Plädoyer für mehr Sachlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Missbrauchsskandale
Der Ordenspriester war ein guter Freund unserer Familie, die nur aus Frauen bestand (Vater im Krieg gefallen). Wir Kinder gingen unbefangen und vertrauensvoll mit ihm um; sein spannender Religionsunterricht und seine temperamentvollen Predigten waren beliebt. Einmal besuchte ich - siebenjähriges Volksschulkind - ihn in seinem Zimmer im nahegelegenen Kloster. Plötzlich zog er mich auf seinen Schoß und bedeckte mein Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen. Das war mir extrem unangenehm, aber ich wusste nicht, wie ich mich wehren sollte; die Attacke kam zu schnell und zu heftig. Außerdem mochte ich ihn ja. Einmal sah ich in sein Gesicht, da war nichts als Verzweiflung und Not. Und ich begriff, obwohl klein und unerfahren, was mit ihm los war. Er war einfach ein armes Schwein, gepeinigt von unerfüllter Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Irgendwann ließ er von mir ab, und ich lief nach Hause. Danach bin ich ihm aus dem Weg gegangen. Erzählt habe ich niemandem davon.
Zugegeben, es war kein explizit sexueller Missbrauch (obwohl Experten durchaus als Missbrauch alles das bezeichnen, was Kinder als unangenehm empfinden, was gegen ihren Willen geschieht und wogegen sie sich nicht wehren können). Ich kann auch nicht beurteilen, ob es mir nachhaltig geschadet hat, abgesehen davon, dass ich mich noch heute mit Unbehagen daran erinnere.
Viel schlimmer allerdings ist die Erinnerung an andere Formen der Demütigung, denen man als Kind ausgesetzt ist. Beispiel Klassenzimmer: Auf dem Weg von der Bank zur Schultafel rutsche ich auf dem Holzboden aus, es prackt mich auf den Rücken und während ich mich hochrapple, ringe ich sekundenlang keuchend nach Luft. Die ganze Klasse, inklusive Lehrerin, kreischt vor Schadenfreude. Dafür gibt's allerdings keinen Paragrafen im Strafgesetzbuch. Auch nicht, wenn man von Lehrern mehr oder weniger subtil vorgeführt und lächerlich gemacht wird, etwa weil man etwas nicht versteht, weil man ungeschickt ist, weil man leicht rot wird. Es passiert ja weiter nichts, außer dass der Schulbesuch zur Qual wird. Und man kann sich auch nicht beschweren, nicht zu Hause, nicht in der Direktion, denn das würde alles nur noch schlimmer machen. Man ist einfach nur hilflos und entsetzlich einsam.
Wenn Kinder ihre Geschlechtlichkeit entdecken, zum Beispiel innerhalb von Gruppen Gleichaltriger, ist auch das nicht immer nur lustig oder spielerisch, sondern oft zotig und gewaltbetont. Gemeinsames Onanieren, Größenvergleiche, als "Doktorspiele" verharmloste Vergewaltigungsversuche. Viel Scham und Angst wird da verdrängt, weil Kinder es nicht wagen, sich zu verweigern, weil es immer jemanden gibt, der stärker ist als man selber, weil man ja zur Gruppe gehören will. Ist das weniger schlimm, nur weil es unter Gleichaltrigen geschieht?
Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier keineswegs darum, den sexuellen Missbrauch an Kindern durch Erwachsene verharmlosen zu wollen oder andere Formen von Demütigung und Gewalterfahrung dagegen aufzurechnen. Jegliche Diskussion darüber, jede Maßnahme dagegen ist dringend notwendig, und die katholische Kirche, die derzeit mit den bekannt gewordenen Vergehen im Fokus der Auseinandersetzung steht, muss mit allem Nachdruck aufgefordert werden, sich der Schuld zu stellen, nach den Ursachen zu suchen und das Übel an der Wurzel zu packen.
Trotzdem hinterlässt der Umgang der Öffentlichkeit, vor allem der Medien, mit diesem Problem einiges an Unbehagen. Niemand auf der Welt ist frei von einem gewissen geilen Voyeurismus, eingestanden oder uneingestanden. Und der wird von den Medien auflagensteigernd bedient. Sex verkauft sich blendend, noch dazu in diesem Kontext. Ein katholischer Pater, igitt! Wie hat er's gemacht? Wie oft? Hat er "ihn rausgeholt" ? Hat er gefummelt? Hat er noch Schlimmeres getan? Das muss man sich einmal vorstellen! Und man stellt es sich vor ...
Ein Berufsstand steht am Pranger. Ich weiß von Priestern, die es nicht mehr wagen, einem Kind die Hand zu geben, es anzulächeln oder gar zu umarmen, weil sie Angst haben, sich verdächtig zu machen. Auch Väter stehen unter Generalverdacht. Ein Mann bringt Fotos vom Familienalltag zum Entwickeln. Zwei Tage später steht die Polizei vor seiner Tür. Eine Laborantin hat ihn angezeigt, weil auf einem der Fotos sein kleiner Sohn zu sehen ist, nackt im Plantschbecken ...
Nochmals: Sexueller Missbrauch an Kindern ist ein Verbrechen. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. Zu verurteilen ist aber auch der lüsterne Umgang der - medialen - Öffentlichkeit mit all diesen Vorgängen. Weniger Hysterie und geile Aufgeregtheit, mehr Sachlichkeit wäre zu wünschen. Der Verlust an Grundvertrauen zwischen Kindern und ihren erwachsenen Bezugspersonen - nicht nur durch sexuellen Missbrauch - ist die eigentliche Tragik. Dieses Vertrauen und den Respekt der Stärkeren vor den Schwächeren zu behüten, zu entwickeln und notfalls wiederherzustellen, muss für alle Verantwortlichen die Aufgabe der Zukunft sein. (Heide Pils, DER STANDARD - Printausgabe, 5. März 2010)