Sprachforschung: Aus Alt mach Neu

4. März 2010, 17:16
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    foto: mária sípos

    Die Sprache Mansisch kommt in Nordwest-Sibirien vor und wird nur noch von rund 3.000 Menschen gesprochen. Im Bild: Ein Lager von Rentiernomaden.

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    foto: universität wien

    Johanna Laakso, Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, Abteilung Finno-Ugristik.

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    foto: elena skribnik

    Das Hauptgebäude der Universität Chanty-Mansijsk, die sich am Forschungsprojekt beteiligt.

Die alten, vom Aussterben bedrohten Sprachen Mansisch und Chantisch werden digitalisiert und analysiert, um neue linguistische Theorien zu entwickeln

Die Sprachenvielfalt der Welt wird sich in den nächsten Jahrzehnten noch einmal dramatisch reduzieren, sagen Experten voraus. Schätzungen zufolge gibt es weltweit zwischen 6.000 und 7.000 Sprachen, wovon - zumindest bis zu einem bestimmten Grad - rund 60 bis 80 Prozent gefährdet sein sollen. Weil es über viele exotische Sprachen nur wenig Information gibt und die Grenze zwischen Sprache und Dialekt häufig unklar ist, kann es diesbezüglich nur Schätzungen geben. 

Entwicklung linguistischer Theorien

Das EU-Programm "EuroBABEL" (Better Analyses Based on Endangered Languages) widmet sich vom Aussterben bedrohten Sprachen. Sie werden aufgezeichnet, digitalisiert und analysiert, um sie für die Nachwelt und die Forschung zu bewahren. Das EU-Programm hebt sich explizit von bereits bestehenden Methoden der Dokumentation von Sprache ab. Denn: Man will die generierten Daten vor allem für die Entwicklung linguistischer Theorien sowie für alle Bereiche der Sprachforschung nutzen. 

Geforscht wird in fünf Projekten, darunter etwa die Dokumentation und Analyse der nicht-austronesischen Sprachen des Alor-Pantar Archipels im südöstlichen Indonesien. Sie gehören zu den am schlechtesten dokumentierten Sprachen des Landes und sind alle gefährdet auszusterben. Ein weiteres Projekt widmet sich der Sprachfamilie "Khoisan" im Süden Afrikas. 

Wien erforscht Mansisch und Chantisch

Die Universität Wien beteiligt sich in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilian-Universität München, der Universität Helsinki und der Universität Szeged (Ungarn) am Projekt "Ob-Ugric languages: conceptual structures, lexicon, constructions, categories". Das vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) geförderte Teilprojekt der Uni Wien hat eine Laufzeit von drei Jahren und ist im Oktober 2009 gestartet. Im Fokus stehen die in obugrischen Sprachen Mansisch und Chantisch, die beide vom Aussterben bedroht sind. Mansisch kommt in Nordwest-Sibirien vor und wird nur noch von rund 3.000 Menschen gesprochen. Man geht davon aus, dass die Sprache in rund 20 Jahren ganz aussterben wird.

Vernetzte Zusammenarbeit

Die Abteilung Finno-Ugristik der Universität Wien widmet sich daher der Dokumentation dieser beiden Sprachen. Ziel ist es, sie möglichst umfassend digital zu katalogisieren und zu dokumentieren. Es geht in erster Linie um eine "Revitalisierung der Dokumentation", wie Projektkoordinatorin Johanna Laakso vom Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft, Abteilung Finno-Ugristik, gegenüber derStandard.at erklärt. "Die obugrischen Sprachen sind eigentlich überraschend gut erforscht und dokumentiert worden, nur sind diese Materialien nicht mehr zugänglich oder in solch 'exotischen' Sprachen wie Ungarisch, Russisch oder Deutsch erschienen, die die sprachwissenschaftliche Community nicht rezipiert", so die Finnougristin. Ein weiteres Novum am Projekt sei die vernetzte Zusammenarbeit auf europäischer Ebene sowie die Vernetzung mit anderen sprachwissenschaftlichen Forschungsprojekten von EuroBABEL.

Russisch geprägte Schulen

Wie kommt es dazu, dass eine Sprache ausstirbt? Mansisch und Chantisch sind gefährdet, weil der Nordwesten Sibiriens jahrzehntelang von der Sowjetunion beeinflusst war und die Schuldbildung russisch geprägt ist. Ein weiterer Grund für die Zurückdrängung der beiden lokalen finno-ugrischen Sprachen ist die starke Migration in das Gebiet Nordwest-Sibiriens durch Russen, ausgelöst durch Gas- und Ölfunde und dadurch entstehende Jobs. Generell sterben Sprachen aus, weil sie von neuen Generationen oft gar nicht mehr "erworben" werden. "Der Schlüsselfaktor ist die Weitergabe der Sprache", weiß Laakso. Dass Eltern ihre Sprache nicht mehr weitergeben, könne verschiedene sozio-politische, ideologische, wirtschaftliche und andere Gründe haben. "Zum Beispiel wird die Sprache in der Schule nicht gefördert oder sogar nicht toleriert", erklärt die Wissenschaftlerin, "oder Behörden, Lehrer und Kulturpolitiker verbreiten die - wissenschaftlich widerlegte - Auffassung, Mehrsprachigkeit sei schädlich und beeinträchtige den Erwerb der Mehrheitssprache oder den Schulerfolg des Kindes."

Das vorhandene Wissen zugänglich machen

Zurück zu EuroBABEL: Die untersuchten Sprachen sind zwar je nach Projekt sehr unterschiedlich. Trotzdem oder gerade deshalb soll am Ende aber ein besseres Verständnis in der Analyse und Erforschung gefährdeter Sprachen erarbeitet werden. "Die Forschungstradition und das vorhandene Wissen soll der modernen internationalen Linguistik besser zugänglich gemacht werden", erklärt Laakso. Gerade bei Sprachen wie Mansisch und Chantisch sei die Dokumentation wichtig, weil sie fast nur noch in der älteren Generation vorhanden sind. "In den allermeisten Sprechergemeinschaften spricht die junge so gut wie keine obugrische Sprache mehr", weiß Laakso.

Eine der Hauptaufgaben des Wiener Teams ist es, Materialien der mansischen und chantischen Sprache zu internationalisieren, das heißt aus dem Russischen und anderen Sprachen ins Englische zu übersetzen. Darüber hinaus werden mansische und chantische Texte digitalisiert, morphologisch analysiert, ins Englische übersetzt und diese Aufbereitungen in der Folge online zur Verfügung gestellt. (mak, derStandard.at)

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Posting 1 bis 25 von 40
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Igor Gassner
00
13.3.2010, 19:39
Nofalls können wir alle Klingonisch lernen

Valentin K.
00
Sprachwissenschaft der Zukunft

Ein Wahnsinn was die Sprachwissenschaft so alles leistet ... es bleibt spannend, was in Zukunft noch alles in der Sprache entdeckt und erforscht wird.

Pyotr Alexeyevich
21
Kampf gegen Windmühlen

In einer globalisierten Welt können halt keine 6500 verschiedenen Codes verwendet werden. Freilich ist's kulturhistorisch schad. Genauso wie's schad ist, dass in Belgien keiner mehr Spitzen klöppeln kann. Mir zieht's auch immer alles zusammen, wenn ich wen treff der in Wien aufgewachsen ist und trotzdem mehr oder weniger Reichsdeutsch spricht. Aber da kann man halt nichts machen. Get over it.

Horizont
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Hey, wir sind Exoten!

"...nur sind diese Materialien nicht mehr zugänglich oder in solch 'exotischen' Sprachen wie Ungarisch, Russisch oder Deutsch erschienen,"

Ja, Deutsch und Russisch sind ja schwer exotische Sprachen. In diesen zurückgebliebenen Regionen, ist ja so etwas wie Wissenschaft und Forschung noch nicht bekannt. Wie amerikanische Forschungsreisende berichten, sind diese Nationen eher folkloristisch geprägt. Berichten zufolge, trägt man dort noch lederne Beinkleidung und lustige Hüte bzw. lodenartige Sackkleider und Stiefel aus Tierhaut. Präsident Obama kündigte sofort ein Entwicklungsprogramm an. In einem Sonderprogramm sollen 1000 arbeitslose Wallstreetbänker ab 2011 in diese rückständigen Regionen zur Zivilisations-Aufbauhilfe entsandt werden.

Igor Gassner
00
13.3.2010, 19:43
Das heisst das nur noch Englisch als Wissenschaftssprache

zählt und dass die Forscher ganz einfach nicht nachsehen wenn etwas nicht ins Englische übersetzt wurde. Na ja in Hundert jahren wird mn dann halt alles wieder ins Chinesische übersetzen.

Nick Tameer
00
Unterm Cowboyhut wird gejodelt

Und gejodelt wird da dem Vernehmen auch noch, jedenfalls in einigen traditionellen Gesängen.

Michael Jack Dundee
 
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Studieren die dann das Überleben in der freien Natur?

Ein Reh bricht aus dem Wald *würg*
01

Dann wird's bald so wie in den SF-Romanen sein:

"Sie sprachen Erd-Standard".

JacklDiHop
01

"Sie sprachen derStandard.at" :-P

fangdenhut
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Man will die entstehende Spracharmut bekämpfen

...indem man Publikationen in "exotischen" Sprachen wie Russisch oder Deutsch unterbindet, oder allerbestenfalls in eine "akzeptierte" Sprache wie Englisch übersetzt. Irgendwie grotesk...

Nick Tameer
10

Wenn Russisch, Deutsch oder auch Ungarisch ernstliche Rezeptionshindernisse darstellen, scheint es jedenfalls so, als seien Sprachforscher Leute, die zwar viel über Sprachen wissen, aber zu wenig Interesse daran oder Talent dazu haben, außer dem einen oder anderen angelsächsischen Idiom (AE, BE) welche zu beherrschen. Sie könnten sich darauf berufen, dass Beethoven ja auch taub war bzw. dass etwa Michelangelo keine vernünftige ästhetische Theorie der Malerei zustande gebracht hat und dass umgekehrt weder Aristoteles noch spätere Ästhetiker als Künstler geglänzt haben.

Herr und Frau Österreicher
 
00
das Zitat verstehe ich auch nicht

aber ich kann mir vorstellen, dass das zitat irgendwie falsch oder unvollständig ist. weil Sinn ergibts eigentlich keinen...

LCD
111

Je mehr Sprachen aussterben, umso weniger Mißverständnisse gibt es. Vor allem die Dialekte sind unnötig.

Nick Tameer
00
Könnte es sich nicht genau umgekehrt verhalten?

Mir scheint es jedenfalls, dass das Verständnis der einen oder anderen Fremdsprache es auf keinen Fall schwerer macht, ja, eher dabei hilft, auch Äußerungen in meiner Muttersprache besser zu verstehen. Ansonsten halt ich die Verschiedenheit von Sprachen für ein eher kurzfristiges wirksames und oberflächliches Problem beim gegenseitigen Verständnis.

Vermute ich zu Recht, dass Fremdsprachen nicht so Ihre Stärke sind und dass Sie auch mit unvertrauten Dialekten eher heftig im Clinch liegen?

Michael Jack Dundee
 
01
Reden und schreiben wir doch einfach alle im Dialekt zwecks Sprachenvielfalt!

Wås haaßt des? Jedea soi so schreibm, wii eam de Pappm gwåxxn is?

Zenon
00

No phain.

Dos easchwöat oba das Lesen.

Michael Jack Dundee
 
00

I håb mit deine Texte kane Probleme.

Regis 1
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Je mehr Sprachen aussterben, umso weniger Mißverständnisse gibt es

stirbt eine sprache, stirbt ein ideenuniversum ..

glaggele leps
01

dialekte ist ja grad das schöne an einer sprache..die 'hoch'-form einer sprache ist ja eigentlich nur dazu da um die vielen dialekte flächendeckent zu bündeln, damit eine und zwar eben diese für alle verständlich ist. wer nur mit der hochsprache aufwächst wird wahrscheinlich auch nur diese beherrschen (interessenabhängig). alle die einen dialekt sprechen, können, wenn auch nicht ganz ohne akzent die jeweilige hochsprache.
ich bin ehrlich sehr glücklich und auch bissl stolz dass ich einen seltenen dialekt spreche, kann aber trotzdem noch andere sprachen in hochform und bissl dialekt, ich verbinde das mit spass und freude am kommunizieren.
wär ja ewig schade um das kulturgut!!
und des mit missverständniss begründen is völliger schwachsinn!

Bauti11
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wahrscheinlich gehörst gerade du zu denjenigen, für die deutsch noch immer "daitsch" ist. Bist in "klogenfurt" z´haus?

LCD
00
Klagenfurt?

Beleidigen brauchst du mich hier nicht!

Michael Jack Dundee
 
00

Es muaß net glei Celovec sein. :-)

werwolfi
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unsinn.

auch *innerhalb* jeder natürlichen sprache gibt es genügend raum für missverständnisse...

LCD
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Das erinnert mich an einen Mony Python Sketch wo einer wissen wollte wo es zum Bahnhof geht, und dafür ein untaugliches Wörterbuch benutzt hat, wo nur Beleidigungen rauskamen.

Nick Tameer
00

Sie meinen sicher das "Dirty Hungarian Phrasebook" (youtube es jeder, der es noch nicht kennt, es ist wirklich lustig). Heraus kamen allerdings - aus Sicht des unbeteilgten Betrachters -geniale (etwa wird der Versuch, Zigaretten zu kaufen - das heißt anscheinend, denn ganz klar wird die wirkliche Absicht nicht - mit den Worten "I *ww*ill not buy this rrecorrd, eet is scrratched" unternommen) und zunehmend bis hin zum Pornographischen anzüglicher werdende Nonssensphrasen.

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