Das große Bluffen

9. April 2003, 19:10
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Volker Neumanns riskanter Frankfurter Buchmessen-Poker ist beendet. Nicht ohne große Verluste - eine Analyse

Frankfurt/Main - Aus heutiger Sicht betrachtet, sieht es fast aus, als sei Pokerface Volker Neumann, dem amtierenden Direktor der Frankfurter Buchmesse, einer der kühnsten Bluffs des Jahres geglückt: Nach einer Sondersitzung des Börsenvereins Anfang dieser Woche wurde der Verbleib der Messe am traditionellen Standort bestätigt. Neue Verträge zwischen der Buchmesse und ihrer Vermieterin, der Frankfurter Messe, sichern die gemeinsame Zukunft zumindest bis 2010.

Lang umstrittenes Herzstück dieser neuen Vereinbarung ist die Zusage der Frankfurter Messe, künftig auch die Organisation der Dienstleistungen während des Buchmessenaufbaus zu übernehmen, was der Buchmesse Einsparungen in Millionenhöhe garantiert - die umgehend, noch in den nächsten Tagen, mittels revidierter Preislisten für den kommenden Oktober an die Aussteller weitergegeben werden sollen.

Noch sind keine genauen Zahlen bekannt, im Gespräch mit dem STANDARD aber versicherte Holger Ehling, Pressesprecher von Volker Neumann, die Preissteigerungen für 2003 dürften gegenüber dem Vorjahr "deutlich unter zehn Prozent" betragen. Und das für alle Aussteller - dezidiert auch für die Kleinstverlage und ihre Standkojen von vier Quadratmetern, für die die Preislisten noch Mitte März eine Teuerung von horrenden 55 Prozent gegenüber 2002 ausgewiesen hatten.

So weit die Sonnenseite des Erfolgs. Ihr Glanz erstrahlt im Moment allerdings reichlich matt. Getrübt wird der große bunte Neumann-Sieg durch den eklatanten Vertrauensverlust der Buchmesse bei ausnahmslos allen Verlagen. Der wurde ausgelöst einerseits durch die Umzugsgerüchte nach München, vor allem aber durch die allgemein absurd überteuerten Standmieten-preise für 2003.

Zur Erinnerung: Erst Mitte März, just während der Leipziger Buchmesse, hatten die Verlage die Preis- und Anmeldelisten für den kommenden Herbst erhalten, mit den oben erwähnten Erhöhungen um 55 Prozent für Kleinstaussteller, aber gleichfalls nicht unerheblichen Anhebungen um 20 bis 30 Prozent etwa für Mieter großer Eckstände. Und so fort.

Der erwartbare Aufschrei folgte dem Bekanntwerden der Zahlen mit nur wenigen Tagen Verzögerung. Eine Flut offener Briefe ergoss sich über den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dessen hundertprozentige Tochter die Buchmessen-AG ist. Den Anfang machte Karl-Klaus Rabe, Lamuv-Verleger und Mitbegründer der GVA, der Gemeinsamen Verlagsauslieferung, Ende März. Seinem Aufruf, sich unter solchen Konditionen nicht für die kommende Messe anzumelden, schlossen sich umgehend 180 Kleinverlage an.

Endgültig aber glühten die Kohlen unter den Füßen der Börsenvereinsmitglieder, als Anfang April zwölf deutsche Großverlage, allen voran Random-House, in Anbetracht der Frankfurter Preispolitik offen für einen Umzug nach München plädierten.

Nur wenige Tage darauf erklärt ein strahlender Volker Neumann nun das glückliche Verhandlungsergebnis. Ein Sieg? Ob das Resultat die nachhaltige Verunsicherung bei den internationalen Verlagen wettmacht, bleibt nämlich abzuwarten. Angenommen, die Preislisten für Herbst 2003 waren nie mehr als Teil des Pokers. Ausgesandt, um über die Verlagsproteste den Druck auf die Messe Frankfurt zu erhöhen, die wenig gewillt war, Verträge zu verändern, deren Konditionen ihnen satte Gewinne auf Jahre hinaus garantierten. Eine Annahme, für die vieles spricht.

Hinweis eins: Insider-Informationen zufolge war die Buchmesse durch Fehler ihrer früheren Leiter vertraglich ohnehin bis 2010 an Frankfurt gebunden, allerdings zu miserablen Konditionen. Ein Umzug nach München wäre daher nur unter schwersten Verlusten - de facto also gar nicht - möglich gewesen. Hinweis zwei: Random-House, Mitorganisator des größten offenen Briefs, gehört zu Bertelsmann, als dessen Vertriebschef Neumann bis vor einem Jahr tätig war. . .

Den 2003-Preis-Skandal als Strategie also angenommen, so wird sich erst in den kommenden Monaten herausstellen, ob Volker Neumann und mit ihm die Frankfurter Buchmesse wirklich die Gewinner dieses hoch riskanten Poker-coups sind, dessen ideelle Verluste schwer wiegen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2003)

Von
Cornelia Niedermeier
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