Fantasielos und blutleer: Tim Burtons "Alice im Wunderland"

4. März 2010, 11:11
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Tricktechnisch faszinierende Bilderflut gerinnt zur oberflächlichen Emanzipationsstory

 Weit mehr als 20 Filmadaptionen werden gelistet, wenn man nach "Alice im Wunderland" sucht. Damit gilt das Kinderbuch des britischen Schriftstellers Lewis Carroll als einer der meist bearbeiteten Stoffe des 19. Jahrhunderts - und mit seinen wahnwitzigen Bilderwelten und surrealen Figuren eigentlich als gefundenes Fressen für einen Regisseur wie Tim Burton. Doch die von Fans schon heiß ersehnte 3D-Version des Klassikers - ab Donnerstag im Kino - geriet seltsam blutleer und als feministisches Plädoyer für die Fantasie schlicht zu fantasielos.

"Alice hinter den Spiegeln"

Dass Alice überhaupt einen feministischen Touch bekommt, liegt im Wesentlichen am Drehbuch von Linda Woolverton, die auf Motiven aus "Alice im Wunderland" und der Fortsetzung "Alice hinter den Spiegeln" aufsetzt und eine viktorianische Emanzipationsmär erzählt. Im Zentrum steht die 19-jährige Alice Kingsley, die ihre Abenteuer im Wunderland längst vergessen hat, aber noch von den Erlebnissen von damals träumt. Als sie auf einer adelig-spießigen Gartenparty einen Heiratsantrag bekommt, folgt sie lieber einem weißen Kaninchen - was sie unversehens wieder in die Welt der roten und der weißen Königin führt.

In "Unterland", das Alice einst nur als "Wunderland" missverstand, wird ihr eine Mission prophezeit: Sie muss den Jabberwocky-Drachen töten und die rote Königin stürzen. Doch in der Überzeugung, sich nur in einem Traum zu befinden, geht Alice eigensinnig ihren eigenen Weg durch die schauerromantische und tricktechnisch faszinierende Bilderflut - von der eingerauchten Raupe über den verrückten Hutmacher bis hin zum Schloss der roten Königin, die mit ihrem Lieblingssatz "Ab mit dem Kopf!" ein Schreckensregime führt. Nach dem Showdown am schachbrettartigen Schlachtfeld kehrt Alice dann auch flott und viel selbstbewusster wieder in die reale Welt zurück.

"Wie kann ich das nur wieder Hut machen?"

"Wie kann ich das nur wieder Hut machen?" fragt sich Johnny Depp einmal in der Rolle des Hutmachers - viel mehr blieb von Lewis Carrolls wortwitziger Vorlage nicht übrig. Auch die surreale Stimmung des Buches wird bei Burton von Spezialeffekten und 3D-Effekten komplett zugepflastert, um Live-Action und Trickfilm möglichst nahtlos ineinander übergehen zu lassen. Vorab hatte er erklärt, dass er nicht nur ein Mädchen zeigen wolle, das von einer verrückten Figur zur nächsten laufe, sondern Alice mehr emotionale Tiefe geben wolle.

Das ist dem Regisseur leider nicht gelungen. Mag es daran liegen, dass Burton zum ersten Mal überhaupt mit Greenscreen arbeitete oder das weichgespülte Drehbuch die Liebe zum Detail vermissen lässt, dem Wunderland ist auf jeden Fall die Seele abhandengekommen. Auch Helena Bonham Carter und Anne Hathaway als konträre Königsschwestern bleiben an der Oberfläche angesiedelt; und die australische Newcomerin Mia Wasikowska in der Titelrolle macht ihre Sache zwar gut, dient aber vor allem als selbstbewusste Identifikationsfigur für junge Mädchen. Schade - aber Burtons "Alice" ist schlussendlich nicht mehr als eine brave, hübsche Auftragsarbeit für Disney. (APA)

 

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