Ein fetter Schmöker

4. März 2010, 17:03
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Zuerst eine Geduldsprüfung, nun ein Epos: Die US-amerikanische Singer-Songwriterin Joanna Newsom veröffentlicht das Dreifachalbum "Have One On Me"

Bereits die Gerüchte vor Erscheinen des neuen Albums von Joanna Newsom ließen einen zart erschaudern. Es sei weniger ein Album, sondern ein Triptychon, ein Dreifachalbum mit einer Spiellänge von mehr als zwei Stunden. Das ist in Zeiten des Einzellieddownloads und entsprechend verknappten Aufnahmespannen ein nachgerade punkrockradikales Statement, das Menschen, die musikalisch vom Albumformat sozialisiert wurden, prinzipiell Sympathie und Respekt abringt. Einerseits. Andererseits klingt noch das letzte Album Ys von vor zwei Jahren nach, auf dem die US-amerikanische Singersongwriterin eine Harfenüberdosis kredenzte. Für dieses Werk konnten sich zwar die Lyrikfreunde im Feuilleton erwärmen, das Album war aber schon auch und vor allem eine Geduldsprobe. Spröder Kammerfolk, entrückte Texte, Öllampenlicht, Herbstlaub. Und jetzt also ein Zweistünder. Bistdudeppert!

Aber nicht. Newsom hat sich für das auf drei CDs beziehungsweise drei Schallplatten angelegte Have One On Me formal breiter aufgestellt als auf ihrem Vorgänger. Und schon der joviale, zum Getränk rufende Titel des Werks verweist auf eine etwas fröhlichere Grundstimmung, die dann tatsächlich von einigen durchaus humorigen Texten eingelöst wird. Neben der gezupften Harfe der Hauptdarstellerin kommt behutsam ein Schlagzeug zum Einsatz, Streicher greinen, Mandolinen aus bulgarischen Instrumentenbauerhänden werden angeschlagen, dazu Akustikgitarren und ein Piano gedrückt. Damit formt Newsom Miniaturen an der Dreiminutenmarke ebenso wie ausufernde Zehnminüter. Gemein ist allen 18 Stücken ihre hermetische Anmutung. Newsom schreibt nicht nur Folksongs, sie errichtet Gegenwelten. In diesen tauchen Stimmungen auf, die so alt sind wie jene Lieder, die europäische Emigranten in den Appalachen auf die Verheißungen der Neuen Welt angestimmt haben. Stücke, in denen immer auch Wehmut über das Verlassen der Alten Welt mitschwingt.

Wie eine bleiche Fee durchschwebt Newsom so die Zeiten und Welten. Dabei scheint die erst 28-Jährige von der 1993 verstorbenen und erst vor wenigen Jahren wiederentdeckten Folksängerin Karen Dalton wie ein Schatten begleitet zu werden. Dalton, in den 1960ern eine Freundin von Fred Neil und Bob Dylan, bereitete in ihren frühen, vom Soul noch weitgehend freien Folksongs die Blueprints für Have One On Me. Auch wenn Dalton, die von der Welt vergessen als Obdachlose starb, die kräftigere Stimme besaß.

Newsom ihrerseits verfügt über ein kindlich anmutendes Organ, das zwischen belegter Daisy Duck bis zum leicht anzüglichen Lolita-Vibrato reicht, aber in Stücken wie dem finalen Does Not Suffice durchschimmern lässt, dass sie einiges auf Lager hätte, das auch in Richtung Westernsaloon oder Barjazz gehen könnte. Allein, sie besteht auf dem hellen, klaren Tonfall, in den sich bestenfalls ein leises Schmollen schleicht. Wie alltagstauglich dieses Album ist - schwierig. Newsom ist keine Nebenbei-Künstlerin, ihre Musik muss man sich (hart) erarbeiten. Im günstigsten Fall nimmt man sich für Have One On Me zwei Wochen Urlaub, fährt von der Stadt aufs Land, genießt die Abgeschiedenheit und das Alleinsein und schmökert sich durchs Album. Have One On Me hat tatsächlich etwas von einem Buch, von einer epischen Erzählung, die es sich leistet, sich in Nebenhandlungen zu verlieren, ohne das große Gesamte aus dem Auge zu verlieren. Das macht Meisterwerke letztlich aus, auch wenn sie (zuerst) zähe Brocken sind. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 5.3.2010)

 

Joanna Newsom: Have One On Me (Drag City / Trost)

  • Ein seltsames Wesen zwischen den Zeiten und Welten: Joanna Newsom.
    foto: trost

    Ein seltsames Wesen zwischen den Zeiten und Welten: Joanna Newsom.

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