Die bewegte Geschichte Belgrads wirkt manchmal wie ein Klotz am Bein für Serben, die in einer modernen Stadt leben wollen - Ein Spaziergang
Ein Lokal, das das Gefühl vermittelt, im eigenen Wohnzimmer zu sitzen: So ist das "Tryk" in Belgrad, das erst im vergangenen Februar eröffnet wurde und schon als Geheimtipp gilt. Was viele Gründe hat: helle Wände, Fotos mit Urlaubserinnerungen, ein Kamin, der selbst fröstelnde Besucher wärmt. Der Kellner Nikola tut nicht nur so, als wäre man sein persönlicher Gast, und serviert Kaffee, der diesen Namen verdient - im Gegensatz zu manch anderen in dieser Stadt servierten Getränken. Hier oder im Café Centrala, wo Zeitungsausschnitte die Wände schmücken, trifft sich das junge, weltoffene Belgrad: Künstler, Studenten, ein urbanes, intelligentes Publikum. Belesene Menschen, die Gespräche mit Freunden einer Fußballübertragung im Fernsehen vorziehen, die mit Verklärung der serbischen Geschichte und Nationalismus nichts am Hut haben und die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre hinter sich lassen wollen.
Das scheint schwer genug zu sein, denn die Vergangenheit des Landes ist an vielen Plätzen der Stadt präsent - und erscheint manchmal wie ein Klotz am Bein. Viele der auf den Straßen dahinrumpelnden alten Busse fahren am zerbombten ehemaligen Verteidigungsministerium vorbei, das bis heute nicht wieder aufgebaut wurde.
Man konnte es sich einfach nicht leisten. Die Nato-Bomben liegen hier noch immer begraben. Krieg und Wirtschaftskrise sind auch die Gründe, warum die Kathedrale des Heiligen Sava bis heute nicht fertiggestellt wurde, obwohl man schon 1935 mit dem Bau dieser größten serbisch-orthodoxen Kirche begonnen hatte. Am Beginn des Zweiten Weltkriegs war der Bau unterbrochen worden. Erst fünfzig Jahre später nahm man in einem moderneren, damals aber vieldiskutierten Stil wieder einen Anlauf, das Projekt zu beenden. Die Jugoslawienkriege verursachten eine neuerliche Verzögerung. Die Frage an einen Einheimischen, wann das Bauwerk mit mehr als 10.000 Stehplätzen fertiggestellt werde, beantwortet dieser mit Achselzucken und dem lapidaren Satz: "Es fehlt am Geld - wie in vielen anderen Fällen auch."
Das Tito Mausoleum
Das dritte große Denkmal der bewegten Landesgeschichte ist das Tito Mausoleum in einem während der kommunistischen Ära errichteten Gebäudekomplex. Die Stadt bewahrt hier, im Zentrum einer großen Parkanlage, das Gedenken an den 1980 verstorbenen Präsidenten des vereinten Jugoslawiens. Ein großer Marmorsarg ist das zentrale Schmuckstück für jene Menschen, die der Ära Tito nachtrauern - und davon gibt es in Belgrad trotz aller Hoffnung auf ein modernes Serbien in der Europäischen Union nicht gerade wenig.
Im angrenzenden Museum sind einige Prunkstücke aus Tito-Sammlungen ausgestellt: Folklore aus den Regionen Ex-Jugoslawiens. Zahlreiche Leichtathletik-Staffelstäbe, die der Staatsmann wie Briefmarken sammelte. Und sein prunkvolles Büro mit schweren Holzmöbeln. Titos Statue im Park vor dem Mausoleum ist natürlich weit größer, als er jemals war. Ein Fall von Mythenbildung. Daneben schauen selbst Zwei-Meter-Riesen wie Zwerge aus. Ein Hauch von Wehmut ist hier zu spüren. Aber auch Zufriedenheit, dass die Kriegszeiten endlich vorbei sind. Im Museumsshop, in dem Postkarten mit Szenen aus Titos ausschweifendem Society-Leben verkauft werden, erzählt man sich, dass nun endlich wieder Besucher aus Dalmatien das Haus besucht haben. Diese Region war eine der ersten, die von den Kriegen in den 1990er-Jahren betroffen waren. Der Weg in die Gegenwart kann nur über die Verarbeitung der Geschichte führen.
Festung Kalemegdan
Dieser banale Satz fällt beim Stadtrundgang. Man lacht darüber, ist sich aber auch bewusst, einen zutreffenden Satz ausgesprochen zu haben.
Der Spaziergang führt über die Fußgängerzone und Einkaufsstraße Knez Mihailova mit Modeboutiquen, Ausschussware und westlichen Preisen zur gewaltigen Festung Kalemegdan. Hier befindet sich heute eine große Parkanlage, mit einer prächtigen Aussicht auf die Flüsse Save und Donau. Die Endstation ist das alte serbische Beisl "Fragezeichen" in einem der wenigen osmanischen Bauten der Stadt. Auf Diät darf man nicht sein, geboten wird deftige Hausmannskost, so wie es sich der klischeehaft denkende Westtourist vorstellt: faschierte Laibchen, die das Adjektiv "riesig" verdienen.
Im Belgrad ist viel zu Fuß zu erreichen - auch das Museum des genialen, tragischen Erfinders Nikola Tesla. Man muss nur auf freundliche Autofahrer, denen rote Ampeln vollkommen egal sind, und auf kaputte Fußgängerwege achten. Das neue Kulturzentrum der Stadt ist auch nur zehn Minuten vom Platz der Republik entfernt. Das "Grad" (Stadt), ein mehr als ein Jahrhundert altes adaptiertes Lagerhaus, bietet Lesungen, Vorträge, Ausstellungen, Konzerte und Diskussionsstoff. Hierher verirren sich keine Ewiggestrigen und Tito-Anhänger. Hierher kommen die Belgrader, die auf dem Weg in die Gegenwart schon beinahe angekommen sind. (Peter Illetschko, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.03.2010)
Anreise:
Seit vergangenem Februar bietet der Billig-Airliner Fly Niki Flüge von Wien nach Belgrad an. Abflugzeiten: täglich außer Samstag. So-Do 11.00, Fr 19.10. flyniki.com
Ein Direktzug von Wien nach Belgrad ist im Angebot der ÖBB. Er fährt derzeit von Wien Westbahnhof um 18.50 Uhr ab. oebb.at
Reiseveranstalter TUI ist in Serbien vertreten und plant für den Winter 2010/2011 ein Belgrad-Angebot.
Reisebürovereinigung Serbiens: yuta.rs/en/
Botschaft der Republik Serbien: Rennweg 3, 1030 Wien, Tel.: 01/713 25 95
Unterkunft:
In Hotel Belgrade, Bulevar Arsenija Carnojevica 56, Tel.: 00381/11/310 53 00. inhotel-belgrade.com
Hotel Moskva, Balkanska 1, Stari grad, Tel.: 00381/11/686 255, hotelmoskva.co.yu
Hotel Slavija, Svetog Save 2, Tel.: 00381/11/308 48 28, slavijahotel.com
Hotel Union, Kosovska 11, Tel.: 00381/11/3248-022, hotelunionbelgrade.com
Kaffeehäuser und Lounge Bars:
Kafe galerija Tryk, Vardarska 22, Vracar
Café Centrala, Simina 6
Essen und Trinken:
Znak Pitanja (Das Fragezeichen), Kralja Petra Prvog 6, Tel.: 00381/11/635 421
Byblos, Libanesisches Restaurant, 8 Nebojsina, Tel.: 00381/11/244 19 38
Kunst und Kultur:
Nikola Tesla Museum, Krunska 51, Tel.: 00381/11/24 33 886, Di-Fr 10-18, Sa-So 10-13, tesla-museum.org
Kulturni centar "Grad", Brace Krsmanovic 4, gradbeograd.eu