Die Angst, auf's Feld zu gehen

7. März 2010, 17:11
1 Posting

Häufiger Begleiter in Konfliktgebieten: In der Region Kivu in der Demokratischen Republik Kongo müssen die Frauen in ständiger Angst vor Missbrauch leben

Es passiert bei der Feldarbeit, auf der Straße, in den Hütten der Dörfer und Flüchtlingslager. Bei Tag und bei Nacht. Fünfjährige Mädchen sind genau so betroffen wie Frauen in ihren Vierzigern: In der Region Kivu, Demokratische Republik Kongo, unweit der Grenzen zu Uganda, Ruanda und Burundi, wo die Landschaft von grünen, wild bewachsenen Hügeln geprägt ist, stehen sexueller Missbrauch und Vergewaltigung an der Tagesordnung.

Gesellschaftliche Strukturen zerstört

2003 wurde der Zweite Kongokrieg zwar offiziell beendet, im Osten des Landes kämpfen verschiedene bewaffnete Rebellengruppen aber bis heute weiter. Dabei geht es, neben ethnischen Rivalitäten, um die Kontrolle der reichen Rohstoffvorkommen des Landes. In Konfliktregionen wie Kivu ist sexuelle Gewalt oft weit verbreitet. "Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Aber das passiert, wenn Menschen in einem Konflikt auf der Flucht sind und die normalen gesellschaftlichen Strukturen, die die Frauen beschützten, zerstört werden", erklärt die Belgierin Thilde Knudsen, Hebamme und Leiterin der "International Working Group on Sexual Reproductive Health" von Ärzte ohne Grenzen gegenüber dieStandard.at. Aufgrund des fehlenden Schutzes durch die Gesellschaft seien die Menschen - hauptsächlich sind es Frauen - noch verwundbarer als sonst.

Einsatz mit mobilen Kliniken

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1992 in der Region Kivu tätig. Die instabile Lage erschwert die Arbeit: Die Dörfer und Flüchtlingslager befinden sich fernab der Regionalhauptstadt Goma, mitten am Land, zwischen grünen Hügeln und Wäldern, direkt in der Kampfzone. Vergewaltigte Frauen haben oft keine Möglichkeit, in die weit entfernten Krankenstationen zu kommen; die Straßen sind schlecht, die Gefahr zu groß. Die Lösung sind mobile Kliniken, mit denen die MitarbeiterInnen der Hilfsorganisation die Dörfer und Lager abklappern. "Wir versuchen dort zu sein, wo sich der Konflikt abspielt, und zwar für die gesamte Bevölkerung", sagt Knudsen. Auf welcher Seite des Konflikts die PatientenInnen stünden, spiele für die ÄrztInnen und Krankenschwestern keine Rolle.

"Permanente Angst"

Die Oberösterreicherin Renate Reisinger war von April bis September 2009 als Krankenschwester vor Ort. Sie versorgte vergewaltigte Frauen von einer mobilen Klinik aus und schulte einheimische Hebammen für die Behandlung von Missbrauchsopfern. "Die Frauen leben in permanenter Angst und Unsicherheit, weil die Gesellschaft durch den Krieg so zerstört ist, dass ein Ende der Vergewaltigungen unmöglich scheint", erzählt die 34-Jährige. "Als Frau muss man jedes Mal, wenn man auf's Feld geht, mit einer Vergewaltigung rechnen."

Im Jahr 2009 wurden allein in Nord- und Süd-Kivu 5.600 Opfer von sexueller Gewalt durch Ärzte ohne Grenzen betreut. Die Täter befinden sich sowohl unter den Uniformierten unterschiedlicher Konfliktgruppen als auch in der Zivilgesellschaft. Der Missbrauch kann der Hilfsorganisation zufolge unter anderem dazu benutzt werden, Soldaten zu "belohnen" oder zu "motivieren". Systematische Vergewaltigung kann eingesetzt werden, um Menschen zu vertreiben oder als "biologische Waffe", um den HI-Virus zu verbreiten.

Schutz vor HIV und ungewollter Schwangerschaft

In Kivu wird den Opfern neben der medizinischen Versorgung eine psychologische Unterstützung und ein medizinisches Zertifikat, das die Behandlung aufgrund von Vergewaltigung bestätigt, geboten. "Dieses Blatt Papier ist zwar kein Beweis dafür, dass eine Person missbraucht wurde, kann aber vor Gericht unterstützend verwendet werden", so Knudsen. Die medizinische Versorgung beinhaltet unter anderem Impfungen gegen Hepatitis und Tetanus und die Behandlung von sexuell übertragbaren Krankheiten: "Die Vergewaltigungen sind häufig sehr gewaltsam, deshalb ist oft auch eine generelle Wundversorgung nötig", erklärt Knudsen. Eine möglichst rasche Behandlung sei wichtig, um die präventive HIV-Behandlung und eine nachträgliche Schwangerschaftsverhütung in Form der "Pille danach" zu gewährleisten. Viele Frauen kommen aber zu spät, weil der Weg zu weit ist, die Scham zu groß oder sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.

Aus diesem Grund wurden in den Dörfern und Lagern Menschen geschult: Sie sollen das Schweigen über das Tabu-Thema brechen. "Es geht darum, das Bewusstsein in der Bevölkerung zu erhöhen und zu verbreiten, wo es Hilfe gibt", sagt Reisinger. "Viele Frauen werden nach einer Vergewaltigung diskriminiert, aus dem Haus geworfen oder von der Gemeinschaft verstoßen - dadurch werden sie aber erst recht zu 'Freiwild'."

Frauen helfen sich gegenseitig

Um mehr Frauen dazu zu bringen, die nötige Hilfe aufzusuchen, wurde in elf Dörfern das Projekt "Mamas Conseillères" ins Leben gerufen: Geschulte Frauen verbreiten unter den Dorfbewohnerinnen, wo es Hilfe gibt und warum es wichtig ist, diese möglichst schnell in Anspruch zu nehmen. Wenn vergewaltigte Frauen und Mädchen zu ihnen kommen, sorgen sie dafür, dass die Opfer Hilfe in einem Krankenhaus oder einer mobilen Klinik bekommen. (Maria Kapeller, 8.3.2010, dieStandard.at)

 

Link: Information und Videos über den Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo

  • Die Oberösterreicherin Renate Reisinger war von April bis September 2009 für Ärzte ohne Grenzen als Krankenschwester im Osten der Demokratischen Republik Kongo im Einsatz: "Als Frau muss man jedes Mal, wenn man auf's Feld geht, mit einer Vergewaltigung rechnen."
    foto: ärzte ohne grenzen

    Die Oberösterreicherin Renate Reisinger war von April bis September 2009 für Ärzte ohne Grenzen als Krankenschwester im Osten der Demokratischen Republik Kongo im Einsatz: "Als Frau muss man jedes Mal, wenn man auf's Feld geht, mit einer Vergewaltigung rechnen."

  • In Kivu sind die Wege weit, die Straßen schlecht, die Sicherheitslage ist prekär. Deshalb erfolgt die medizinische Versorgung von mobilen Kliniken aus. Für sexuell missbrauchte Frauen ist es wichtig, möglichst rasch Hilfe aufzusuchen, um präventive HIV-Behandlung und nachträgliche Schwangerschaftsverhütung sicherzustellen.
    foto: ärzte ohne grenzen

    In Kivu sind die Wege weit, die Straßen schlecht, die Sicherheitslage ist prekär. Deshalb erfolgt die medizinische Versorgung von mobilen Kliniken aus. Für sexuell missbrauchte Frauen ist es wichtig, möglichst rasch Hilfe aufzusuchen, um präventive HIV-Behandlung und nachträgliche Schwangerschaftsverhütung sicherzustellen.

Share if you care.