Der Psychiater Alfred Springer hat ein Problem, Sex als Sucht zu betrachten
Mit Felicitas Witte sprach er über verschiedene sexuelle Bedürfnisse, Sexualmoral und Stigmatisierung.
Standard: Warum bezweifeln Sie, dass es Sexsucht überhaupt gibt?
Springer: Den Begriff der Sucht, wie wir ihn von der Alkohol- oder Drogensucht kennen, kann man nicht ohne weiteres auf sexuelle Handlungen übertragen. Bei der Alkohol- oder Drogensucht nimmt jemand Substanzen zu sich, um Stress zu bewältigen oder weil er mit Problemen nicht klarkommt. Sex aber ist kein "Stoff", den wir von außen zuführen. Er gehört zu unserem Leben und übernimmt verschiedene Funktionen.
Standard: Welche?
Springer: Stressregulation ist eine. Vertreter der Sexsucht-Theorie gehen davon aus, dass es eine richtige Art von Sex mit einem richtigen Maß gibt. Dies kann man als neue Form einer traditionellen konservativen Sexualmoral sehen, bei der "richtige" Sexualität durch moralische Regeln bestimmt wird: Geschlechtliche Bedürfnisse sollte man mit einem Partner ausleben und nicht allein vor dem Computer, man darf die Welt der erotischen Fantasie nicht überwuchern lassen oder sich an die Sexualität verlieren. Aber einen "richtigen" Umgang mit der Lust gibt es nicht. Unser Geschlechtsleben gestaltet sich immer als Kompromiss zwischen eigenen sexuellen Bedürfnissen und den Regeln in der Gesellschaft. Mit dem Begriff Sexsucht können viel zu leicht menschliche Verhaltensweisen, die manche störend finden, auf ein krankhaftes Verhalten reduziert werden.
Standard: Also halten Sie es nicht für krankhaft, wenn jemand sehr viel Sex haben möchte?
Springer: Manche wollen mehrmals am Tag Sex, andere nur wenige Male im Jahr - sexuelle Bedürfnisse sind unterschiedlich. Wenn jemand merkt, dass er mit sexuellen Handlungen seinen Stress reduzieren kann. Warum sollte er nicht davon Gebrauch machen, solange er damit nicht den freien Willen oder die Würde eines anderen verletzt oder gesetzeswidrig handelt? Kritik an der Internet-Pornografie ist sicherlich berechtigt. Aber Sex wird mit den neuen Technologien auch sicherer: Menschen können sich sexuell abreagieren, ohne dass sie sich eine Krankheit zuziehen.
Standard: Aber spätestens, wenn es Probleme im Beruf oder mit dem Partner gibt, ist das doch kein normales Sexleben mehr?
Springer: Natürlich gibt es Menschen, die die Kontrolle über ihr Sexualleben verlieren und darunter leiden, etwa wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt kommen, ihren Job verlieren oder auf wachsenden Widerstand beim Partner stoßen. Aber nicht immer bedeutet Kontrollverlust, dass jemand süchtig ist. Bestimmte psychische Probleme können ungewöhnliche sexuelle Bedürfnisse verur- sachen, die manche als krankhaft bezeichnen würden. So brauchen Menschen mit Zwangskrankheiten immer gleich ablaufende Rituale, und der Sex muss immer zu bestimmten Zeiten stattfinden. Ich würde dies aber nicht als Sexsucht bezeichnen, sondern als sexuelles Verhalten, das die im Rahmen der psychischen Grundkrankheit gestörte Kommunika- tion widerspiegelt.
Standard: Dabei wären doch einige Kriterien der Sucht erfüllt?
Springer: Die Diagnose Sucht ist extrem stigmatisierend. Insofern sollte man vermeiden, sie in einem ziemlich unklaren psychischen Bereich zu stellen. In der gesellschaftlichen Diskussion zum Thema Sex sehe ich eine tiefe Spaltung zwischen Freizügigkeit und Unterdrückung. Dabei spielen die Medien eine große Rolle. Fast täglich lesen wir in Zeitungen oder im Internet über Sex. Die unreflektierte Berichterstattung über das "exzessive" Geschlechtsleben berühmter Personen führt gleichzeitig zur Dämonisierung und Mythisierung der Personen und ihres Verhaltens. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass der berühmte Sexualwissenschafter Volkmar Sigusch schon vor zehn Jahren das Phänomen Sexsucht als mediales Fabrikat bezeichnete. (Felicitas Witte, DER STANDARD Printausgabe, 8.3.2010)