Schoßhündchen from hell

10. April 2003, 18:10
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Über das US-Duo The White Stripes, das mit dem Album "Elephant" zur Zeit in Großbritannien für Aufsehen sorgt

Das US-Duo The White Stripes sorgt mit einer Mischung aus altem Blues und Rock in Großbritannien für Aufsehen. "Elephant" ist derzeit auf Platz eins der dortigen Albumcharts. Dieter Bohlen bitt' für uns!


Die gute Nachricht zuerst: Mit ihrem neuen Album haben The White Stripes zumindest Linkin Park, Simply Red, Norah Jones und Coldplay auf die Ränge verwiesen. Elefant, der vierte Longplayer des früher einmal verheirateten und sich immer noch als Geschwisterpaar ausgebenden Duos Jack und Meg White aus einem Dreckloch in Detroit, Michigan, ist in der zweiten Woche zum meistverkauften Album in Großbritannien aufgerückt!

In der Musikgeschichte ein einzigartiger Fall. Immerhin klingen die White Stripes in ihrer Duobesetzung mit Secondhand-Gitarre, schon in Rente gewesenem Schlagzeug und verzerrtem Gesang und einer wilden Mischung aus dem Höllenhund-Blues eines Robert Johnson und dem hühnerbrüstigen Garagenpunk der 60er-Jahre, Marke Iggy & The Stooges, eher nach einer eingedampften Kernversion der Rolling Stones um 1966. Und sie klingen außerdem eher nach abgestandenem Bier und versifftem Underground-Keller als nach kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränken in den Pappkulissen von Top of the Pops.

Immerhin aber sieht man anhand des Erfolges der White Stripes, dass die britische (Musik-)Presse noch immer mit ihren eigengebauten Hypes dazu in der Lage ist, tatsächlich eine Band zum Erfolg und Durchbruch zu bringen. Ähnlich wie die Strokes aus New York mit ihrem Debüt Is This It? wurden die Jack und Meg White vor zwei Jahren mit ihrem nach den unbeachteten Vorgängern The White Stripes und De Stijl damals allerdings schon dritten Album White Blood Cells zum mindestens größten Ding seit der Erfindung von Johnny Rotten aufgeblasen. Die Konzerte, zuletzt sogar einige Male im Vorprogramm der Rolling Stones in Sportarenen, wurden als auf jeden Fall heilig-heidnische Messen beschrieben, bei denen man zu vorchristlichen Göttern predigt, sündige Tänze aufführt und sich zu den gottlosen Klängen der Strommusik paart, wo gerade Platz zwischen den anderen Brüdern und Schwestern ist. Kaum eine britische Musi- und Lifestyle-Zeitschrift konnte und wollte es sich seitdem leisten, auf The White Stripes auf den Titelseiten zu verzichten.

Und jetzt die schlechte Nachricht: Gehört hat man diese auch textlich ausschließlich mit Versatzstücken und furchtbaren Klischees aus der Geschichte ("Stains coming from my blood, words are gonna bleed in the cold, cold night ...") spielende Musik selbstverständlich auch schon besser. Nicht, dass die White Stripes als Kopisten nichts taugen würden. Der beherzte Irrsinn, der allerdings etwa eine Jon Spencer Blues Explosion ausmacht, mit der sie immer verglichen werden, den kann man dem Duo leider nicht zusprechen. Für Menschen, die übrigens wirklich wissen wollen, wie es klingt, wenn Milchgesichter dem Blues die Zähne mit Punk zeigen und dafür hektoliterweise Herzblut opfern: The Gun Club - Fire Of Love. Dieser 1981 aufgenommene Wahnsinn schlägt noch immer alles. Word up! (DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2003)

Von
Christian Schachinger
  • The White StripesElephant
 
(Xl Recordi/ZOMBA)
    foto: zomba

    The White Stripes
    Elephant
    (Xl Recordi/ZOMBA)

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