Ost-Investitionen drastisch eingebrochen

4. März 2010, 17:21
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Im Vorjahr haben heimische Firmen nur noch 0,7 Milliarden in mittel- und osteuropäischen Ländern investiert, die Talsohle in CEE scheint durchschritten

Wien - Die Talsohle der Krise in Mittel- und Osteuropa (CEE) ist nach Ansicht des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) Ende 2009 durchschritten worden. "Das Schlimmste ist vorbei, aber leider auch das Beste", kommentierte WIIW-Experte Peter Havlik bei der Vorstellung der aktuellen Prognose für die CEE-Region. Für heuer erwarten die Wirtschaftsforscher eine Stagnation der Region, das Wachstum soll wieder 2012 einsetzen - allerdings auf niedrigerem Niveau als vor der Krise. Danach wird ein Wachstumsvorsprung der CEE-Staaten gegenüber Westeuropa von 2 Prozentpunkten erwartet.

Havlik betonte, dass die Wirtschaftsentwicklung der Region von der Weltwirtschaft abhänge, die von großen Unsicherheiten betroffen sei. Dies zeigten auch internationale Prognosen, die für heuer eine große Bandbreite aufweisen - von keinem Wachstum bis zu einem BIP-Plus von 5 Prozent. Dazu komme, dass der wichtigste Handelspartner der Region, die Eurozone, selbst unter wirtschaftlichen Druck steht. Fast alle EU-Staaten erfüllen derzeit die EU-Maastrichtkriterien nicht. Daher dürften die Regierungen Sparprogramme fahren müssen, was sich wieder auf das Wachstumspotenzial der CEE-Staaten auswirkt.

Rezession tiefer als angenommen

Die Rezession in Osteuropa sei tiefer ausgefallen als bisher angenommen. Am stärksten waren das Baltikum und Ungarn betroffen. So brach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Lettland im Vorjahr um 19 Prozent ein. Heuer dürfte die lettische Wirtschaft weiter schrumpfen, allerdings deutlich langsamer (-4,5 Prozent). Das Land wird durch die Wirtschaftskrise mindestens zehn Jahre bei seiner wirtschaftlichen Entwicklung verlieren. Ungarn kommt mit einem massiven Sparprogramm heuer wahrscheinlich auf eine Stagnation, nachdem das BIP im Vorjahr um 6,5 Prozent einbrach. Beim Vergleich der Wirtschaftsleistung pro Kopf haben die Slowenen und die Tschechen gute Chancen, 2020 das durchschnittliche EU-Niveau zu erreichen.

Die Krise hat erwartungsgemäß auch die Situation auf den Arbeitsmärkten in der Region weiter verschärft. Darunter leiden besonders die niedrigqualifizierten Arbeitskräfte, die auch während der Boomphase zwischen 2002 und 2007 nicht vom Aufschwung profitieren konnten. So wird die Arbeitslosenquote in den zehn neuen EU-Mitgliedstaaten von 6,5 Prozent im Jahr 2008 auf heuer knapp über 10 Prozent steigen. 2010 wird nach Einschätzung des WIIW auch der Höhepunkt der Krise am Arbeitsmarkt werden. Eine Entspannung erwarten die Wirtschaftsforscher erst mit dem Einsetzen des Wirtschaftswachstums ab 2012.

Einbruch der Auslandsinvestitionen

Zu diesen negativen Folgen der Wirtschaftskrise kam im Vorjahr auch ein deutlicher Einbruch der ausländischen Direktinvestitionen (FDI) in den CEE-Staaten hinzu - in Slowenien, Ungarn und der Slowakei gab es 2009 überhaupt keine Investitionen aus dem Ausland. Dies wird sich in den kommenden Jahren aber nur langsam wieder erholen, betonte Havlik. Ungarn-Experte Sandor Richter betonte, dass die EU-Fördertöpfe eine wichtige Rolle für Investitionen in die Infrastruktur hätten. Sie nehmen im Zeitraum 2007 bis 2013 zu und verursachen in Gegensatz zu staatlichen Investitionen keine neuen Schulden für den Staatshaushalt. Schätzungen zufolge können sie bis zu 2 Prozent des BIP erreichen.

Nicht mit Griechenland vergleichbar

Trotz der steigenden Staatsverschuldungen ortet WIW-Forschungsdirektor Michael Landesmann keinen fiskalpolitischen Druck in der Region wie derzeit bei Griechenland, dessen Schuldenstand bereits 120 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) übersteigt. Die meisten CEE-Staaten weisen eine Staatsverschuldung von unter 60 Prozent auf. Eine Ausnahme bildet lediglich Ungarn, dass bei rund 80 Prozent liegt. "Die Situation der CEE-Länder ist mit jener Griechenlands in keinster Weise vergleichbar", betonte Landesmann.

Als ein mögliches künftiges Wachstumsmodell sieht Landesmann die noch stärkere Orientierung auf die Exportwirtschaft in der Region. Das bisherige Wachstumsmodell, das vor der Krise gut geklappt habe und auf der EU-Integration der Region aufbaut, dürfte sich in einige Punkten wesentlich ändern, so Landesmann. So rechnen die Wirtschaftsforscher etwa mit einer steigenden Sparquote der Privathaushalte in der Region. Durch die Griechenland-Krise dürfte auch der Beitritt zur Eurozone schwieriger werden. Derzeit erfüllen nur Estland und Bulgarien die Maastrichtkriterien. Daher müsste die Wirtschaftspolitik der CEE-Länder antizyklisch agieren und etwa die Finanzmärkte stärker regulieren, da etwa die nationalen Aufsichtsbehörden die Kreditvergabe offensichtlich nicht unter Kontrolle hätten.

Der Aufholprozess in der Region wurde durch die Wirtschaftskrise unterbrochen, außer in Polen: Dort wird das BIP pro Kopf nach Kaufkraftparitäten heuer gegenüber dem Vorjahr am stärksten von den zehn neuen osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten steigen - um 400 Euro auf 15.000 Euro, geht aus der Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hervor. Im Gegensatz dazu erwarten die Balten deutliche Einbußen: Die Letten verlieren heuer pro Kopf um 500 Euro auf 11.400 Euro. Die ebenfalls von der Wirtschaftskrise hart getroffenen Ungarn können das BIP pro Kopf vom Vorjahr in der Höhe von 15.300 halten.

Heimische Ost-Investitionen eingebrochen

Auch die Investitionstätigkeit österreichischer Unternehmen in Mittel- und Osteuropa (CEE) ist im Vorjahr drastisch eingebrochen. In den ersten drei Quartalen 2009 haben heimische Firmen nur noch 0,7 Mrd. Euro in mittel- und osteuropäischen Ländern investiert. Im Vergleichszeitraum 2008 wurden noch 7,6 Mrd. Euro in die Hand genommen. Die Investitionsbereitschaft ist damit im vergangenen Jahr etwa auf den Wert von 1998 zurückgefallen, als 800 Mio. Euro in CEE investiert wurden, geht aus einer Wifo-Studie hervor.

Getragen wurde die Investitionstätigkeit vor allem durch die Ostbeteiligungen österreichischer Banken und Versicherungen, des Einzelhandels und der Unternehmensdienste. 2007 entfiel bereits mehr als die Hälfte des Direktinvestitionsbestandes in CEE auf den Finanzsektor. Krisenbedingt haben die Investitionen bereits im Verlauf des Jahres 2008 an Dynamik verloren und sind im Jahr 2009 komplett eingebrochen.

Steil bergauf ab 2000

In den Jahren ab 2000 legten die Investitionen in den aufstrebenden Märkten in Mittel- und Osteuropa kontinuierlich zu. Österreichische Unternehmen erkannten die Chance, expandierten und gründeten Tochterunternehmen in CEE. Allein von 2000 und 2005 erhöhten sich die jährlichen Investitionen von 2,5 Mrd. Euro auf über 5 Mrd. Euro und erreichten im Jahr 2008 10,1 Mrd. Euro.

2007 betrug der Anteil Österreichs an allen ausländischen Direktinvestitionen in Mittel- und Osteuropa 8 Prozent. Eine aktuelle Zahl liegt nicht vor. Studienautorin Yvonne Wolfmayr vermutet aber, dass dieser Anteil auch im Jahr 2009 gleich geblieben sein dürfte, wie sie der APA sagte. Unternehmen anderer Länder seien genauso vorsichtig gewesen, wodurch sie keine Marktanteile dazu gewonnen hätten.

Im Jahr 2007 waren rund 408.000 Personen in den Tochterunternehmen österreichischer Investoren in CEE beschäftigt, das entspricht rund 12 Prozent aller Beschäftigten in Österreich. (APA)

  • Die Investitionsbereitschaft ist im vergangenen Jahr etwa auf den Wert von 1998 zurückgefallen.
    foto: bruckner

    Die Investitionsbereitschaft ist im vergangenen Jahr etwa auf den Wert von 1998 zurückgefallen.

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