Luxus ohne Kratzer

15. April 2003, 23:42
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Messe-Zeit in Basel und Genf: In der Flaute bewähren sich die Uhrenmultis. Von Gisbert L. Brunner

Mitunter kommt im Leben schlichtweg alles zusammen. So auch heuer in Basel und Genf, wo sich die internationale Uhren- und Schmuckbranche ihr alljährliches Top-Stelldichein gab. Da lahmt die Konjunktur seit Monaten. Diese unverkennbare Schwächephase bescherte der eidgenössischen Uhrenindustrie in den ersten beiden Monaten 2003 ein deutliches Exportminus von 6,2 %. Österreich importierte 10,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Beim deutschen Nachbarn waren es knapp dreißig Prozent und der traditionell uhrenfreundliche italienische Markt brach um 20 % ein. Ganz offensichtlich hat die Sorge um den Ausbruch des Irakkriegs den chronometrischen Konsumfrust noch verstärkt.

Zu allem Überdruss sorgte das Atemwegssyndrom Sars zu Beginn des Basler Messegeschehens für beträchtlichen Wirbel. Dazu René Kamm, CEO der Messegesellschaft: "Im Grunde genommen war das für uns der Gau, den sich niemand auch nur im Entferntesten wünscht." Nach langem Hin und Her waren einige Ausstellergruppen, darunter auch Hongkong, mit ihren Länderpavillons nach Zürich gezogen, wo 32.000 Quadratmeter zur Verfügung standen. Für den Transport der Besucher wurde ein kostenloser Bus-Pendeldienst eingerichtet. Am Morgen des 2. April platzte die Bombe: Die schweizerische Bundesregierung hatte den Personen aus China, Hongkong, Singapur und Vietnam zwar die Einreise gestattet, die Arbeit in den Ständen aus Gefährdungsgründen jedoch untersagt.

Speziell die 317 Hongkong-Aussteller zeigten sich von dieser Entscheidung bitter enttäuscht. "Die gesundheitliche Überprüfung aller Betroffenen durch die eidgenössischen Bundesbehörden hätte zwei Tage und zwei Nächte in Anspruch genommen. Das war für uns inakzeptabel," erklärte Frederick Lam, Direktor des Hongkong Trade Council. Deshalb reiste ein großer Teil der rund 3000 Betroffenen unverrichteter Dinge wieder ab. Weiteres werden Anwälte und Gerichte regeln. Die Tatsache, dass die Gäste aus dem Fernen Osten die Messe besuchen und dort natürlich auch Einkaufen durften, löste einen bitteren Beigeschmack aus.

Außer sich war auch Nicolas G. Hayek, Verwaltungsratspräsident der Swatch Group. Besagter Regierungserlass tangierte auch alle anderen Marken. "Noch fünf Tage vor der Messe habe ich mit den Behörden in Bern gesprochen. Und da signalisierte man mir, dass keine Probleme zu erwarten seien. Das kurzfristige Umdenken zeugt von wenig Professionalität."

Terminabsagen beklagten auch die Aussteller des luxuriösen Salon International de la Haute Horlogerie in Genf, welcher am 8. April seine Tore ausschließlich für geladene Gäste öffnete. Für Georges Kern, CEO der Traditions-Uhrenmarke IWC, ist das Handeln der Gesundheitsbehörden nicht ganz nachvollziehbar. "Mir leuchtet schlichtweg nicht ein, warum Gäste aus Hongkong ein-, aber nicht verkaufen dürfen."

Weil die Show trotz wenig ersprießlicher Rahmenbedingungen weitergehen muss, gab es natürlich eine ganze Reihe interessanter Neuigkeiten zu sehen. Vieles davon spielt sich im Top-Preissegment jenseits von 50.000 Euro ab, welches erfahrungsgemäß deutlich konjunkturresistenter ist. Neue Tourbillons mit Mega-Gangautonomie und anderem Zusatznutzen leiden unter der Absatzflaute weitaus weniger als klassische Dreizeiger-Armbanduhren für 2000 Euro. Stark en vogue sind weiterhin Chronographen. Dazu Zeitmesser, deren Zifferblatt mehr zu bieten hat als Zeiger für Stunden, Minuten und Sekunden. Ein Comeback feiern digitale Multifunktionsanzeigen bei hochwertigen Quarzuhren. Und der Mond geht immer öfter hinter Zifferblattausschnitten auf. Am besten von ultrapräzisen Räderwerken angetrieben. Dann liegt die Abweichung von der astronomischen Norm bei wenigen Sekunden jährlich.

Unübersehbar war in Basel auch ein weiteres Plus. Das ohnehin schon stattliche Fashionmarken-Spektrum wuchs abermals. Branding ist in. Ob der Markt das auf Dauer akzeptiert, muss sich erst noch zeigen. Branchen-Insider in Basel und Genf glauben, dass die momentane Flaute ihre reinigende Wirkung diesbezüglich ziemlich rasch entfalten wird. Nach Messeschluss wollen die Banken Auftragsbücher und Zahlen sehen. Erst dann wird es Geld für neue Produktion geben. Daher kann es gut sein, dass die Traditionsreichen, Kompetenten und Starken einmal mehr als Sieger um die Gunst an den Handgelenken hervorgehen. Hierzu werden insbesondere die global agierenden Uhren- und Luxusmultis zählen. Doch auch sie müssen derzeit spürbar Federn lassen. Ungehemmte, wenig gerechtfertigte Preissteigerungen sind gegenwärtig wenig populär. Die Folge sind Einsteigerlinien. Oder neue Produkte mit bekanntem Outfit und leicht modifiziertem Innenleben. Und das für deutlich weniger Geld. Anpassung lautet das Gebot der Stunde. Den Rotstift ansetzen bei den Kosten wie den Preisen.

Nur etwas verbietet sich für seriöse Fabrikanten: Preissenkungen bei etablierten Modellen. Selbst wenn diese in Boomzeiten üppig kalkuliert waren. Luxusgüter, und dazu gehören genau genommen alle Zeitmesser über 100 Euro, vertragen solches grundsätzlich nicht. Derartiges Handeln würde alle jene nachhaltig verprellen, die einst "teuer" gekauft haben und als potenzielle Kunden selbstverständlich bei Laune gehalten werden müssen. (Der Standard/rondo/11/04/2003)

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