Wenig agiles Kunstgewusel

9. April 2003, 19:29
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Bis 13. April: "34. Westdeutsche Kunstmesse" und "KunstKöln"

109 statt 143 Händler (2002) auf der diesjährigen 34. Westdeutschen Kunstmesse Köln: Weniger heißt indes nicht mehr ausgesuchte Spitzenqualität. Qualität muss man im Spitzenbereich suchen, wo man sie auch findet, etwa bei Beck & Eggeling, der eine sitzende Frau Picassos von 1958 spektakulär für 3,6 Mio. Euro anbietet, aber es wird wohl beim Spektakel, beim Schauen bleiben.

Die Picasso-Achse komplettiert sich durch Bestandteile von Salis & Vertes mit zwei Picasso-Frauenporträts der frühen und späten Sechziger für 2,5 bzw. 1,7 Mio. Euro. Und einen Frauenkopf Renoirs bietet das Salzburger Haus ebenfalls feil - für drei Mio. Euro. Köln sei immer für eine Überraschung gut, hört man von Thomas Salis, doch der gut situierte Mittelstand, Zielgruppe dieser Veranstaltung, scheint derzeit eine Wirtschaftsflauten-Kunstpause einzulegen.

Und das Highend-Publikum, stets an Topangeboten interessiert, ist im westdeutschen Raum endgültig auf Maastrichts TEFAF abonniert, falls es denn zwischen den amerikanischen Käufern überhaupt noch auffällt. Salis & Vertes hatten auf dieser Messe Mitte März jedenfalls rund zehn Objekte absetzen können. Die zeitliche Enge zu Maastricht hat für Köln zusätzlich zu Absagen wichtiger Qualitätsträger geführt. Der WKM-Auftakt verlief also in diesem Jahr ein wenig schleppend, gequält freundlich. Eher wenig agiles Kunstgewusel zwischen zwei hinreißenden mystischen Köpfen Jawlenskys (bei Sander/Darmstadt je um 500.000 Euro) und einer Jugendstil-Betttruhe von Majorelle bei Gethmann/Berlin (17.500 Euro).

Kriegsangst und und das risikobewusste Horten der Reserven kommen hinzu. Hans Martin Schmitz, Vorstand des Rheinischen Kunsthändler Verbands (RKV), stuft die ökonomische Situation für die Breite des Handels, der stets auf Köln setzt, derzeit gar als "katastrophal" ein.

Anmutig wie pompös bleibt trotz all dem ein "allseitig geschwungenes", signiertes Barockmöbel des Hofschreiners Johann Georg Wahl von 1735 (120.000 Euro bei Schmitz-Avila). Kurioses beim Biedermeier-Experten Britsch aus Bad Schussenried, der ein gleichsam uneheliches Möbel anbietet, eine Ladentheke aus der Ludwig-Apotheke (1826) in München, das einem der wohl zahlreichen unehelichen Kinder Ludwigs des I. geschenkt wurde.

Parallelprobleme gibt es auch im avantgardistischen Untergeschoß, wo die "KölnKunst" in ihrer vierten, immer noch konturenarmen Ausgabe aus Art-Brut-Offerten, Grafik, Auflagenkunst, Multiples und Kunst nach 1980 zu kämpfen hat mit der in diesem Jahr vorgezogenen und zunehmend interessanten, am Dienstag dieser Woche zu Ende gegangenen Art Brussel.

Dennoch -James Nachtweys Reportagefotografien zum afrikanischen Kriegselend, bei OMC/Düsseldorf, liegen im traurigen Gegenwartstrend des Irakkriegs, nicht minder die subtilen Wüstenfotos Ursula Schulz-Dornburgs bei dem engagierten Kölner Galeristen Werner Klein. Die Fotografin dokumentierte die alte Weihrauchstraße zwischen Mekka und Medina, eine der ältesten Pilgerstraßen der Welt. Eine Eisenbahnlinie wurde kurz nach 1900 wieder abgerissen -daher im Sand ein sich langsam verflüchtigender alter Waggon.

Noch viel bedeutendere Kulturzeugen bleiben in diesen Tagen auf der Strecke. Die Kunst wird reagieren, und auf irgendeiner Messe werden wir sagen: "Interessant!"
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2003)

Roland Groß
aus Köln

Service

Bis 13. April,
Messegelände
Köln-Deutz,
tägl. 11-19 Uhr

  • Ursula Schulz-Dornburgs "Transitorte - Der Weg von Medina an die jordanische Grenze", 3200 € (5er-Auflage) bei Klein/Köln
    foto: klein/köln

    Ursula Schulz-Dornburgs "Transitorte - Der Weg von Medina an die jordanische Grenze", 3200 € (5er-Auflage) bei Klein/Köln

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