Dominikus Kraschl

Priester unter Generalverdacht?

4. März 2010, 18:39

Die Schuldzuweisungen an den zölibatären Klerus aus Sicht eines Ordensbruders

Die nicht abreißenden Berichte über sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen stimmen traurig. Abgesehen von dem unsäglichen Leid für die Opfer fügen sie der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche nicht wiedergutzumachenden Schaden zu. Eine kleine Begebenheit, die ich erlebt habe, mag dies illustrieren. Als einer meiner Mitbrüder einmal die Kirchentür abends zusperrte, kam ein Ehepaar mit Kind des Weges. Das Kind schaute meinen Mitbruder groß an und fragte die Eltern: "Wer ist das?" Darauf die Mama: "Das sind Männer, die kleine Kinder missbrauchen. Von denen musst du dich fernhalten!"

Als Priester oder Ordensmann ist man heute einem Generalverdacht ausgesetzt. Damit muss man sich abfinden. Zugleich gilt es zu fragen, inwieweit die verbreitete Mutmaßung, dass katholische Geistliche in erhöhtem Maße gefährdet seien, sich an Kindern und Jugendlichen zu vergehen, überhaupt richtig ist.

Will man sich nicht in unergiebigen Spekulationen verlieren, tut man gut, einschlägige Zahlen zurate ziehen. Univ.-Prof. Hans-Ludwig Kröber, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Charité Berlin, gilt als einer der führenden Experten in Sachen Kindesmissbrauch und Kirche. Er stellte die etwa 210.000 seit 1995 in Deutschland polizeilich erfassten Fälle von Kindesmissbrauch der vom Nachrichtenmagazin Spiegel Anfang Februar ermittelten Anzahl von 94 Verdachtsfällen innerhalb der Kirche gegenüber. Der Kriminalpsychologe kam zum Ergebnis, dass sich in Deutschland katholische Geistliche statistisch seit 1995 deutlich seltener an Kindern und Jugendlichen vergingen als nicht zölibatär lebende Männer (seiner Berechnung zufolge 36-mal so selten). Der oft vermutete Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch wird durch die vorliegenden Zahlen also nicht gestützt. Im Gegenteil.

Wenn in der Öffentlichkeit dennoch ein anderes Bild entsteht, dann mag dies damit zusammenhängen, dass jeder einzelne Missbrauchsfall durch einen Geistlichen ein breites mediales Echo erfährt. Die unheilige Trias von Zölibat, Sexualität und Kindesmissbrauch bietet stets Stoff für einen kleinen Krimi.

Freilich bleibt es dabei: Jeder einzelne Missbrauchsfall ist einer zu viel (und wird durch den Blick auf die Statistik keineswegs entschuldigt). Die Verantwortlichen in der Kirche müssen sich ernsthaft fragen, welche Präventionsmaßnahmen ergriffen werden können, um sexuellen Missbrauch in der Kirche künftig weitestgehend zu minimieren. Wie sich gezeigt hat, ist immer damit zu rechnen, dass psychosexuell unreife oder gestörte Menschen, sich von der zölibatären Lebensform angesprochen fühlen können. Daher bedarf es künftig größtmöglicher Professionalität bei der Auswahl der Priester- und Ordensbewerber.

Mein vorläufiges Fazit: Das Problem des sexuellen Missbrauchs dürfte nicht in erster Linie ein Problem der Kirche, sondern ein Problem der gesamten Gesellschaft sein. Soweit ich sehe, liegt die Aufarbeitung dieser dunklen und verstörenden Seite menschlicher Sexualität freilich erst in den Anfängen: sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche.

Man muss sich wohl drauf gefasst machen, dass noch einiges auf uns zukommt. (Dominikus Kraschl, DER STANDARD - Printausgabe, 5. März 2010)

Zur Person
P. Dominikus Kraschl ist Franziskaner und Lehrer am Franziskanergymnasium Hall in Tirol.

Zum Weiterlesen
Kommentar der anderen: Geht's auch weniger hysterisch? Plädoyer für mehr Sachlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Missbrauchsskandale - Von Heide Pils

Schwerpunkt auf derStandard.at/Panorama
Missbrauch durch Geistliche

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Posting 1 bis 25 von 177
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Genia Enzelburg
00
18.3.2010, 13:03
Die Verlogene Kirchenmoral aufdecken!

Ratzinger war als kardinal hauptamtlich mit der Vertuschung betraut. Diese BBC-doku führt den Beweis... "Sexcrimes and the Vatican"

http://video.google.com/videoplay... e+vatican#

Danke.

veritasincaritate
00
27.12.2010, 16:33
Die Vorwürfe gegen Kardinal Ratzinger

haben sich mittlerweile als haltlos herausgestellt.

Das Beispiel macht deutlich, wie gewissenlos von vielen Journalisten vorgegangen wird.

NotDarkYet
00
18.3.2010, 11:22

Wenn - wie man jetzt sieht - Missbrauch im kirchlichen Umfeld besonders effektiv vertuscht wurde, dann sagt eine Statistik über aufgeflogene Missbrauchsfälle nicht wirklich viel aus.
Insbesondere auch dann, wenn man berücksichtigt, dass täglich neue Fälle auftauchen und somit eine Statistik von Anfang Februar schon wieder sehr alt ist.

Übrigens, Pater Dominikus: Lebt Pater Leo noch, Franziskaner und Mathelehrer in Hall, Anfang der 70er Jahre? Wie sagt denn Pater Leo zur Häufigkeit von Missbrauch?

Mehr Mehr und Mehr
00
10.3.2010, 22:52
Und wer Verdächtigt hier wen generell?

aus dem Standard: "Prior: 'Ich traue mittlerweile jedem alles zu'" Wenn die Herren Priester sich jetzt schon selber Misstrauen, dann haben Sie aber ein wirkliches Kinderschande Problem.

Nope
06
Am Problem vorbei

Pater Kraschl mag schon recht haben, wenn er auf Statistiken verweist, dass Mißbrauch auch (und wahrscheinlich öfter) in Familien passiert als durch Priester... und natürlich ist keine Organisation davor gefeit, dass ihre Mitglieder Verfehlungen begehen.

ABER: Pater Kraschl schreibt zielgenau am eigentlichen Problem vorbei - dass die Kirche nicht fähig oder willens ist, dieses grassierende Problem in ihren eigenen Reihen abzustellen und sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen. Stattdessen wird gemauert, geleugnet und vertuscht solange es geht - und wenn es nicht mehr geht, dann redet man von schwarzen Schafen und zeigt sich zerknirscht. Die Kirche hat ein Strukturproblem (und nicht nur eines)!

belgarion666
 
00
12.3.2010, 13:53
der problem

es wird in all diesen internaten gemauert, wo missbrauch passiert. die schulleitungen fürchten um ihre reputation und somit um das ausbleiben der kinder zahlender kunden.

blumenfee
00
11.3.2010, 08:49
Ein massives Strukturproblem, und jede Menge andere Probleme:

Ein versteinerter Machtapparat – Angst vor jeder Veränderung!
Beinah 500 Jahre hat es gedauert, bis sie offiziel zugab, dass die Erde rund ist.
Angst – hat die Führungsriege eine Idee welche Schäden Angst anrichtet?
Angst – Angst schließt Liebe aus – predigt die Kirche wohl und verbietet den Priestern eine eigene Familie.
Liebe Priester steht doch endlich auf: steht zu eurer Sehnsucht endlich Mensch zu sein. Gott hat uns dieses Talent in die Gene gepflanzt. Wollt ihr das ganze Leben mit Unehrlichkeit verplempern?
Hält das Leiden am Kreuz hoch – wozu das Leiden hochhalten, wenn Freude das Leben lebenswert macht! Jedes Gänseblümchen verbreitet mehr Lebensfreude als diese Kreuz.
Kratzen wir weiter an der Spitze dieses Eisberges!!

Wolkengedanken
00
17.3.2010, 14:49

Sehr richtig !! Mehr Gänseblümchen als Kreuze wären für die allgemeine Psychohygiene wesentlich bekömmlicher

belgarion666
 
00
12.3.2010, 13:45
in diesen 500 jahren

wurden an allen kirchlichen schulen globen verwendet, und bei ihremn reisen fürchteten sich gläubige aus dem klerus oder laienstand sich nicht davor über denr and der weltscheibe zu fallen.
es hielt nur keiner der mühe für wert richtig zu stellen, was sowieso jeder weiß.
in diesem zusammenhang machen mir die kreationisten in den evangelikalen freikirchen mehr angst.

apg.5.29
42
Danke,

Pater Dominikus!

konski
12
Generalverdacht!

ich würde es als erwiesen betrachten, dass die bewusst lügengeschichten erzählen.
ist schon recht so, wenn sie auch mal kritisiert werden, sind ja auch nicht zimperlich mit austeilen. feige bagage unter naturschutz nach §188.

BastiGross
21
Also ich halte das anfänglich genannte

Beispiel sehrwohl für glaubwürdig. Schließlich ist ja offensichtlich, dass die Frau nicht zum Kind spricht, wenn sie von den "missbrauchenden Geistlichen" spricht, sondern zu dem Pater. Das Kind braucht ja auch nicht zu verstehen, was sie unter "missbrauchen" genau meint, es muss nur den zweiten Teil ihrer Aussage verstehen: "Halte dich von solchen Personen fern".

Die Tatsache, dass die Glaubwürdigkeit des Beispiels im Forum so angezweifelt wird, ist für mich leicht zu erklären: In ihrem Kirchenhass stimmen sie der Frau ja zu, sie trauen sich nur nicht, das öffentlich einzugestehen, es würde sie ja in eine lange Reihe von Ewiggestrigen einreihen, die einzelnen Personengruppen alles Böse der Welt in die Schuhe geschoben haben.

19k
13
"missbrauchen"

Das, was in den Schulen im Religionsdunterricht gemacht wird, nämlich einseitige Indoktrinierung, ist auch Mißbrauch.

ölika
00
10.3.2010, 22:24

ist ja nicht verpflichtend...

Mehr Mehr und Mehr
01
10.3.2010, 22:52

Das Kreuz an der Wand aber schon eher. Vielleicht sollte man es durch das Bild eines nicht angenagelten Nackten Jünglings ersetzen.

veritasincaritate
43
Ich finde es völlig richtig,

dass sich der Pater gegenüber unberechtigten Verallgemeinerungen und billigen Vorurteilen wehrt.

Warum sollen Mitarbeiter der Kirche, die mit den Missbrauchsfällen absolut nichts zu tun haben, sich als potenzielle Kinderschänder hinstellen lassen?

Das wäre ja genau so, wie wenn alle Polizisten sich Gauner nennen lassen müssten, nur weil einige Polizisten was geklaut haben... und vielleicht nicht gleich suspendiert worden sind...

spoiled ballot
03
die "evangelische vergleichsgruppe" widerlegt

krasches einwände eindrucksvoll.

der zusammenhang von kindesmissbrauch und die besonderen katholischen strukturen, wird durch den vergleich mit der evangelischen kirche sehr deutlich.

zölibat, die unterdrückung der eigenen bedürfnisse, systematische vertuschung und verharmlosung, macht die katholische kirche zu einem sonderfall, und genau deshalb stehen sie unter besonderer beobachtung.

veritasincaritate
01
Sie machen es sich zu einfach, spoiled ballot

amerikanische Studien besagen, dass evangelikale Pastoren nicht minder betroffen sind...

spoiled ballot
01
es gibt einen großen unterschied zw. den evangelischen kirchen in deu

und evangelikanen in us, das nur nebenbei.

aber wenn kraschl vergleichen will, dann soll er das naheliegende und in wirklichkeit einzig zulässige vergleichen.

nähmlich zwei christliche richtungen in einem land noch dazu fast gleich viele mitglieder, eine mit zölibat die anderer ohne.

apg.5.29
10
Zwei christiliche Richtungen...

...mit fast gleich vielen Mitgliedern?

Welche zwei Richtungen sollen das denn sein??????

bibliothekar
01

Da hätten sie kurz vor dem posten noch schnell auf die titelseite des Standard sehen sollen: "Pater stellte Fotos halbnackter Buben ins Internet" 05. März 2010, 19:04

igor malejewitsch pustekuchen
25

Die Geschichte am Anfang des Kommentars ist entweder erfunden oder zumindest drastisch aufgebauscht. Welche Mutter würde ihr Kind davor warnen, dass es "missbraucht" werden könnte? Wohl keine, da sie dann als nächstes erklären müsste, was "missbrauchen" heißt.

Katholische Geistliche missbrauchen Kinder 36mal seltener als nicht zölibatär lebende Männer? - Eine Fantasiezahl, die mir ebensowenig nachvollziehbar erscheint wie der Ausgangspunkt des ganzen Kommentars, wonach der Klerus nunmehr unter einem "Generalverdacht" stehe.

Und irgendwie klingt der gesamte Text nach: "Ist ja alles gar nicht so schlimm!" (trotz der pflichtschuldigen Betroffenheitsfloskeln im drittletzten Absatz).

Ein reines Ablenkungsmanöver, nicht mehr und nicht weniger!

Nick Tameer
01
Was die Häufigkeit des Missbrauchs betrifft folge man mir:

In Deutschland gab es 2007 ca. 16.000 Priester (lt. wiki, aber seit 1978 sinkend), und bei 80 Mio Bevölkerung sage 30 Mio Männer über 18 (sicher zu gering, aber sei's drum). Seit 1995 soll es lt. Artikel 210.000 Verdachtsfälle von Kindesmissbrauch in ganz Deutschland gegeben haben

So gerechnet wären bei Geistlichen ganz grob
30.000.000/16.000= 210.000/X
X=112

Verdachtsfälle zu erwarten gewesen - tatsächlich sollen es 94 gewesen sein. Setzt man die Zahlen realistischer an, dürfte sich die Zahl weiter dem statistischen Mittel näheren, wobei kriminologisch dann noch allerlei Feinjustierungen (Alterstruktur u.a.) anzubringen wären, die dann vermutlich eher zu Lasten des Klerus gingen.

bibliothekar
00

"da sie dann als nächstes erklären müsste, was 'missbrauchen' heißt." Tatsächlich interessant. Der ordensbruder scheint anzunehmen, dass jedes kind weiß, was missbraucht werden bedeutet ;)

Mehr Mehr und Mehr
00
10.3.2010, 22:54

In Österreich hat auch fast jedes Kind (am Land) Zugang zu Geistlichen.

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