"Die Kunst verbreitet sich wie die Schweinegrippe"

4. März 2010, 15:51
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Die Istanbuler Galeristin Yeşim Turanlı über den jungen Kunstmarkt in der Kulturhauptstadt

Die Kulturhauptstadt 2010 Istanbul ist eine attraktive Metropole, und das gilt auch und gerade für den Kunstsektor: Das Interesse europäischer Kunstsammler boomt, ebenso der türkische Kunstmarkt. Dass das nicht immer so war, weiß Yeşim Turanlı zu berichten, die Besitzerin von "Piartworks", einer Galerie für zeitgenössische Kunst. "Im Jahr 1998 kehrte ich nach meinem Studium aus den USA zurück und eröffnete meine Galerie, die in diesem Stadtteil eine der ersten war. Der Kunstmarkt war damals noch gar nicht etabliert, es gab keine Beziehungen zwischen Künstlern und Galeristen, die meisten Künstler verkauften direkt aus ihrem Atelier. Unkonventionelle Ausdrucksmedien stießen damals kaum auf Begeisterung, die Leute wollten klassische Ölgemälde auf Leinwand sehen, und nichts anderes", erklärt Turanlı.

Kunstmarkt als Spielwiese für Privatsammler 

Nach 2004 ging es dann Schlag auf Schlag: Alte Galerien sperrten zu und machten neuen Platz. Turanlı erhielt Unterstützung von fünf privaten Sammlern und konnte richtig durchstarten. Der Istanbuler Kunstmarkt entwickelte sich dynamisch, heute beherbergt die Metropole am Bosporus rund 100 eingetragene Galerien. Knapp 20 davon stellen moderne Kunst aus, was für eine Stadt mit 17 Millionen Einwohnern nicht viel ist, aber laut Turanlı ist das Wachstumspotential noch lange nicht ausgeschöpft. 

Der türkische Kunstmarkt speist sich weitgehend aus privaten Mitteln: Galeristen und Sammler finanzieren den An- und Verkauf von Kunst privat, es gibt de facto keine staatliche Unterstützung, und auch keine steuerlichen Vergünstigungen für den Export und Import von Kunstwerken. 

Von Köln nach Hong Kong 

Im weltweiten Kunstmarkt ortet Turanlı eine Verschiebung des Schwerpunkts von Westeuropa in den nahen Osten, nach China und Indien: "Lange Zeit war in der Kunstwelt alles sehr verwestlicht. Inzwischen wird die Kunst, die in anderen Weltgegenden entsteht, immer sichtbarer. Die Deutsche Bank hat ihre Sponsorentätigkeit aus der Kölner Art Cologne abgezogen und ist jetzt an der Art Hong Kong beteiligt. Das ist ein bedeutender Indikator dafür, wo sich jetzt alles abspielt", erklärt die Galeristin. 

Der Kunst ihre Grenzen... 

Regionales Denken sei in der Kunst aber letztlich zweitrangig, so Turanlı: "Auch wenn Kunstwerke in einer bestimmten Gegend entstehen, sind die Themen der Kunst immer global und universal. Die Kunstwelt ist wesentlich offener als die Politik. Kunst verbreitet sich wie die Schweinegrippe, sie kennt keine Grenzen." Umgekehrt kennen die Grenzen sehr wohl die Künstler. Immer wieder würden internationale Kunstprojekte an simplen Visaformalitäten scheitern, berichtet die Galeristin. So sei es im Rahmen der Ausstellung "Istanbul Next Wave" in Berlin schwierig gewesen, Visa für die teilnehmenden türkischen Künstler zu erhalten, weil seitens der Bürokratie doch immer der Generalverdacht im Raum stand: "Wird diese Person versuchen zu emigrieren?" Bei der Art Frankfurt 2004 mussten die türkischen TeilnehmerInnen ihr Diplom vorweisen, dabei haben KünstlerInnen nicht zwingenderweise einen Kunsthochschulabschluss.

Bezüglich ihrer eigenen Rückkehr in die Türkei nach dem Auslandsaufenthalt in den USA erzählt Turanlı, sie habe sehr wohl mit dem Gedanken gespielt, eine Galerie in New York zu eröffnen. "Aber mir war klar, in spätestens einem halben Jahr wäre ich bankrott", schmunzelt sie. In Istanbul aktiv zu werden, war für die studierte Mathematikerin aber in erster Linie ein inhaltliches Anliegen: "Ich wollte immer etwas für die türkischen Künstler tun und den lokalen Markt entwickeln." 

Kunst in Zeiten der Wirtschaftskrise

Die globale Wirtschaftskrise sei in der Türkei nicht so stark spürbar wie in Westeuropa, vielleicht auch deshalb, weil man Krisen und Inflation einfach schon gewöhnt sei. Türkische Sammler hätten auch großes Interesse an internationaler Kunst und würden auch im Ausland einkaufen. "Dabei ist die Türkei ein nationalistischer und konservativer Staat. Aber die Kunstwelt funktioniert eben anders", so Turanlı. 

Welle der Rückkehr

Derzeit betreut Piartworks unter anderem einen von jenen türkischen Künstlern, die nach langen Auslandsaufenthalten wieder am türkischen Markt Fuß fassen wollen, den in Wien lebenden Maler Cemal Gürsel Soyel. Diese Welle der Rückkehr türkischer Künstler nach Istanbul stellt dem türkischen Kunstmarkt ein gutes Zeugnis aus. Turanlı: "In den Fünfzigern gab es unter den türkischen Künstlern die Tendenz, westliche Kunst zu reproduzieren. Später wurden sie selbstbewusster und hörten auf, sich an europäischen Standards zu orientieren. Mit der Zeit entstanden intimere, authentischere und kräftigere Arbeiten, die zugleich universaler waren, weil sie mehr Seele hatten. Dadurch wurden die Werke auch für ausländische Sammler attraktiver - es hat einfach funktioniert!"

  • Die Galeristin Yesim Turanli neben einem Bild des in Wien lebenden Malers Cemal Gürsel Soyel.
    foto: mascha dabic

    Die Galeristin Yesim Turanli neben einem Bild des in Wien lebenden Malers Cemal Gürsel Soyel.

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