Durch ein Verbot "gewerbsmäßiger" Bettelei in Wien würden vor allem Roma aus Osteuropa getroffen, die vielfach aus dem tiefen Elend kommen
In Wien setzt die SPÖ jetzt an, das "gewerbsmäßige Betteln" unter Strafe zu stellen, ÖVP und FPÖ sind dafür. Kritiker des Plans - Grüne und Caritas - merken an, dass die geplante Novelle des Landessicherheitspolizeigesetzes - so sie am 26. März den Landtag passiert - praktisch alle Bettler, die derzeit in Wien Straßen sind, mit bis zu 700 Euro Verwaltungsstrafe oder eine Woche Gefängnis bedrohen wird. Weil die meisten dieser Menschen, die an Gehsteigrändern, in U-Bahneingängen oder sonstwo im Straßenbild ihre Hand aufhalten, aus dem europäischen Osten kommen: Es sind Roma , die gezielt anreisen - und das meist in Gruppen -, um hier um Almosen zu bitten: ein Umstand, der ihnen leicht als sicherheitsgefährdende "Gewerbsmäßigkeit" ausgelegt werden kann.
Doch warum kommen diese Menschen nach Wien, oder auch nach Graz oder St. Pölten? Wie schauen die Zustände in den jeweiligen Herkunftsländern aus, die die Perspektive, in fremden Städten betteln zu gehen, attraktiv erscheinen lassen? Wen das interessiert, der oder die sollte sich ein Bild über die ghettoähnlichen ländlichen Romadörfer oder auch städtischen Ansiedlungen der Roma in der Slowakei, in Rumänien, oder auch Bulgarien, Serbien, Albanien machen. So wie es die Caritas (www.caritas.at) vor kurzem einer Gruppe von Journalistinnen und Journalisten ermöglicht hat:
90 bis 100 Prozent Arbeitslosigkeit, Leben von unzureichender Sozialhilfe und Gelegenheitsjobs, die in der Wirtschaftskrise rar geworden sind. Trotz Bemühungen von Staaten und Hilfsorganisationen, die Kinder zum Schulbesuch zu animieren - was mittelfristig die einzige Möglichkeit ist, um die Lage zu verbessern - immer noch viele Analphabeten: Frauen vor allem, die in jungen Jahren statt einer Schulbildung Nachwuchs bekommen haben. In den ländlichen Romadörfern der Slowakei kommen auf jede Frau durchschnittlich zehn Kinder. Manche Familie lebt in 20-Quadratmeterverschlägen, bis zu 20 Personen pro Raum. Dazu die Verachtung, der Hass der Mehrheitsgesellschaft: Roma sein ist in Osteuropa ein Stigma, seit Jahrhunderten schon.
Alles in allem: Das nackte Elend, das nach Auswegen sucht - auch den Weg in die Bettelei im reichen Westen. Wer davon weiß, kann sagen, dass die Herkunftsstaaten ihren Roma gefälligst ein besseres Leben zu ermöglichen haben. Oder - wie der steirische Landeshauptmann Franz Voves - meinen, Hilfe vor Ort wäre besser: ein guter Ansatz, wenn auch geeignet, das Abdrängen und die Kriminalisierung der Bettler zu rechtfertigen. Oder aber der oder die Betreffende sieht von diesem Zerrbild systematischer Abzocke, von Mafia und gewerbsmäßiger Handaufhalterei ab, das der Bettelei in Österreich anhängt. Statt diese Menschen zu verjagen, sollte man versuchen, ihnen zu helfen - auch hierzulande; jenen, die unter Bettlern ausgebeutet werden, besonders.
Irene.Brickner@derStandard.at