Im Zauber der provinziellen Metropole

13. April 2003, 21:16
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Stardirigent Mariss Jansons, zur Zeit mit seinem Pittsburgh Symphony im Wiener Musikverein zu Gast, im Interview

Wien ist seine liebste Stadt und ein Krieg im 21. Jahrhundert ein Zeichen, dass der Mensch nichts dazugelernt hat, sagt Stardirigent Mariss Jansons im Gespräch mit Peter Vujica. Mit seinem Pittsburgh Symphony macht er gegenwärtig im Wiener Musikverein Station.


Wien - Sieht man ihn von der Ferne so dastehen, vierschrötig, den Oberkörper vorgebeugt, die Arme seitlich etwas weggestreckt, könnte man ihn - sogar in der Lobby des Imperial - für einen soliden Handwerker halten, für einen Kommunikationstechniker vielleicht.

Warum eigentlich nur halten? Eigentlich ist Mariss Jansons ja wirklich beides. Was ist ein Dirigent denn anderes als ein Handwerker? Immerhin hängt sehr viel von den Händen ab, wenn man vor einem Orchester steht. Egal ob ohne Baton (Dirigentenstab), wie Jansons wegen eines Leidens am rechten Daumen lange Zeit dirigieren musste, oder mit einem solchen wie jetzt, da er nach zwei gut verlaufenen Operationen wieder geheilt ist.

Noch nötiger aber hat ein Dirigent die Gabe, die Musiker, mit denen er arbeitet, zu überzeugen. Und da geht es nicht immer ausschließlich um musikalische Probleme.


Jansons: Das Orchester hat sich Sorgen gemacht vor seinem Auftritt in Wien: "Die werden sagen, ja, jetzt kommen diese Amerikaner." Ich habe sie beruhigt. Ich habe gesagt: "Schauen Sie, wir machen Musik. Das ist unsere Sache und sonst gar nichts." Und sie waren sehr erleichtert, als es schon nach der Unvollen- deten großen Beifall gegeben hat. Bei den Proben in Pittsburgh haben wir nicht über den Krieg gesprochen. Ich weiß, dass viele Musiker gegen diesen Krieg sind.

Wissen Sie, was ich nicht verstehe: Dass es im 21. Jahrhundert überhaupt noch einen Krieg gibt. Dass so etwas überhaupt möglich ist. Nicht nur im Irak. Wir fahren in den Weltraum. Wir haben uns technisch ungeheuer entwickelt. Aber menschlich?

Aber was wollen Sie?! Schauen Sie sich diese Filme aus Hollywood an. Nur Brutalität, immer wieder nur töten, töten, töten. Dann wundert man sich, wenn Schüler ihre Mitschüler erschießen. Wenn ich was zu reden hätte, würde ich diese Filme verbieten.

Gerade der Musik käme bei der Erziehung und der Entwicklung des Menschen eine große Funktion zu.

STANDARD: Was ist Musik?

Jansons: Das ist eine schwere Frage. Eine sehr schwere Frage. Musik - das ist unser unmittelbarer Ausdruck. Sie gibt positive Energie. Da gibt es eigentlich nichts zu verstehen. Nach dem Konzert sind die Leute positiv verändert. Wenn ich dirigiere, dann ist das für mich Selbsttherapie.

STANDARD: Aber beim Dirigieren haben Sie doch einen Herzinfarkt erlitten.

Jansons: Ja, aber weil ich so glücklich war. Das war in Oslo, am Schluss von der Bohème. Halbszenisch. Meine Idee. Alles war so schön. Es hat einfach alles gestimmt. Das Licht. Die Sänger. Das Orchester. Das war zu viel für mich.

Sie müssen nämlich wissen, dass meine wirklich große Liebe der Oper gehört. Mein Vater war Dirigent an der Oper in Riga. Meine Mutter war Solistin. Ich bin als kleines Kind bei allen Proben gewesen, weil meine Eltern keinen Babysitter hatten. Die Oper war und ist mein Zuhause.

STANDARD: Warum dirigieren Sie dann immer nur Konzerte?

Jansons: Jetzt berühren Sie eine wunde Stelle in mir. Ich würde ja so gerne. Aber ich habe keine Zeit dazu. Ich war immer Chefdirigent von zwei Orchestern. Einmal St. Petersburg und Oslo. Dann Oslo und London. Dann Oslo und Pittsburgh. Da ist es einfach nicht möglich, sechs Wochen eine Oper zu probieren.

Und nur, wie das üblich ist, in den letzten zwei Wochen zu den Proben zu kommen, das möchte ich nicht. Man muss von Anfang an dabei sein. Mit den Sängern am Klavier probieren. Mit dem Regisseur sprechen. Bei der Premiere müssen alle alles von allen Übrigen wissen. Nur dann hat das alles einen Sinn.

Aber jetzt leite ich dann das Rundfunkorchester in München und das Concertgebouw-Orchester, das auch in der Oper in Amsterdam spielt. Als sein Chefdirigent muss ich dann sogar Opern dirigieren. Endlich.

STANDARD: Wie gehen Sie mit Kritik um?

Jansons: Ich brauche die Kritik. Ich bin froh, wenn mir jemand nach einer Aufführung sagt, wie es ihm gefallen hat. Ich lese auch die Kritiken.

Viele sagen, dass sie keine Kritiken lesen. Diese Leute sind entweder unaufrichtig, weil sie die Kritiken im Stillen ja doch lesen. Oder sie sind arrogant und sagen, das brauche ich nicht.

Doch für mich gibt es zwei Untugenden, die ich am meisten hasse: Unaufrichtigkeit und Arroganz. Da kann ich wütend und wild werden wie ein Stier.

STANDARD: Was möchten Sie, dass von dem Gespräch, das wir jetzt führen, nun wirklich in der Zeitung steht?

Jansons: Dass Wien meine liebste Stadt ist. Nicht nur, weil ich hier bei Hans Swarowski studiert habe. Wien vereinigt nämlich alle Vorzüge einer Metropole mit den Annehmlichkeiten der Provinz. Es ist eine große Stadt, aber gleichzeitig auch eine gemütliche Stadt.

Und dann erst das Musikleben. Es hat nirgends auf der Welt ein so hohes Niveau wie in Wien. In Wien ist die Musik allgegenwärtig. Auch wenn nicht alle in die Konzerte des Musikvereins gehen, so gibt es doch einen allgemeinen Respekt vor der Musik - vor der Kunst überhaupt.

Ich würde mir wünschen, dass sich diese musische Grundstimmung auf alle Städte der Welt überträgt - und in Wien trotzdem für immer erhalten bleibt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2003)

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    Mariss Jansons

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