das gesamte posting trotzdem ein einziger BLEEDSINN!

gruss aus belgrad (bin seit 3 jahren hier und die stadt ist durchaus LEBENSWERT)

Zenith1
05
Also...

ich bin 1958 als 13-jähriger aus Jugoslawien ausgewandert. Ich erinnere mich noch gut an den Personenkult um Tito, deshalb zucke ich wenn ich lese: "Zahlreiche Leichtathletik-Staffelstäbe, die der Staatsmann wie Briefmarken sammelte". Das hatte mit Leichtathletik wenig zu tun, sondern waren Huldigungsadressen des Volkes zu seinem Geburtstag (25. Mai), die in Form von Staffelläufen aus dem ganzen Land stattfanden.
Und noch etwas: Wenn man schon die Festung Kalemegdan erwähnt, dann sollte man auch den österreichischen Anteil daran anführen.

Dobri Jankovic
 
01
10.3.2010, 14:56
und österreichisches Anteil des Kalemegdans ist wichtig...

aber heuzutage kann man leider nicht so viel davon sehen... Belgrad wurde in seiner Geschichte 52 Mal stark zerstört und von vielen verschiedenen Völker erobert und wieder erbaut.
Das älteste Haus Belgrads (z.B.) wurde am Ende 18. Jh. von einem Österreichter gebaut und es gibt so viele interessante Geschichte und Legenden, die man nicht so oft hören kann. Was haben Österreicher, Türken, Ungaren, Griechen, Deutscher, Armeiner, Russen, Mongolen, Kommunisten, Nazis gemacht haben und wie haben sie in Belgrad gewohnt ist wirklich superinteressat. Glücklicherweise habe ich gute Quellen und Infos gefunden und jetzt kann mit meinen Freunden und Besuchern eine sehr interessante Stadtrundfahrt machen :)

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