Elite öffne dich

4. März 2010, 12:11
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Die französischen Elite-Unis stehen unter politischem Druck, sich für sozial schwache Schichten zu öffnen

Paris/Lyon/Wien - Die "soziale Durchlässigkeit" ist ein Begriff, der nicht nur Österreich beschäftigt. In Frankreich kämpft man mit gleichen Problemen. Paradox daran: Die Voraussetzungen für eine soziale Durchmischung scheinen durch fehlende Studiengebühren und eine hohe Maturantenquote zumindest ansatzweise gegeben.

Doch gerade weil die Universitäten gestürmt werden - derzeit gibt es 2,2 Millionen Studierende - verdecken dunkle Wolken die Sonne über dem vermeintlichen Paradies, in dem Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit die obersten Gebote sind.

Denn Sprösslinge aus bildungsnahen Schichten werden traditionell anderwertig untergebracht: in Grandes écoles. Sie sind die Eliteuniversitäten des Landes, wird doch nur Studierenden mit souverän gemeisterter Aufnahmeprüfung Zugang gewährt. Davor werden Vorbereitungsklassen besucht. Bereits hier erfolgt eine Vorselektion: Für Klassen, die von den öffentlichen Gymnasien angeboten werden, belaufen sich die Kosten auf etwa 100 Euro jährlich, für private Vorbereitungskurse braucht es einen tieferen Griff in die Tasche: Bis zu 6000 Euro sind hier gefragt.

Auch bei erfolgreicher Absolvierung der Prüfungen wird man weiter zur Kassa gebeten - je nach Elite-Uni berappt man einige tausend Euro jährlich. Dafür werden die Absolventen von der Arbeitswelt mit Handkuss erwartet.

Doch nun soll Schluss damit sein, dass vor allem bildungsstärkere Schichten, eine Minderheit von etwa zehn Prozent, profitieren. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy höchstpersönlich ließ das Land aufhorchen. "Ein Land, das seine Eliten aus zehn Prozent seiner Bevölkerung rekrutiert, ist ein Land, das auf 90 Prozent seiner Intelligenz verzichtet", sagte er Ende Jänner zu den Medien.

30 Prozent der Plätze sollen für jene reserviert werden, die finanziell vom Staat unterstützt werden, damit sie sich die Elite-Unis finanziell leisten können. Es handelt sich dabei um eine Zielvorgabe und keine festgelegte Quote, dennoch wurde sie heftig diskutiert. Noch kann man davon nur träumen. Denn für Alain Storck, Leiter der Elite-Uni Institut Nationale des Sciences Appliquées in Lyon, sind es nur "künstliche Ziele", die innerhalb kurzer Zeit erreicht werden sollen: "Spontan auf 30 Prozent Stipendiaten zu kommen geht nicht. Manche haben 50, manche nur 15 Prozent."
Soziale Öffnung erwünscht

Logische Schlussfolgerung: Es muss zu einer Aufweichung der einheitlichen Zulassungsprüfungen kommen, die manchen Elite-Unis den Ruf bescheren, unter "Konservatismus" zu leiden. Gleichwohl hängt die Furcht in der Luft, eine soziale Durchmischung wäre nur möglich, würde man das Niveau senken. "Ein Irrtum", ist Storck, der eine "soziale Öffnung" unterstützt, überzeugt. "Stipendiaten sind nicht schlechter, man muss sie nur unterstützen, damit sie die gleichen Chancen haben", so seine Vision. Und auch für die Soziologin Marie Durut-Bellat besteht kein Grund zur Sorge, könnten die Grandes écoles doch "die Studenten in der Ausbildung verstärkt fordern".

Begleitende Tutorien und aktives Rekrutieren lauten also die Devisen. Denn während in den USA "affirmative actions" laufen, die ethnische Minderheiten etwa mit Fragen zu ihren Sprachkenntnissen bevorzugen, kommt eine derartige Lösung - in Anlehnung an die vielgepriesene Gleichheit - hier nicht infrage. Pierre Tapis, Präsident der Konferenz der Elite-Unis, betont: "Alle Kandidaten sollen nach denselben Qualitätskriterien selektioniert werden, das ist der Verdienst der Demokratie." (Christoph Mayerhofer/Sophie Niedenzu, DER STANDARD, 04.03.2010)

  • Die Grandes écoles sorgen derzeit für Wirbel. Im Zuge der angestrebten Öffnung für Stipendiaten - 30 Prozent sollen es mindestens sein -  werden Niveauverluste befürchtet.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Die Grandes écoles sorgen derzeit für Wirbel. Im Zuge der angestrebten Öffnung für Stipendiaten - 30 Prozent sollen es mindestens sein -  werden Niveauverluste befürchtet.

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