Minority Report als Basis für Vorratsdatenspeicherung

4. März 2010, 11:19
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Wissen zu wollen, wer Täter werden könnte - "Präkognition" in der Sprache von Minority Report

In Steven Spielbergs Science-Fiction-Film Minority Report geht es um eine Zukunft, in der die Polizei mithilfe in ständiger Trance gehaltener menschlicher Medien Verbrechen voraussehen kann - und einschreitet, bevor das Verbrechen passiert ist. Diese Fantasie ist eigentlich die Grundlage für die "Vorratsdatenspeicherung".

"Schwere Gefahren abwehren"

Daten über die Telefon-, E-Mail- und Internetnutzung sollen nach EU-Vorschrift mindestens sechs Monate lang aufgehoben und Polizei und Geheimdiensten zur Verfügung stehen. Um Straftaten aufzuklären, vor allem aber: um "schwere Gefahren abzuwehren". Wissen zu wollen, wer Täter werden könnte - "Präkognition" in der Sprache von Minority Report. Das deutsche Verfassungsgericht hat allen EU-Bürgern einen Gefallen getan, das deutsche Gesetz gekippt und damit alle EU-Staaten zum Nachdenken gezwungen, was Datenschutz in der Ära von Google bedeutet.

Datenberg wächst und wächst

Denn auch wenn diese Speicherung auf "Vorrat" nicht mehr erlaubt ist, bleibt ein Faktum: Der von uns freiwillig und unfreiwillig erzeugte Datenberg wächst mit jedem Tastenanschlag, mit dem diese Zeilen geschrieben, im Netz abgerufen oder die Zeitung von Registrierkassen erfasst und mit Zahlungsdaten abgeglichen werden kann. Es gibt viele Gründe, warum auch ohne "Vorratsspeicherung" Daten en masse gespeichert werden. Die Telekom-Provider müssen Verbindungsdaten schon allein wegen des Rechnungsnachweises sechs Monate aufheben. Finanzinstitute haben ähnliche Gründe, Daten aufzuheben. Oder E-Mails, soziale Netzwerke oder Internetgewohnheiten: Natürlich wollen die Betreiber mit den Daten Werbung ermöglichen. Aber wir sind fleißige freiwillige Lieferanten: Denn so wie ein guter Buchhändler weiß, welche der zahlreichen Neuerscheinungen seine Stammkundschaft interessieren könnte, können die Maschinen am anderen Ende dank früherer Daten bessere Antworten liefern. Wie also umgehen mit dieser fortwährenden Datenerzeugung, die gegen uns missbraucht werden kann?

Daten wieder löschen

Der Internet-Rechtsexperte Viktor Mayer-Schönberger macht einen provokanten Vorschlag gegen die "ewige Erinnerung" der Netze: Delete - die Möglichkeit für Benutzer, Informationen wieder aus dem digitalen Gedächtnis zu streichen oder mit einem Ablaufdatum zu versehen. Glücklich ist, wer vergisst? Für viele belanglose, peinliche, bösartige oder falsche Information wäre das eine wunderbare Option - bloß, wer soll darüber bestimmen, dass Monica Lewinsky aus der kollektiven Erinnerung an Bill Clinton gestrichen wird? Das Vergessen, ist zu befürchten, wird uns nicht geschenkt, im Gegenteil: Mit jeder neuen Technologie perfektioniert der Mensch seine Sammelwut, wovon riesige Tief- und Datenspeicher in aller Welt zeugen. Die deutschen Verfassungsrichter haben uns indes gezeigt, was derzeit vordringlich ist: Den Staat an eine kurze Leine zu legen, was den Zugriff auf die unvermeidlich anfallenden Datenberge betrifft. Vor allem der Wunsch nach "Präkognition" führt schnell zu voraussehbarem Unheil.(Helmut Spudich/STANDARD, Printausgabe vom 4.3.2010)

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