Sprachforschung: Aus Alt mach Neu

4. März 2010, 17:16
40 Postings

Die alten, vom Aussterben bedrohten Sprachen Mansisch und Chantisch werden digitalisiert und analysiert, um neue linguistische Theorien zu entwickeln

Die Sprachenvielfalt der Welt wird sich in den nächsten Jahrzehnten noch einmal dramatisch reduzieren, sagen Experten voraus. Schätzungen zufolge gibt es weltweit zwischen 6.000 und 7.000 Sprachen, wovon - zumindest bis zu einem bestimmten Grad - rund 60 bis 80 Prozent gefährdet sein sollen. Weil es über viele exotische Sprachen nur wenig Information gibt und die Grenze zwischen Sprache und Dialekt häufig unklar ist, kann es diesbezüglich nur Schätzungen geben. 

Entwicklung linguistischer Theorien

Das EU-Programm "EuroBABEL" (Better Analyses Based on Endangered Languages) widmet sich vom Aussterben bedrohten Sprachen. Sie werden aufgezeichnet, digitalisiert und analysiert, um sie für die Nachwelt und die Forschung zu bewahren. Das EU-Programm hebt sich explizit von bereits bestehenden Methoden der Dokumentation von Sprache ab. Denn: Man will die generierten Daten vor allem für die Entwicklung linguistischer Theorien sowie für alle Bereiche der Sprachforschung nutzen. 

Geforscht wird in fünf Projekten, darunter etwa die Dokumentation und Analyse der nicht-austronesischen Sprachen des Alor-Pantar Archipels im südöstlichen Indonesien. Sie gehören zu den am schlechtesten dokumentierten Sprachen des Landes und sind alle gefährdet auszusterben. Ein weiteres Projekt widmet sich der Sprachfamilie "Khoisan" im Süden Afrikas. 

Wien erforscht Mansisch und Chantisch

Die Universität Wien beteiligt sich in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilian-Universität München, der Universität Helsinki und der Universität Szeged (Ungarn) am Projekt "Ob-Ugric languages: conceptual structures, lexicon, constructions, categories". Das vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) geförderte Teilprojekt der Uni Wien hat eine Laufzeit von drei Jahren und ist im Oktober 2009 gestartet. Im Fokus stehen die in obugrischen Sprachen Mansisch und Chantisch, die beide vom Aussterben bedroht sind. Mansisch kommt in Nordwest-Sibirien vor und wird nur noch von rund 3.000 Menschen gesprochen. Man geht davon aus, dass die Sprache in rund 20 Jahren ganz aussterben wird.

Vernetzte Zusammenarbeit

Die Abteilung Finno-Ugristik der Universität Wien widmet sich daher der Dokumentation dieser beiden Sprachen. Ziel ist es, sie möglichst umfassend digital zu katalogisieren und zu dokumentieren. Es geht in erster Linie um eine "Revitalisierung der Dokumentation", wie Projektkoordinatorin Johanna Laakso vom Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, Abteilung Finno-Ugristik, gegenüber derStandard.at erklärt. "Die obugrischen Sprachen sind eigentlich überraschend gut erforscht und dokumentiert worden, nur sind diese Materialien nicht mehr zugänglich oder in solch 'exotischen' Sprachen wie Ungarisch, Russisch oder Deutsch erschienen, die die sprachwissenschaftliche Community nicht rezipiert", so die Finnougristin. Ein weiteres Novum am Projekt sei die vernetzte Zusammenarbeit auf europäischer Ebene sowie die Vernetzung mit anderen sprachwissenschaftlichen Forschungsprojekten von EuroBABEL.

Russisch geprägte Schulen

Wie kommt es dazu, dass eine Sprache ausstirbt? Mansisch und Chantisch sind gefährdet, weil der Nordwesten Sibiriens jahrzehntelang von der Sowjetunion beeinflusst war und die Schuldbildung russisch geprägt ist. Ein weiterer Grund für die Zurückdrängung der beiden lokalen finno-ugrischen Sprachen ist die starke Migration in das Gebiet Nordwest-Sibiriens durch Russen, ausgelöst durch Gas- und Ölfunde und dadurch entstehende Jobs. Generell sterben Sprachen aus, weil sie von neuen Generationen oft gar nicht mehr "erworben" werden. "Der Schlüsselfaktor ist die Weitergabe der Sprache", weiß Laakso. Dass Eltern ihre Sprache nicht mehr weitergeben, könne verschiedene sozio-politische, ideologische, wirtschaftliche und andere Gründe haben. "Zum Beispiel wird die Sprache in der Schule nicht gefördert oder sogar nicht toleriert", erklärt die Wissenschaftlerin, "oder Behörden, Lehrer und Kulturpolitiker verbreiten die - wissenschaftlich widerlegte - Auffassung, Mehrsprachigkeit sei schädlich und beeinträchtige den Erwerb der Mehrheitssprache oder den Schulerfolg des Kindes."

Das vorhandene Wissen zugänglich machen

Zurück zu EuroBABEL: Die untersuchten Sprachen sind zwar je nach Projekt sehr unterschiedlich. Trotzdem oder gerade deshalb soll am Ende aber ein besseres Verständnis in der Analyse und Erforschung gefährdeter Sprachen erarbeitet werden. "Die Forschungstradition und das vorhandene Wissen soll der modernen internationalen Linguistik besser zugänglich gemacht werden", erklärt Laakso. Gerade bei Sprachen wie Mansisch und Chantisch sei die Dokumentation wichtig, weil sie fast nur noch in der älteren Generation vorhanden sind. "In den allermeisten Sprechergemeinschaften spricht die junge so gut wie keine obugrische Sprache mehr", weiß Laakso.

Eine der Hauptaufgaben des Wiener Teams ist es, Materialien der mansischen und chantischen Sprache zu internationalisieren, das heißt aus dem Russischen und anderen Sprachen ins Englische zu übersetzen. Darüber hinaus werden mansische und chantische Texte digitalisiert, morphologisch analysiert, ins Englische übersetzt und diese Aufbereitungen in der Folge online zur Verfügung gestellt. (mak, derStandard.at)

  • Die Sprache Mansisch kommt in Nordwest-Sibirien vor und wird nur noch von rund 3.000 Menschen gesprochen. Im Bild: Ein Lager von Rentiernomaden.
    foto: mária sípos

    Die Sprache Mansisch kommt in Nordwest-Sibirien vor und wird nur noch von rund 3.000 Menschen gesprochen. Im Bild: Ein Lager von Rentiernomaden.

  • Johanna Laakso, Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, Abteilung Finno-Ugristik.
    foto: universität wien

    Johanna Laakso, Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, Abteilung Finno-Ugristik.

  • Das Hauptgebäude der Universität Chanty-Mansijsk, die sich am Forschungsprojekt beteiligt.
    foto: elena skribnik

    Das Hauptgebäude der Universität Chanty-Mansijsk, die sich am Forschungsprojekt beteiligt.

Share if you care.