Breton in alle Winde

10. April 2003, 19:28
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Bilanz nach einer Woche: Die Pariser Auktion des Jahres wurde zur exzellent angerührten Medien-Mayonnaise

Unter Protesten und Medienrummel ging die erste Auktionswoche in Paris vonstatten: Der Staat nutzte sein Vorkaufsrecht, wertvolle Manuskripte, Erstausgaben und Skizzen erwarben renommierte Sammler surrealistischer Kunst und Literatur.


Paris - Die Auktion des Jahres, nämlich die Versteigerung von 6249 Losen aus der Atelierwohnung des "Papstes des Surrealismus" André Breton, 42, rue Fontaine, wurde zur exzellent angerührten Medien-Mayonnaise.

Im Vorfeld protestierten mehr als 3200 Dichter, Schriftsteller und Philosophen (u.a. Jacques Derrida) gegen die Zerstreuung des surrealistischen Kulturgutes in alle Winde. Bretons Tochter, Aube Eléouet Breton (67), des Merkantilismus bezichtigt, und Kulturminister Jean-Jacques Aillagon, dem staatlicher Gleichmut vorgeworfen wurde - auch im Namen seiner Vorgänger, die eine seit den 70er-Jahren von der Witwe Elisa Breton und der Tochter Aude geplante "surrealistische Stiftung" nicht akzeptiert hatten - antworteten den Dichtern voller Würde.

Als "rührend, aber naiv" bezeichnete Aube Eléouet Breton die Protestierenden, die seit dem Tode André Bretons im Jahre 1966 den (im Originalzustand belassenen) Nachlass genauso ignoriert hatten wie der französische Staat. "Wir haben die besten Objekte per Schenkung, Dation (Ersatz für Erbschaftssteuer, Anm. d. Red.) oder Ankauf in unsere Museen übernommen und werden vom staatlichen Vorkaufsrecht Gebrauch machen", kündigte der Kulturminister an. - Was in den ersten Auktionstagen, die den antiquarischen Büchern und einigen Manuskripten vorbehalten blieben, auch eintraf. Von den 1692 Losen für Bücher, zu denen bis Samstag 532 Manuskripte kommen (Gemälde, populäre Kunst, Fotografie und Stammeskunst füllen die Auktionstage bis inklusive 17. 4.), bedienten sich der Staat und die Bibliothèque Doucet, die bereits die Mehrheit der Manuskripte besitzt, zum Zuschlagspreis.


Erotische Zeichnung

Das geschah sehr zum Ärger des Hauptkäufers der ersten Auktionswoche, des Pariser Antiquars Jean-Claude Vrain, dem wichtige Werke (z.B. von Robert Desnos mit Widmung an Breton und erotischer Zeichnung) weggeschnappt wurden. Von den rund drei Mio. Euro Zuschlägen der ersten drei Tage erwarb Vrain wertmäßig weit mehr als die Hälfte. Der Rest ging an den französischen und internationalen Handel, bedeutende Sammler wie Paul Destribats (der für die Surrealismus-Ausstellung im Centre Pompidou und in Düsseldorf 2002 viele Bücher und Objekte lieh) und junge Einstiegssammler.

Der Spitzenzuschlag der ersten Tage ging an Bretons Text Qu'est-ce que le surréalisme (1934). Dieser Erstausgabe in 20 Exemplaren liegt eine Originalskizze René Magrittes bei, die dieser für den Umschlag entwarf. Jean-Claude Vrain bewilligte 276.021 Euro dafür. Er übernahm auch eine speziell für André Breton gedruckte Ausgabe von Salvador Dalí, La femme invisible, (1930) mit drei Kupferstichen Dalís für 120.146 Euro.
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2003)

Von Olga Grimm-Weissert
  • Magrittes Illustration auf André Bretons Buch "Was ist Surrealimus?", 1934, eines der 20 signierten Originale
    foto: drouot

    Magrittes Illustration auf André Bretons Buch "Was ist Surrealimus?", 1934, eines der 20 signierten Originale

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