"Richtigen Umgang mit Lust gibt es nicht"

07. März 2010 18:35
  • Artikelbild
    Foto: derstandard/sonja bachmayer

    Zur Person: 

    Alfred Springer, Psychiater und Psychoanalytiker, ist als Professor emeritiert. Bis Ende 2009 war er Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Suchtforschung in Wien, Lehrender an der Medizinischen Universität Wien und an der Sigmund Freud Privatuniversität.

Der Psychiater Alfred Springer hat ein Problem, Sex als Sucht zu betrachten

Mit Felicitas Witte sprach er über verschiedene sexuelle Bedürfnisse, Sexualmoral und Stigmatisierung.

Standard: Warum bezweifeln Sie, dass es Sexsucht überhaupt gibt?

Springer: Den Begriff der Sucht, wie wir ihn von der Alkohol- oder Drogensucht kennen, kann man nicht ohne weiteres auf sexuelle Handlungen übertragen. Bei der Alkohol- oder Drogensucht nimmt jemand Substanzen zu sich, um Stress zu bewältigen oder weil er mit Problemen nicht klarkommt. Sex aber ist kein "Stoff", den wir von außen zuführen. Er gehört zu unserem Leben und übernimmt verschiedene Funktionen.

Standard: Welche?

Springer: Stressregulation ist eine. Vertreter der Sexsucht-Theorie gehen davon aus, dass es eine richtige Art von Sex mit einem richtigen Maß gibt. Dies kann man als neue Form einer traditionellen konservativen Sexualmoral sehen, bei der "richtige" Sexualität durch moralische Regeln bestimmt wird: Geschlechtliche Bedürfnisse sollte man mit einem Partner ausleben und nicht allein vor dem Computer, man darf die Welt der erotischen Fantasie nicht überwuchern lassen oder sich an die Sexualität verlieren. Aber einen "richtigen" Umgang mit der Lust gibt es nicht. Unser Geschlechtsleben gestaltet sich immer als Kompromiss zwischen eigenen sexuellen Bedürfnissen und den Regeln in der Gesellschaft. Mit dem Begriff Sexsucht können viel zu leicht menschliche Verhaltensweisen, die manche störend finden, auf ein krankhaftes Verhalten reduziert werden.

Standard: Also halten Sie es nicht für krankhaft, wenn jemand sehr viel Sex haben möchte?

Springer: Manche wollen mehrmals am Tag Sex, andere nur wenige Male im Jahr - sexuelle Bedürfnisse sind unterschiedlich. Wenn jemand merkt, dass er mit sexuellen Handlungen seinen Stress reduzieren kann. Warum sollte er nicht davon Gebrauch machen, solange er damit nicht den freien Willen oder die Würde eines anderen verletzt oder gesetzeswidrig handelt? Kritik an der Internet-Pornografie ist sicherlich berechtigt. Aber Sex wird mit den neuen Technologien auch sicherer: Menschen können sich sexuell abreagieren, ohne dass sie sich eine Krankheit zuziehen.

Standard: Aber spätestens, wenn es Probleme im Beruf oder mit dem Partner gibt, ist das doch kein normales Sexleben mehr?

Springer: Natürlich gibt es Menschen, die die Kontrolle über ihr Sexualleben verlieren und darunter leiden, etwa wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt kommen, ihren Job verlieren oder auf wachsenden Widerstand beim Partner stoßen. Aber nicht immer bedeutet Kontrollverlust, dass jemand süchtig ist. Bestimmte psychische Probleme können ungewöhnliche sexuelle Bedürfnisse verur- sachen, die manche als krankhaft bezeichnen würden. So brauchen Menschen mit Zwangskrankheiten immer gleich ablaufende Rituale, und der Sex muss immer zu bestimmten Zeiten stattfinden. Ich würde dies aber nicht als Sexsucht bezeichnen, sondern als sexuelles Verhalten, das die im Rahmen der psychischen Grundkrankheit gestörte Kommunika- tion widerspiegelt.

Standard: Dabei wären doch einige Kriterien der Sucht erfüllt?

Springer: Die Diagnose Sucht ist extrem stigmatisierend. Insofern sollte man vermeiden, sie in einem ziemlich unklaren psychischen Bereich zu stellen. In der gesellschaftlichen Diskussion zum Thema Sex sehe ich eine tiefe Spaltung zwischen Freizügigkeit und Unterdrückung. Dabei spielen die Medien eine große Rolle. Fast täglich lesen wir in Zeitungen oder im Internet über Sex. Die unreflektierte Berichterstattung über das "exzessive" Geschlechtsleben berühmter Personen führt gleichzeitig zur Dämonisierung und Mythisierung der Personen und ihres Verhaltens. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass der berühmte Sexualwissenschafter Volkmar Sigusch schon vor zehn Jahren das Phänomen Sexsucht als mediales Fabrikat bezeichnete. (Felicitas Witte, DER STANDARD Printausgabe, 8.3.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
1 2
worry1
08.03.2010 15:04
Ich glaube auch nicht, daß es Sexsucht gibt.

Sonst müsste wohl jeder 14- bis 30-jährige, der gesund ist sexsüchtig sein.
Abgesehen davon, dass die USA eine absolut kranke Gesellschaft hat; siehe fromme Heuchelei und Popstars, die schon durch einmal Nippel zeigen oder sich beim Auftritt zwischen die Beine greifen einen Skandal produzieren, und dann Kliniken für ablaßartige Therapien haben und gleichzeitig die größte Pornoindustrie der Welt haben.
Männer die gut aussehen, im Rampenlicht stehen und viel Geld haben, die haben auch genügend Angebote und können halt mehr Frauen ins Bett bekommen als ein kleiner Arbeiter, aber das ist keine Sucht, sonder nur ein Ausleben des Triebes nach vorhandener Möglichkeit.

1000 Kopfläuse können nicht irren
08.03.2010 16:56
Was?!

Mit 31 ist es schon aus?
*fg*

Die Perle im Indischen Ozean
08.03.2010 13:42
SexLust aber ist kein Stoff :-)) SexLust ist eine Empfindung


sex, lustwennichsiezulasse, lust entsteht im inneren auf ganz ganz natürliche weise, bei einem weniger und beim anderen mehr und steht das natürliche lustempfinden im vordergrund kann ich nicht süchtig werden auch wenn ich mehrmals am tag sex habe.

kritisch sehe ich sex, die lust die durch pornos, plastikstangerl, .... angekurbelt wird - also von außen unnatürlich und künstlich - denn hier kommt "STOFF" hinzu, das kann zur sucht- und probleme führen.

Alfred Zopf
08.03.2010 13:28
Die Psychoanalyse hat Wilhelm Reich "erfolgreich" vergessen, traurig aber wahr !

Nach diesen Aussagen werden vermutlich noch 100 Jahre vergehen bis Wilhelm Reichs Erkentnisse (1927- die Funktion des Orgasmus), weiterführend in Charakteranalyse, Massenpsychologie des Faschismus, usw. endlich ernsthaft diskutiert werden. Durch unsere neurosenfördernde Kultur sind wir nicht fähig zur sexuellen Erfüllung (=Entspannung durch biopsychische Entladung) zu gelangen, so extrem verkürzt Reichs wissenschaftliche Darlegung. Gestützt wurde er durch die Forschungsergebnisse bei Naturvölker von Malinowsky. Der Ödipuskomplex ist kulturbedingt, d.h. die sexuellen "Verwindungen" in unserer Kultur sind Ausdruck unserer unterdrückten, verdrängten und verschobenen Sexualität. Schade um die gesellschaftsunkritische Haltung der Psychoanalyse.

The_new_number_2
08.03.2010 15:07

Vergessen ist nicht richtig. Er hat sich halt im letzten Viertel seines Lebens in immer abstrusere Theorien verrannt, die seine früheren Arbeiten dann diskreditiert haben...

Alfred Zopf
08.03.2010 15:24
Widerspruch !

1934 von der Psychoanalyse wegen seiner politischen Gesinnung und gleichzeitig von der Kommunistischen Partei wegen seiner psychoanalytischen Gesinnung ausgeschlossen widmete sich Reich intensiv der Forschung des Menschen, aus den Fragen der Sexualökonomie her kommend entwickelte er eine bis heute nicht widersprochene Theorie der Krebsbiopathie und letztendlich die Orgonforschung, sein Pech war nur, dass er mit seiner scharfen wissenschaftlichen Sichtweise kompromisslos nach der Wahrheit suchte, die seinesgleichen sucht.

Schneeglöckchen
 
08.03.2010 09:03
"Polymorph perverse Veranlagung - Triebtheorie"

Von einem geistigen Nachfahren Freuds hätte mich v.a. interessiert zu erfahren, ob die Psychoanalyse von heute nach wie vor Kindern unterstellt, mit ihrem gegengeschlechtlichen Elternteil schlafen zu wollen und den anderen umzubringen? ("polymorph perverse Veranlagung")

In der Praxis bedeutet dies nämlich:
Kann man die Ungeheuerlichkeit ausschließen, daß KlientInnen der PA, die z.B. von ihren Vätern vergewaltigt wurden, heute noch erklärt wird, dies sei eigentlich eh ihr uneingestandener Wunsch gewesen? ("Ödipaler Triumph über die Mutter")

FMGD
08.03.2010 08:55

es gibt allerdings auch stoffungebundene Süchte.
Spielsucht, Kaufsucht zb.

8uddh48r0t
08.03.2010 11:29

Arbeitssucht, Essucht, Internet-/Computersucht,...

jcMaxwell
08.03.2010 15:56

derstandard.at-forum-posting-sucht

Quintus Beckloeffel
07.03.2010 22:23
"Aber einen "richtigen" Umgang mit der Lust gibt es nicht"

Aha. Und Vergewaltigen und Kinderschänden ist demnach auch kein falscher Umgang mit Lust, sondern lediglich ein unkonventioneller? Schließlich sind moralische Einschränkungen ja nichts weiter als Relikte einer "traditionellen konservativen Sexualmoral", nicht wahr, Herr Springer?

A Voice
09.03.2010 13:35
Das ist auch weniger ein Umgang mit Lust

als ein Macht"beweis".

worry1
08.03.2010 14:48
Hm, Sex macht dir echt Angst oder?

goldstandard
08.03.2010 14:35
Können Sie sinnerfassend lesen?

Im Text steht: "Warum sollte er nicht davon Gebrauch machen, solange er damit nicht den freien Willen oder die Würde eines anderen verletzt oder gesetzeswidrig handelt?"

Quintus Beckloeffel
08.03.2010 18:09
Im Text steht aber auch:

"Einen 'richtigen' Umgang mit der Lust gibt es nicht".

Folglich wäre es nicht richtig, auf die Befriedigung seiner Lust durch Vergewaltigung zu verzichten.

fluchtpunkt
10.03.2010 22:52

Sie sollten erstens verstehen, dass Vergewaltigung nicht mit sexueller Lust, sondern ausschließlich mit Gewaltausübung und Macht zu tun hat; zweitens sollten sie das Interview - insbesondere die oben zitierten Passagen - nochmal langsam lesen.

Tepoztecatl
08.03.2010 14:13
Es empfiehlt sich, ...

... den Artikel ganz zu lesen:

Springer: Manche wollen mehrmals am Tag Sex, andere nur wenige Male im Jahr - sexuelle Bedürfnisse sind unterschiedlich. Wenn jemand merkt, dass er mit sexuellen Handlungen seinen Stress reduzieren kann. Warum sollte er nicht davon Gebrauch machen, solange er damit nicht den freien Willen oder die Würde eines anderen verletzt oder gesetzeswidrig handelt? [...]

Grüße, ...

Quintus Beckloeffel
09.03.2010 20:22
Es empfiehlt sich vor allem, wenigstens ein Mindestmaß an logischer Konsistenz an den Tag zu legen. Der Autor sieht das bestimmende Merkmal der "traditionellen konservativen Sexualmoral", darin,

dass "'richtige' Sexualität durch moralische Regeln bestimmt ist". Seine Gegenthese besagt folglich, dass Sexualität NICHT durch moralische Regeln bestimmt ist. Folglich könnte die Sexualität auch nicht durch die moralische Regel "Befreidige deine Lust nicht durch Vergewaltigung" bestimmt sein. Er bestätigt denn auch nochmals kategorisch: "Einen 'richtigen' Umgang mit der Lust gibt es nicht".

Wären seine späteren Formulierungen in Ihrem Sinn zu deuten, dann würden sie besagen: "Was ich oben gerade gesagt habe, ist Schwachsinn, in Wahrheit hänge auch ich der traditionellen konservativen Sexualmoral an, indem ich die richtige Sexualität durch moralische Regeln bestimmt sehe."

KTHXBYE
08.03.2010 12:26

Das ist jetzt aber an den Schamhaaren herbeigezogen

jcMaxwell
08.03.2010 15:56

autsch ;)

1000 Kopfläuse können nicht irren
08.03.2010 10:23
Ujegerl...

... irgendwelche unglaublichen Übertreibungen hernehmen um diese zu einem "Vergleich" umzubauen. Was soll das bringen?

The_new_number_2
08.03.2010 14:56

Das einzige, was ihm seine traditionelle, konservative Moral erlaubt, ist halt: Hirnwixerei.

Quintus Beckloeffel
08.03.2010 13:00

Da brauch ich nicht zu übertreiben, sondern nur den Herrn beim Wort zu nehmen. Wenn es in Sachen Lust kein "Richtig/Falsch" gibt, wie er behauptet, dann ist es logischerweise auch nicht falsch, seinen Lustgewinn aus einer Vergewaltigung zu beziehen.

1000 Kopfläuse können nicht irren
08.03.2010 16:53
Wenn's mir jetzt auch noch...

... die Passage zeigen, wo er das behauptet hat?

Quintus Beckloeffel
08.03.2010 18:04
Ich zitiere:

"Einen 'richtigen' Umgang mit der Sexualität gibt es nicht."

Folglich wäre es nicht richtig, beim Ausleben seiner Sexualität auf eine Vergewaltigungen zu verzichten. Das sexuelle "Lebensmodell" des Serienvergewaltigers wäre demnach nict weniger Richtig als jedes andere Modell auch. Und es ist folglich auch nicht richtig, seine Sexualität nur mit Menschen auszuleben, die keine fünfjährigen Kinder sind.

Anmerkung an die werte Posterschaft:
Farbe ersetzt keine Logik!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.