Heide Pils

Geht's auch weniger hysterisch?

4. März 2010, 18:36

Plädoyer für mehr Sachlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Missbrauchsskandale

Der Ordenspriester war ein guter Freund unserer Familie, die nur aus Frauen bestand (Vater im Krieg gefallen). Wir Kinder gingen unbefangen und vertrauensvoll mit ihm um; sein spannender Religionsunterricht und seine temperamentvollen Predigten waren beliebt. Einmal besuchte ich - siebenjähriges Volksschulkind - ihn in seinem Zimmer im nahegelegenen Kloster. Plötzlich zog er mich auf seinen Schoß und bedeckte mein Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen. Das war mir extrem unangenehm, aber ich wusste nicht, wie ich mich wehren sollte; die Attacke kam zu schnell und zu heftig. Außerdem mochte ich ihn ja. Einmal sah ich in sein Gesicht, da war nichts als Verzweiflung und Not. Und ich begriff, obwohl klein und unerfahren, was mit ihm los war. Er war einfach ein armes Schwein, gepeinigt von unerfüllter Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Irgendwann ließ er von mir ab, und ich lief nach Hause. Danach bin ich ihm aus dem Weg gegangen. Erzählt habe ich niemandem davon.

Zugegeben, es war kein explizit sexueller Missbrauch (obwohl Experten durchaus als Missbrauch alles das bezeichnen, was Kinder als unangenehm empfinden, was gegen ihren Willen geschieht und wogegen sie sich nicht wehren können). Ich kann auch nicht beurteilen, ob es mir nachhaltig geschadet hat, abgesehen davon, dass ich mich noch heute mit Unbehagen daran erinnere.

Viel schlimmer allerdings ist die Erinnerung an andere Formen der Demütigung, denen man als Kind ausgesetzt ist. Beispiel Klassenzimmer: Auf dem Weg von der Bank zur Schultafel rutsche ich auf dem Holzboden aus, es prackt mich auf den Rücken und während ich mich hochrapple, ringe ich sekundenlang keuchend nach Luft. Die ganze Klasse, inklusive Lehrerin, kreischt vor Schadenfreude. Dafür gibt's allerdings keinen Paragrafen im Strafgesetzbuch. Auch nicht, wenn man von Lehrern mehr oder weniger subtil vorgeführt und lächerlich gemacht wird, etwa weil man etwas nicht versteht, weil man ungeschickt ist, weil man leicht rot wird. Es passiert ja weiter nichts, außer dass der Schulbesuch zur Qual wird. Und man kann sich auch nicht beschweren, nicht zu Hause, nicht in der Direktion, denn das würde alles nur noch schlimmer machen. Man ist einfach nur hilflos und entsetzlich einsam.

Wenn Kinder ihre Geschlechtlichkeit entdecken, zum Beispiel innerhalb von Gruppen Gleichaltriger, ist auch das nicht immer nur lustig oder spielerisch, sondern oft zotig und gewaltbetont. Gemeinsames Onanieren, Größenvergleiche, als "Doktorspiele" verharmloste Vergewaltigungsversuche. Viel Scham und Angst wird da verdrängt, weil Kinder es nicht wagen, sich zu verweigern, weil es immer jemanden gibt, der stärker ist als man selber, weil man ja zur Gruppe gehören will. Ist das weniger schlimm, nur weil es unter Gleichaltrigen geschieht?

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier keineswegs darum, den sexuellen Missbrauch an Kindern durch Erwachsene verharmlosen zu wollen oder andere Formen von Demütigung und Gewalterfahrung dagegen aufzurechnen. Jegliche Diskussion darüber, jede Maßnahme dagegen ist dringend notwendig, und die katholische Kirche, die derzeit mit den bekannt gewordenen Vergehen im Fokus der Auseinandersetzung steht, muss mit allem Nachdruck aufgefordert werden, sich der Schuld zu stellen, nach den Ursachen zu suchen und das Übel an der Wurzel zu packen.

Trotzdem hinterlässt der Umgang der Öffentlichkeit, vor allem der Medien, mit diesem Problem einiges an Unbehagen. Niemand auf der Welt ist frei von einem gewissen geilen Voyeurismus, eingestanden oder uneingestanden. Und der wird von den Medien auflagensteigernd bedient. Sex verkauft sich blendend, noch dazu in diesem Kontext. Ein katholischer Pater, igitt! Wie hat er's gemacht? Wie oft? Hat er "ihn rausgeholt" ? Hat er gefummelt? Hat er noch Schlimmeres getan? Das muss man sich einmal vorstellen! Und man stellt es sich vor ...

Ein Berufsstand steht am Pranger. Ich weiß von Priestern, die es nicht mehr wagen, einem Kind die Hand zu geben, es anzulächeln oder gar zu umarmen, weil sie Angst haben, sich verdächtig zu machen. Auch Väter stehen unter Generalverdacht. Ein Mann bringt Fotos vom Familienalltag zum Entwickeln. Zwei Tage später steht die Polizei vor seiner Tür. Eine Laborantin hat ihn angezeigt, weil auf einem der Fotos sein kleiner Sohn zu sehen ist, nackt im Plantschbecken ...

Nochmals: Sexueller Missbrauch an Kindern ist ein Verbrechen. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. Zu verurteilen ist aber auch der lüsterne Umgang der - medialen - Öffentlichkeit mit all diesen Vorgängen. Weniger Hysterie und geile Aufgeregtheit, mehr Sachlichkeit wäre zu wünschen. Der Verlust an Grundvertrauen zwischen Kindern und ihren erwachsenen Bezugspersonen - nicht nur durch sexuellen Missbrauch - ist die eigentliche Tragik. Dieses Vertrauen und den Respekt der Stärkeren vor den Schwächeren zu behüten, zu entwickeln und notfalls wiederherzustellen, muss für alle Verantwortlichen die Aufgabe der Zukunft sein. (Heide Pils, DER STANDARD - Printausgabe, 5. März 2010)

Zur Person
Heide Pils, Jahrgang 1939, ist freie Autorin und (Ex-)Filmemacherin, lebt in Wien und im Waldviertel.

Zum Weiterlesen
Kommentar der anderen: Priester unter Generalverdacht? Die Schuldzuweisungen an den zölibatären Klerus aus Sicht eines Ordensbruders - Von Dominikus Kraschl

Schwerpunkt auf derStandard.at/Panorama
Missbrauch durch Geistliche

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 94
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full fathom five
04
18.3.2010, 17:09
Die RKK

schickt jetzt alle ihre personellen "Randerscheinungen" in die Schlacht!

erwin 222
11
17.3.2010, 21:16
Wenn schon Pils,

dann ein kühles Blondes!

bildschirmkrankheit
01
17.3.2010, 20:35
die einen wiegeln auf die anderen wiegeln ab

was bleibt, ist die wahrheit

mirko burijan
02
15.3.2010, 01:55
was haben gnä' frau gegen die unerhörte botschaft der hysterie?

http://www.amazon.de/unerh%C3%... 3497015865

und: nein, es ist noch immer nicht hysterisch genug!

Gaviota
011
10.3.2010, 13:07

Ich teile das Unbehagen darüber, mit welcher geifernden Hysterie die Öffentlichkeit sich auf dieses Thema stürzt. Es hat damit zu tun, dass nicht nur die (Sexual-)Moral der katholischen Kirche, sondern der gesamten Gesellschaft verlogen und verkorkst ist. Die katholische Kirche ist nur die besonders spitze Spitze des Eisbergs.

Man kriegt irgendwie den unbehaglichen Eindruck, dass es am sexuellen Missbrauch weniger der Missbrauch ist, der schockiert, als der SEXUELLE Missbrauch. Deswegen ist es berechtigt, auf die nicht seltenen Fälle von nicht-sexuellem Machtmissbrauch durch Autoritätspersonen an Kindern hinzuweisen, die die Seele zerstören und über die sich niemand aufregt. Weil sie nichts mit Sex zu tun haben. Na dann, Gott sei Dank!

jumpingjack flash
00
21.6.2010, 13:30

der sexuelle ist aber besonders schlimm - der bleibt tiefer in der person verankert
die wahre spitze ist die familie, erst lange danach folgen kriminelle geistliche

Caput Femoris
01
20.3.2010, 20:29

Es ist immer wieder eine Freude zu sehen, dass es unter den Artikel- wie auch unter den Posterschreibern noch Leute gibt, die vernünftig und wach durch die Welt gehen.

Danke!

GRohnePunkte
33
14.3.2010, 19:31
Sehr guter Kommentar von Ihnen, grün von mir

Und sehr guter, sinnvoller und sehr wahrer Artikel von Frau Pils.

also
16
10.3.2010, 12:39
wie kann man nur

sachlich bleiben angesichts der Tatsache, dass die kath. Kirche seit Jahrhunderten schwerste Schuld auf sich geladen hat und das schlechteste Krisenmanagement aller Zeiten an den Tag legt? Ich möchte Frau Pils hören, wenn es ihre Söhne wären, die zu den Opfern zählten.

Caput Femoris
00
20.3.2010, 20:31

Es geht um Sachlichkeit im Umgang mit der Thematik. Wenn es Ihre Söhne wären, wie würde es Ihnen gefallen, in Schmierblättern über die schmutzigen Details zu lesen?

Chien de Pique
68
10.3.2010, 03:02

Danke für diesen Kommentar, eine Stimme der Vernunft im Gekreische des aufgehetzten Mobs.

zeamount
09
10.3.2010, 12:54

der "aufgehetzte mob" wäre wesentlich ruhiger, wenn die kirche nicht permanent versucht hätte, zu verleugnen und zu vertuschen und sich der staatsgewalt zu entziehen. wenn die kirche sich endlich aktiv daran beteiligen würde, die fälle aufzuklären und die täter nicht mehr zu schützen, würde die aufregung bald abklingen ...

nemo sander
09
sachlich gesehen wurden die vergewaltigungen in einrichtungen

der kath. kirche - wenn sie bekannt wurden - vertuscht und nicht angezeigt.
also bewusst kriminell zu handeln finde ich sachlich betrachtet ungesetzlich und amoralisch.

und diese leute wagen es über andere religionsgemeinschaften zu reden und mit erhobenen zeigefinger die sexualisierung der gesellschaft zu beklagen.

sachlich betrachtet, ist das die pure heuchelei.

apostata
05
staatsanwalt ist gefordert.

igenartig

Eine eigenartige Rechtsphilosophie und Auslegungspraxis schenit sich hier auszubreiten.
Im Dunstkreis der Täter wird nun eine Anlaufstelle errichtet, für einen lupenreinen Stratftatbestand, wie er bei allen anderen Bürgern des Landes zu Recht geahndet wird.
gelten die gesetze des Staates für die Kriche nicht???
Nicht die Kirche ist gefordert, sondern einzig und allein die Justiz des Landes, um hier Recht zu sprechen, oder sind wir in einer Bananenrepublik gelandet???

BastiGross
12
Guter Kommentar!

pretty1
18
Frau Pils: wie geht "mehr Sachlichkeit" bei hunderten Mißbräuchen durch Ihre katholischen "Kollegen" ???

herbert steiner1
111
die diskussion

würde anders geführt, hätte die kirche nicht die sexuelle moralethik für sich gepachtet - keine kondome in afrika, keine empfängnisverhütung, keine vorehelicher sex und was weiß ich noch alles. hier muß sich die katholische kirche - und gerade die katholische - gefallen lassen, der doppelmoral und vertuschung bezichtigt zu werden. solange die kirche vertuscht, solange sie nicht offensiv sich den problemen annimmt und solange sie an der staatsanwaltrschaft vorbei quasi ihre eigene rechtsfindung und rechtssprechung pflegt wird sie weiter den angriffen ausgesetzt sein.

nina yankow
111

priester, die eine einvernehmliche beziehung zu einer erwachsenen frau haben, werden ihres amtes enthoben, kindern wird beigebracht, onanie und homosexualität wären etwas schlimmes, abtreibung wird mit mord gleichgesetzt. aber priester, die kinder missbrauchen oder schlagen, werden einfach versetzt, oder die aussagen der opfer verharmlost (kopfnüsse waren ja nicht böse gemeint, kinder werden nur gestreichelt, weil man sie so gern hat, die täter brauchen nur ein bisschen seelsorge und religiöse buße tun) oder nicht ernstgenommen (es gibt viele opfer, die sich statt an staatsanwälte an die kirche wandten, und nicht einmal eine antwort auf ihre vorwürfe bekamen, geschweige denn konsequenzen für die täter erwarten konnten)

leser 4712
02
was macht den unterschied

eine - gewollte - umarmung, oder ein "plötzlich auf den schoß gezogen werden und mit küssen eingedeckt"?

diese diskussion darf nicht emotional abgehandelt werden, hier braucht es emotionen, damit die, die es betrifft, endlich verstehen, dass sich das nicht gehört!

egal wer: wer andere misshandelt, dem gebührt eine entsprechende bestrafung.

vorname nachname1
25
nichts neues

alle paar jahre kommt ans licht was sich hinter geschlossenen tueren der sakristei so tut. und jedenmal ein bisschen aufregung, a paar prieser werden versetzt und dann kehrt wieder ruhe ein.

wem ist nicht klar das die kath kirche ein paedophilenverein erster klasse ist? das ist ja alles kein zufall-und rom schweigt, tut nichts, und verhindert per beziehungen oder geld das ja nichts in die gerichte kommt.

und trotzdem dulden alle das diese schweine weitermachen koennen - bis in ein paar jahren wieder mal was aufgedeckt wird.

mir wird schlecht.

die naive
28

Frau Pils!
Dass Sie als Kind von einem Erwachsenen mit leidenschaftlichen Küssen konfrontiert wurden ist bedauerlich und war sicher für Sie auch eckelhaft.Was hat aber diese Ihre Erfahrung, welche Sie mit aus Ihrer Sicht noch mehr erniedrigenden Erfahrungen, nämlich Schadenfreue, vergleichen mit dem, was zu Recht als sexuellen Mißbrauch bezeichnet wird, zu tun??? Ich wäre sehr "hysterisch", wenn meine Kinder mißbraucht worden wären bzw. wenn dies meinen Enkeln geschähe! Haben Sie Kinder?

immer schön freundlich
311
mit 7 jahren?

die Kommentar-schreiberin würde gerne so emfpunden haben:

"Einmal sah ich in sein Gesicht, da war nichts als Verzweiflung und Not. Und ich begriff, obwohl klein und unerfahren, was mit ihm los war. Er war einfach ein armes Schwein, gepeinigt von unerfüllter Sehnsucht nach Zärtlichkeit."

Tatsächlich lesen wir hier doch vielmehr, wie ein weiteres unschuldiges Kind die Schuld auf sich genommen hat.

Gaviota
12
10.3.2010, 12:58

Schon mal in Betracht gezogen, dass Verstehen und Verzeihen zwei verschiedene Dinge sind?

Nicht immer geht es ausschließlich um die (banale und leicht zu beantwortende) Frage, wer Schuld hat; manchmal können andere Fragen erhellender und hilfreicher sein.

Gaviota
12
10.3.2010, 13:18

Und noch was: Manche haben vielleicht ein schlechtes Gedächtnis, doch 7-jährige Kinder verfügen zum Teil über eine erstaunliche Fähigkeit zur Erkenntnis und eine bemerkenswerte soziale Intelligenz. Kinder sind lang nicht so naiv, wie wir uns als Erwachsene einreden, dass sie sind (oder dass wir selbst gewesen sind).

Lord Chaos
00


Schönen Gruss an den Zensor. Sorry wegen der Überstunden am Freitag, die das Entfernen meiner Posts verursacht.

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